Angst vor atomarer Katastrophe: Peter Laws ist auf Ernstfall vorbereitet

Von: Madeleine Gullert
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Atemschutzmasken, Schutzanzüge und Schutzbrillen: Der Aachener Peter Laws überlässt nichts dem Zufall. Er wünscht sich, dass der belgische Meiler Tihange2 abgeschaltet wird. Doch so lange der Reaktor am Netz ist, müsse man für den Ernstfall gewappnet sein. Foto: Harald Krömer
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Jeder sollte sie haben, sagte Peter Laws: eine Atemschutzmaske.

Aachen. Peter Laws ist auf den atomaren Ernstfall vorbereitet. Der belgische Pannenmeiler Tihange 2 liegt nur 65 Kilometer von Laws Wohnung entfernt. Das beunruhigt ihn, wie viele andere Aachener auch. Weil Laws sich nicht von der Angst lähmen lassen will, hat er gehandelt. Er hat sich über den Meiler informiert und hält ihn für gefährlich. Deshalb hat sich Laws eine Ausrüstung für den Notfall angeschafft.

Was also würde passieren, sollte der GAU eintreten? Laws hat das minuziös geplant. Er würde sich eine seiner Atemschutzmasken aufsetzen. Sie soll vor Giften schützen. Die genormten FFP3-Masken sind die effektivsten. Sie sollen 99Prozent aller Partikel filtern – zumindest einige Stunden lang. Einen Zehnerpack solcher Masken gibt es im Internet für 30 Euro. Schutzanzüge hat Laws auch und Schutzbrillen. In dieser Montur könne man zumindest heil nach Hause kommen, ohne kontaminiert zu werden, sagt der selbstständige IT-Spezialist.

Seine beiden Töchter (13, 15) haben ihre Atemschutzmasken in ihren Schulranzen. „Sollte es eine atomare Wolke geben, sollen sie direkt nach Hause kommen. Auch wenn der Lehrer etwas anderes anordnet“, sagt der geschiedene Vater. Dann würde er die Fenster mit einem speziellen Schaum versiegeln und sich mit den Töchtern in der Wohnung aufhalten. Vorräte hat er genug: Wasser für mehrere Tage, Saft, haltbares Essen. „Wenn die größte Panik vorbei wäre, würden wir uns ins Auto setzen und losfahren.“ Wohin? Nun, das hinge davon ab, wohin der Wind die atomare Wolke wehe. „Lachen Sie nicht!“ Die Türkei sei eine Option. Nur, das müsse man sich auch leisten können.

Und was ist mit den Jodtabletten, um deren Verteilung es in den vergangenen Tagen wieder vermehrt Diskussionen gab? Ja, sagt Laws, er habe sich auch Jodtabletten gekauft. Die aber seien doch lediglich so etwas wie „Beruhigungspillen“, weil sie nur gegen eine Krebsart helfen. Das Chaos bei einer Verteilung erst im Ernstfall möchte er sich aber nicht antun. Außerdem vertraut er der Informationskette zwischen Belgien und Deutschland nicht. „Wer weiß, wann wir von einem Unfall erfahren?“ Wenn Tabletten aber zu spät eingenommen würden, könnte das schädlich sein.

„Und halten Sie mich jetzt für einen Spinner?“, fragt Laws, nachdem er seine Überlebens-Ausrüstung auf seinem Wohnzimmertisch aufgebahrt hat. Er weiß, dass sein Vorgehen so folgerichtig er es findet, auf andere Menschen mitunter seltsam wirkt. Er würde in eine Ecke gestellt mit sogenannten Preppern, die sich auf jede Art von Katastrophe vorbereiten. Es gebe Gerüchte, er habe einen Bunker gebaut. Völliger Blödsinn. „Ich reagiere nur auf eine ganz konkrete Bedrohung: Tihange 2 und Doel 3 müssen abgeschaltet werden.“ Ganz bewusst trete er öffentlich betont seriös auf, mit Hemd und nicht mit Anti-Atom-Shirt, für das er ohnehin nicht der Typ wäre. „Ich bin kein Aktivist.“

