Staukarte

Anna Heller ist die jüngste Brauerei-Chefin Kölns

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Sie weiß, was sie will, und geht als jüngste Brauerei-Chefin Kölns ihren eigenen Weg: Anna Heller vor dem Maischebottich in ihrer Brauerei. Die eingetrübte Flüssigkeit im Glas ist Vorderwürze. Bis daraus Bier wird, dauert es einige Wochen. Foto: Bernd Rosenbaum

Köln. Es ist schon einige Zeit her, dass Anna Heller ein Kölsch getrunken hat. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches, wäre Heller nicht Chefin der kleinen Kölner Brauerei Hellers und Bier trinken demnach – zumindest das regelmäßige Probieren kleiner Mengen – eigentlich Teil ihres Berufs.

Der Grund für Hellers zeitweilige Abstinenz wiegt nur ein paar Kilogramm, ist mittlerweile neun Monate alt und heißt Sophie. Das nach jedem Schritt im Brauprozess notwendige Probieren haben während Hellers Schwangerschaft und Stillzeit entweder ihr Braumeister Gregor Schareck oder ihr Ehemann Steffen übernommen, aber trotzdem ist sie schon kurz nach der Geburt wieder in ihren Job eingestiegen.

Richtig lange fehlen kann man als jüngste Brauerei-Chefin Kölns eben nicht – und das will die 30-Jährige auch nicht. Dazu macht ihr der Job zu viel Spaß.

„Wir sind im Vergleich winzig“

Ein Nachmittag Ende Januar, nur noch wenige Tage bis Karneval: Anna Heller – dunkler Pferdeschwanz, schwarze Hornbrille, offenes Lachen – läuft mit Tochter Sophie auf dem Arm durch die Brauerei, die an der Kölner Roon-straße, mitten im „Kwartier Latäng“, dem Studenten- und Weggehviertel der Stadt, liegt. Der intensive Geruch von Malz liegt in der Luft, der Boden ist glitschig.

4000 Hektoliter Bier werden hier jährlich produziert. Klingt viel, ist aber ein Bruchteil dessen, was bei den großen Kölner Brauereien in die Fässer und Flaschen fließt. Zum Vergleich: Marktführer Reissdorf etwa stellt im Jahr mehr als 600.000 Hektoliter Kölsch her. Von Konkurrenz will Heller deshalb auch erst gar nicht sprechen. „Wir sind im Vergleich winzig. Die großen Brauereien in Deutschland machen unsere Jahresproduktion in acht Stunden“, sagt sie.

Dass sich der kleine Betrieb trotzdem seit 25 Jahren erfolgreich am Markt hält und derzeit auch Jahr für Jahr ein Umsatzplus verbucht, hat zwei Gründe. Schon Hellers Vater Hubert wusste bei der Gründung: Als kleine Brauerei brauchen wir ein Alleinstellungsmerkmal. Er entschied sich für Bio-Bier – hergestellt mit Hopfen und Gerste aus ökologischem Anbau. Das war 1991 und der Bio-Boom noch Lichtjahre entfernt. „Mein Vater wurde damals ausgelacht“, erinnert sich Heller. Heute reißen ihr die Biosupermärkte das Bier förmlich aus den Händen.

Diese Lust am Experimentieren hat Heller von ihrem 2010 gestorbenen Vater geerbt. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie sich vor zwei Jahren etwas traute, was für Kölner Verhältnisse eine echte Provokation darstellt. Die Brauerin erweiterte ihre Produktpalette und begann mitten im Herzen von Köln Altbier, das Lieblingsgetränk des rheinischen Rivalen aus Düsseldorf, zu brauen.

Keine andere große Kölner Brauerei braut Alt. Ausgerechnet Heller – FC-Fan, am Tag nach Fettdonnerstag geboren und damit Kölnerin durch und durch – brach dieses Tabu und ging damit auch noch selbstbewusst an die Öffentlichkeit. Für manchen Kölner muss das in etwa so gewesen sein, als ob FC-Torwart Timo Horn zu Fortuna Düsseldorf wechselt. Hochverrat. Die Kölner Boulevardzeitung „Express“ räumte für diese Geschichte gar ihre Titelseite leer. Und Heller erhielt in der Folge eine Reihe „bitterböser E-Mails mit Beschimpfungen und der Ankündigung, nicht mehr in unser Brauhaus zu kommen“.

