Angst vor der Panik, nicht vor Anschlägen

Von: Verena Müller
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Laut Ikea Heerlen ist die Kund
Laut Ikea Heerlen ist die Kundenzahl nach den Anschlägen in anderen Filialen nicht gesunken - auch wegen der aktuellen Angebote. Foto: H. Krömer

Heerlen. Ein dünner Popklangteppich liegt über der Schlafzimmerabteilung von Ikea, eine Mitarbeiterin hebt ein Ausstellungsbett am Fußende hoch, eine zweite zieht den grauen Teppich darunter gerade.

Eine Frau mit kurzen dunkelrot gefärbten Haaren hat sich einen Bügel ihrer Brille in den Mund gesteckt und presst die Lippen gedankenverloren zusammen, während sie das Innenleben eines Kleiderschranks studiert. Viel ist nicht los, im Heerlener Möbelhaus, die Kunden - meist mit Partner oder Kindern - kommen sich mit den großen gelben Plastiktüten nicht in die Quere, nur im Kinderland stauen sich ein paar Buggys.

Ein ganz gewöhnlicher Mittwochvormittag, könnte man meinen. Dass es in vier anderen Filialen in den vergangenen Wochen kleinere Sprengstoffexplosionen gegeben und die „Soko Ikea” des Landeskriminalamts Sachsen nicht einmal ein Täterprofil hat, scheint hier niemanden zu beunruhigen. Diejenigen, die fürchten, dass die Filiale in Heerlen die nächste sein könnte, bleiben eh zu Hause.

In der Führungsebene der schwedischen Möbelhauskette scheint die Angst vor der Panik dieser Tage größer zu sein als die vor der tatsächlichen Bedrohung. Man wolle nicht, dass Kunden auf die Sprengsätze, die in den Niederlanden, in Deutschland, Belgien und Frankreich explodiert sind, angesprochen werden, heißt es aus der niederländischen Zentrale in Amsterdam. Es müsse jetzt „Ruhe zurückkehren”. Und von einem erhöhten Risiko will Ikea auch nichts wissen.

Die Anordnung, die Eingänge an jedem Ikea in Europa durch zwei zusätzliche Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes bewachen zu lassen, sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, die „nichts mit einem möglichen höheren Risiko” zu tun habe, teilte Ikea unserer Zeitung weiter mit. Weitere Sicherheitsvorkehrungen wie etwa Taschenkontrollen gibt es nicht.

Am Ausgang des Heerlener Ikea wartet Marleen Karadana aus Schinnen-Doenrade auf ihren Mann. Es regnet, auch der Sicherheitsdienst hat sich unter das Vordach zurückgezogen. „Ich habe keine Angst”, sagt Marleen Karadana, „ich glaube, man würde sonst auch das Unglück anziehen.” Sie überlegt kurz. „Ja, das denke ich wirklich. Das klingt vielleicht etwas abergläubisch.” Sie käme öfter nach hier. Dass zwei zusätzliche Mitarbeiter der Sicherheitsfirma an Ein- und Ausgang stehen, habe sie gar nicht bemerkt. Auch viele andere Kunden sagen, dass sie nicht mit anderen Augen durch das Möbelhaus gegangen seien, geschweige denn besorgt seien.

Ikea selbst ist derweil darum bemüht zu vermitteln, dass alles wie immer ist. „Dass weniger Kunden kämen, kann ich nicht feststellen”, sagt der Heerlener Marketingmanager David Loozen. Das läge sicher auch an den aktuellen Angeboten. Über die Sprengsätze spricht er nicht so gerne, „man sollte das Thema nicht größer machen als es ist”, sagt er. Stattdessen redet er lieber über die Besonderheiten „seines” Ikeas: dass über 30 Prozent der Kunden aus Deutschland stammen, 17 Prozent aus Belgien und der Rest aus den Niederlanden. Dass die Werbung, die für die Filiale in Heerlen im Einzugsgebiet geschaltet wird, an das jeweilige Land angepasst werde.

Ob Kunden die Mitarbeiter nicht auf die Anschläge angesprochen hätten? „Ach so. Nein. Kommentare gab es schon. Aber Angst haben unsere Kunden nicht”, sagt Loozen. Die Mitarbeiter ebenso wenig. Sie seien nur angehalten, noch wachsamer als sonst zu sein. Erkenntnisse über den oder die Täter oder die Ziele der Anschläge habe Ikea nach wie vor nicht, sagt Loozen weiter.

Auch das Landeskriminalamt Sachsen, wo die „Soko Ikea” die Ermittlungen koordiniert, tappt im Dunkeln. „Wir haben noch keine neuen Erkenntnisse”, sagt Sprecherin Silvaine Reiche unserer Zeitung. 33 Hinweise seien inzwischen eingegangen und „einige Spuren noch nicht ausgewertet”. Außerdem wolle man sich in den kommenden Tagen mit Kollegen anderer Ämter zusammensetzen, auch um neue Ansätze zu diskutieren. Vor nächster Woche sei aber nicht mit Ergebnissen zu rechnen.

Das Bundeskriminalamt wollte sich nicht zu den möglichen Hintergründen der Taten äußern. Spekulationen, dass - wie im Fall des Zentis-Erpressers - finanzielle Interessen eher nicht das Motiv sind, seien natürlich naheliegend, sagt eine Sprecherin nur. Denn ein angebliches Bekennerschreiben wird einem Trittbrettfahrer zugeschrieben. Zumal die Drohungen gegen Ikea-Häuser in Göttingen und Hildesheim eine Luftnummer sind - dort gibt es gar keine Filialen. Dem BKA liegen zwar Fallstudien über sogenannte Produkterpresser vor, aber daraus ließe sich auch noch nichts Verwertbares für die Ikea-Fahndung ableiten, heißt es weiter. Globalisierungskritik, Rache eines ehemaligen Mitarbeiters, Sabotage durch einen Konkurrenten - im Moment scheint noch alles denkbar. In den Niederlanden hatte es bereits mehrfach Drohungen gegen den Konzern gegeben, ein Mann und eine Frau waren zu Haftstrafen verurteilt worden.

Während in Sachsen die Suche weitergeht, geht in Heerlen alles seinen gewohnten Gang. „Ich habe gar nichts von der Anschlagsserie mitbekommen”, sagt Petra Müller aus Aachen, während sie eingeschweißte Bilderrahmen aus dem Einkaufswagen ins Auto räumt. „Ich würde mich aber nicht anders verhalten, jetzt, wo ich davon weiß.”

Vier Länder, vier Sprengsätze, zweimal Fehlalarm

Am Freitag vor Pfingsten detonierte in der Küchenabteilung des Ikeas in Dresden ein Sprengsatz. Zwei Kunden erlitten ein Knalltrauma, es entstand geringer Sachschaden. Mehrere Bekennerschreiben tauchten auf, an ihrer Echtheit haben die Ermittler aber erhebliche Zweifel.

Ende Mai waren bereits bei Ikea-Filialen im flämischen Gent, im niederländischen Eindhoven und in Lomme in Nordfrankreich Sprengsätze gleicher Bauart explodiert. In allen drei Fällen wurden Wecker verwendet.

Zweimal Fehlalarm:Am Mittwoch vergangener Woche wurde im Kieler Ikea ein herrenloses, in Schaffell eingewickeltes Handy ohne SIM-Karte in der Bettenabteilung gefunden. Am vergangenen Sonntag wurden außerdem kurzfristig das Parkhaus des Ikeas in Delft und dessen angrenzende Verkaufsräume geräumt, weil ein verdächtiges Paket gefunden wurde. Es enthielt aber keinen Sprengstoff.
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