Ein Freund der Kernenergie sei er zwar noch nie gewesen. „Ein zu teures Risiko.“ Aktiv geworden sei Laws aber erst, als ihm das Ausmaß der Probleme in Tihange und Doel bewusst geworden sei. 2012 wurde bekannt, dass sich in den Reaktordruckbehältern der Meiler Tausende Risse oder Wasserstoffflocken befinden. Tihange 2 und Doel 3 wurden von März 2014 bis Dezember 2015 wegen Sicherheitsbedenken vom Netz genommen. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC erlaubte dem Betreiber, der französischen Firma Engie Electrabel, das Wiederanfahren. Internationale Wissenschaftler hätten die Sicherheit bewiesen. Doch daran zweifeln nicht nur Atomgegner, sondern auch deutsche Atomexperten der Bundesregierung.

Nach dem Studium etlicher wissenschaftlicher Untersuchungen und Regierungsberichten – Laws ist einer, der Nummern von Bundestagsdrucksachen auswendig kennt, – sei er mehr als besorgt. Ein Gefühl, das viele Menschen in der Region umtreibt. „Es gibt einige Menschen hier, die sich auf einen atomaren Unfall vorbereiten“, sagt Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie. Da gibt es den Aachener, der sein Wohnmobil immer abfahrbereit vor dem Haus stehen hat. Oder das Ehepaar, das sich vorsorglich mit Konserven eindeckt. Schutzmasken und Anzüge seien sinnvoll, gibt Schellenberg zu. „Eigentlich müsste das jeder haben.“ Es entspräche auch den Empfehlungen, etwa des Robert-Koch-Instituts. Er selbst habe aber nur Jodtabletten. „Ich kämpfe dafür, die Meiler abzuschalten. Ich weigere mich, mich auf einen GAU vorzubereiten.“ Es wäre wohl eine Art Eingeständnis für den Mann, der sein Leben dem Kampf gegen AKW gewidmet hat.

Laws sieht das pragmatisch. Wenn es eine Möglichkeit gibt, sich zu retten, müsse man die wahrnehmen. Für 25 Euro bekäme jeder ein vergleichbares Survival-Set. Er wünscht sich, dass der Staat zumindest die Schutzmasken jedem Bürger zur Verfügung stellt. Auch wenn er keine Weltuntergangsszenarien herbeireden will, fragt er sich schon, was passiere, wenn seine beiden Töchter als einzige Masken hätten. „Die Gefahr besteht, dass jemand sie ihnen wegnimmt.“ Auch weil er eine Panik fürchtet, würde er sich in den ersten Tagen nach einem atomaren Unfall in seiner Wohnung verschanzen.

Seine Familie und seine Bekannten finden gut, was Laws da macht. Gerade seine Töchter. „Die beiden hatten Angst, als sie von immer neuen Pannen in Tihange hörten“, sagt Laws. Gemeinsam hätten sie überlegt, was man tun könne. Auch wenn er sich nicht vorstellen mag, dass plötzlich die Sirenen losheulen. „Ich will nicht die Menschheit retten, aber ich habe einen Plan für uns drei.“

Dann wich die Angst dem Ärger. „Warum lasst Ihr Erwachsenen das zu?“, hätten seine Töchter gefragt. Ihretwegen habe er die Pflicht, zu handeln: etwa, indem er Interviews gibt. Dabei stehe er gar nicht so gern im Mittelpunkt. „Die Bevölkerung muss sich weiter gegen Tihange 2 und Doel 3 wehren. Nur so kann man der Bundesumweltministerin ein Momentum zum Handeln geben.“ Ohne die bisherigen Proteste aus der Grenzregion und aus NRW – wer weiß, ob sich Barbara Hendricks (SPD) mit dem Thema überhaupt befasst hätte? Immerhin forderte die Umweltministerin Belgien kürzlich dazu auf, die Meiler vorübergehend stillzulegen. Passiert ist nichts.

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