Angst haben: Schlimm, aber nicht falsch

Von: Peter Pappert
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Der Staat zeigt sich abwehrbereit: Polizeieinsatz in dieser Woche in Hannover. Foto: dpa

Aachen. Wer Martinshörner hört und Blaulicht sieht, dachte vor einer Woche meist an Unfälle oder Feuer, seit ein paar Tagen eher an einen Anti-Terror-Einsatz. So ergeht es vielen Menschen. Nicht wenige haben Angst – momentan eher vor Anschlägen als vor einem tödlichen Autounfall, obwohl letzteres Unglück um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist als Attentate.

Angst ist schlimm, aber per se nicht negativ. Im Gegenteil: Sie schützt schließlich vor Unbesonnenheit und warnt vor Gefahren. Angst ist lebensnotwendig. Angst hat zu tun mit Beeinträchtigung des gewohnten und geschützten Lebens, vor allem mit Ungewissheit, wie stark und wie lange es gestört werden könnte. Wir fürchten uns weniger vor konkreten Taten oder Risiken, sondern mehr vor unseren Vorstellungen von dem, was vielleicht passiert.

Gut gemeinte Appelle

Für Philosophen ist Angst eine Form der Erkenntnis. Sören Kierkegaard hat ein ganzes Buch über die Angst geschrieben, die für ihn eine Bedingung menschlicher Freiheit darstellt, ja die menschliche Existenz geradezu grundlegt. Er rät zum rechten Maß. Der Mensch gehe „dadurch zugrunde, dass ihm nie angst war, oder dadurch, dass er in der Angst versinkt“. Wer gelernt habe, „sich recht zu ängstigen, der hat das Höchste gelernt“. Auch für Jean-Paul Sartre gehören menschliches Bewusstsein, Freiheit und Angst eng zusammen. „Der Mensch ist Angst“, hat er gesagt.

Jeder kann sich selbst fragen, ob er einen arabisch aussehenden, einen fremdländisch gekleideten oder als Muslim erkennbaren Mann mit Skepsis betrachtet, bei dessen Anblick an den Islamischen Staat oder an Bedrohung durch Terror denkt. Wem noch nie solche Assoziationen durch den Kopf gegangen sind, mag sich glücklich schätzen; sie kommen aber wahrscheinlich häufiger vor, als gemeinhin zugegeben wird.

Wer sich vor solchen Vorurteilen bewahren will, wird sich am besten zunächst der eigenen Befangenheit bewusst; sich selbst gegenüber sollte man wenigstens ehrlich sein. Womöglich fragt man sich: „Bist Du jetzt ein Ausländerfeind, ein Spießbürger oder gar ein Rassist?“ Solche Überlegungen sind nicht abwegig, sondern dienen dazu, sich über die eigene Haltung zu Ängsten und Gefahren Rechenschaft abzulegen.

Als Gegenteil von Angst gilt der Mut. Und man kennt den Übermut als zu viel an Mut. Überangst gibt es nicht, weil sich – im Gegensatz zum Mut – bei der Angst viel schwieriger sagen lässt, wann sie übertrieben ist. Appelle von Politikern und Medien, wir dürften uns der Angst nicht beugen, weil sonst das Geschäft der Terroristen betrieben werde, sind gut gemeint und richtig, lassen sich aber nicht befolgen wie Wahlaufrufe. Wenn ich Angst habe, kann ich sie nicht abstellen, weil der Innenminister sagt, ich müsse keine haben. Trotzdem kann ich versuchen, sie auszuhalten.

Die Menschen in Paris müssen jetzt Angst haben, weil sie nicht wissen, wie viele zu allem entschlossene Islamisten nach wie vor unter ihnen sind. Bewohner in Saint-Denis mussten vorgestern eine mehr als einstündige Schießerei in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft hilflos und auf dem Boden liegend ertragen. Dort haben alle Angst, und jeder versteht das. Am Freitag wird der Aachener Weihnachtsmarkt eröffnet. Wer Angst hat, ihn zu besuchen, stößt auf weit weniger Verständnis.

Beruhigender Rat

Wer Angst hat, ist auf sich selbst zurückgeworfen (Martin Heidegger) – allein. Angst darf also nicht verschwiegen, sondern muss ausgesprochen werden. Häufig besteht aber Angst, sich zur Angst zu bekennen. Darüber zu reden, wäre die Voraussetzung, gegen sie anzugehen. Das gelingt nur, wenn Ängstliche nicht verlacht werden von den Gelassenen oder sogar Mutigen, von denen man sich wünscht, dass sie nicht leichtsinnig sind. Aber nach Leichtsinn ist derzeit sowieso kaum jemandem zumute.