Doch anderthalb Wochen später stand auch fest: Die Aktion war ein voller Erfolg. Die ersten 2000 Liter Altbier waren ausverkauft. Und Heller wusste: Der Mut zur Provokation hat sich gelohnt. Seither gehört das Altbier fest zum Sortiment. Überhaupt geht Heller resolut und unbeirrt ihren eigenen Weg. Sie ist nicht Mitglied im Kölner Brauerei-Verband und hat mit den großen Brauereien der Stadt kaum Berührungspunkte. Stattdessen verfolgt sie konsequent ihre eigenen Ziele.

Basilikum ins Bier? Warum nicht!

Dabei wollte Heller zuerst eigentlich gar nicht Bier brauen, sondern Leichen sezieren. Rechtsmedizin statt Brauereikeller. Doch es kam anders: Hellers Abiturschnitt war für das Medizinstudium zu schlecht, und ihr Vater Hubert hatte schon früh das Gefühl, dass seine Tochter Anna in die Brauerei gehört.

Nach dem Abitur machte Heller deshalb ein fünfmonatiges Praktikum im elterlichen Betrieb und merkte: „Das ist mein Ding.“ Während ihrer Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin paukte Heller – als einzige weibliche Auszubildende unter 30 Männern – Anlagentechnik, lernte, wie Pumpen und Ventile funktionieren und welche chemischen Prozesse die Rohstoffe auf dem Weg zum Bier durchlaufen. „Als Frau war ich ehrgeiziger. Ich wusste, das ist eine absolute Männerdomäne, und den anderen Azubis wollte ich es zeigen“, sagt Heller. Das tat sie – und schloss die Ausbildung als Jahrgangsbeste ab.

Dass Heller irgendwann die Leitung der väterlichen Brauerei und des zugehörigen Brauhauses übernehmen würde, war damals schon klar. Doch dass es so schnell gehen würde, ahnte sie nicht. Heller war Mitte 20 und seit eineinhalb Jahre mit ihrer Ausbildung fertig, als ihr Vater plötzlich starb. Von einem Tag auf den anderen war sie nun Chefin von zwölf fest angestellten Mitarbeitern und zahlreichen Aushilfen und zuständig dafür, dass der Laden lief. Keine einfache Zeit, denn Heller musste nicht nur lernen, mit dem plötzlichen Verlust ihres Vaters umzugehen, sondern auch den Wandel von „der kleinen Anna“ zur Chefin vollziehen.

Doch Heller wuchs mit ihren Aufgaben. Selbst auf die Karnevalstage – die umsatzstärkste Zeit im Jahr – blickt sie mittlerweile sehr gelassen. „Wir haben alles gut vorbereitet. Der Rest ist Routine.“ Und generell gilt für sie an Karneval: immer schön nüchtern bleiben.

Und die Zukunft? Heller würde gerne weiter experimentieren. Doch das Reinheitsgebot für Bier aus dem Jahr 1516 setzt ihr – und auch vielen anderen handwerklich arbeitenden Kleinbrauereien – enge Schranken. Demnach darf nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser ins Bier. Heller könnte sich aber auch gut vorstellen, das Bier mit Gewürzen zu verfeinern, Basilikum oder Ingwer zum Beispiel.

Doch bei aller Lust am Experimentieren – eins käme ihr dann doch nicht in die Tüte, pardon ins Fass: Limonade. Dabei gibt es kaum eine große Brauerei, die in den vergangenen Jahren nicht eine Brause oder ein Mixgetränk auf den Markt gebracht hat. Heller will das nicht: „Das Limonade machen überlasse ich lieber den Getränkeherstellern, die es können.“ Auch da geht sie ihren eigenen Weg und bleibt sich selbst treu. Und dem Bier.

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