Wer sich vor einer Autobahnfahrt oder einem Flug fürchtet, bekommt zu hören: „Was soll Dir denn passieren?“ Die beruhigende Aussage stützt sich auf das Gesetz der Wahrscheinlichkeit; wir lassen uns jeden Tag darauf ein. Dass es nicht so schlimm sei, will aber niemand hören, der sich aufgrund der Pariser Attentate fürchtet. „Mach Dir keine Sorgen; Dir kann nichts passieren!“ Ist es ehrlich, einer ängstlichen Freundin das jetzt zu sagen? Ehrlichkeit ist nicht das angemessene Kriterium; die Aussage ist weder ehrlich noch unehrlich.

Wer seinem Kind sagt, der tägliche Schulweg sei sicher, lügt es nicht an, obwohl die Gefahr, von einem Auto angefahren zu werden, deutlich größer ist als die Chance, im Lotto zu gewinnen; und Lotto spielt man ja auch – mit der ewigen Hoffnung zu gewinnen. Es entspringt der Liebe zu den Nächsten, ihnen Zuversicht zu vermitteln und sie nicht in ihren Sorgen und Zweifeln zu bestärken. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich dieses Phänomen auf die staatliche Ebene übertragen.

Nach Anschlägen wie jenen in Paris steigen die Erwartungen an den Staat, dass er „etwas tut“. Was, können diejenigen, die die Forderung stellen, meistens nicht sagen. Die Verantwortlichen stehen unter doppeltem Handlungszwang: Die Bedrohung erfordert und die Bevölkerung erwartet Aktion. Fehler sind unvermeidlich, aber nicht dramatisch, wenn das Volk wie hierzulande den politisch Verantwortlichen grundsätzlich vertrauen kann.

Es ist leicht, Polizei und Verfassungsschutz übertriebenen Aktionismus vorzuwerfen, wenn sie etwas vorhaben oder tun, das nicht augenblicklich Wirkung zeigt, wenn sie zugreifen, aber hernach zurückrudern müssen. Nicht jeder Verdächtige ist ein mutmaßlicher Täter – Gott sei Dank. Nicht jeder Festgenommene kommt in U-Haft; manche werden schnell wieder freigelassen. Das gehört sich so in einem Rechtsstaat. Wer darauf besteht, dass nur noch Täter geschnappt werden, benötigt eigentlich gar keine Prozesse mehr. Das wäre dem Rechtsstaat nicht gemäß. Es gibt erfreulicherweise Verdächtige, die sich als unschuldig erweisen.

Gegenseitiges Vertrauen

Nach allem, was bisher zu erkennen ist, handeln die deutschen Sicherheitsbehörden unter den aktuellen Anforderungen – bei allen Defiziten – angemessen und verlässlich. Das anzuerkennen, bedarf es eines gewissen Grundvertrauens zwischen Regierenden und Regierten; beide Seiten sind umso mehr darauf angewiesen, je dramatischer die politische Lage ist. Das Volk muss sich auf die Handlungsfähigkeit des Staates verlassen können. Jeder benötigt Zuversicht, dass er persönlich sicher lebt. Diese Bedürfnisse seiner Bürger hat der Staat ernstzunehmen. Sie sind unter den Deutschen ebenso unterschiedlich ausgeprägt wie die Angstgefühle und die Sorgen um Freiheit und Freizügigkeit.

Wenn es um schlimme Botschaften geht, stellt sich ein Arzt auf die Psyche seiner Patienten ein: die Ängstlichen schonen, die Traurigen trösten, den Stabilen reinen Wein einschenken und hartnäckig Fragenden klipp und klar sagen, was Sache ist. Solchermaßen zu differenzieren, steht der Politik nicht zu Gebote. Sie muss sich an alle gleichermaßen wenden.

Freiheit und Sicherheit bedingen einander. Wie sie in guter Balance zu halten sind, muss immer neu erkundet werden. Dass das hierzulande nicht gelingt, davor braucht bisher niemand Angst zu haben. Wenn in den kommenden Wochen nichts geschieht, wird die Angst abnehmen. Und irgendwann wird sie, so ist zu befürchten, wiederkommen.

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