Eschweiler/Stolberg - Angeklagter flieht aus Gerichtstoilette: Großfahndung

Angeklagter flieht aus Gerichtstoilette: Großfahndung

Von: Annika Kasties
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amtsgericht eschweiler
Aus dem mittleren der oberen drei Fenster sprang der Angeklagte rund acht Meter tief auf den Betonboden – durch das Welldach des „Laubengangs“, das er durchbrach. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler/Stolberg. Das Szenario erinnert an die Flucht des Aachener JVA-Insassen aus der Kölner Gaststätte „Früh“ am 20. Januar dieses Jahres. Erneut entkommt ein Häftling aus der Region auf spektakuläre Weise. Und erneut spielt der Gang zur Toilette dabei eine elementare Rolle.

Während seiner Verhandlung im Amtsgericht Eschweiler entkam am Mittwoch der als gewaltbereit bekannte Carsten B. durch ein Toilettenfenster. Der Stolberger war wegen schwerer räuberischer Erpressung angeklagt.

Nach der Verlesung der Anklage habe der 25-Jährige darum gebeten, die Toilette aufsuchen zu dürfen, teilte Rainer Harnacke, Direktor des Amtsgerichts Eschweiler, auf Anfrage unserer Zeitung mit. Zwei Wachtmeister hätten den Angeklagten in den Toilettenraum begleitet, der sich gegenüber des Sitzungssaals im ersten Obergeschoss des Amtsgerichts befindet, und sich vor der Toilettenkabine postiert. B. habe dann das Fenster geöffnet, sei über die Brüstung geklettert und in den Innenhof gesprungen.

Die Justizbeamten hätten noch versucht, die Tür zur Toilette einzutreten. Doch B. war schneller. Im Innenhof überwand er ein etwa zwei Meter hohes Rolltor und flüchtete in Richtung Innenstadt. Sie hefteten sich an seine Fersen – vergeblich.

Für den Angeklagten von Nutzen war bei seiner Flucht, dass etwa fünf Meter unterhalb des Toilettenfensters ein provisorisches gewelltes Dach errichtet war, das einen Container auf dem Innenhof vor Regen schützen sollte. Es bremste den Sturz aus dem Fenster ab und wurde dabei beschädigt. Der Innenhof befindet sich rund acht Meter unterhalb des Fluchtfensters. Dass ein Angeklagter bei dieser Höhe einen Sprung aus dem Fenster zur Flucht nutzen könne, damit, sagt der Direktor des Amtsgerichts, hätte er nicht gerechnet. „Man kann den Wachtmeistern keinen Vorwurf machen“, nimmt er die Beamten in Schutz.

Denn um die „außergewöhnliche Unterbrechung“ der Hauptverhandlung möglichst kurz zu halten, haben die Wachleute mit dem Angeklagten extra jene Toilette aufgesucht, die dem Sitzungssaal am nächsten liegt. Diese wird auch von anderen Verhandlungsteilnehmern und Besuchern des Amtsgerichts benutzt. Die Fenster sind nicht gesondert gesichert. Eigens gesicherte Toiletten befinden sich im Amtsgericht Eschweiler nur in den sogenannten Vorführzellen im Untergeschoss. In eine dieser Zellen wurde der Angeklagte vor Verhandlungsbeginn gebracht. Er hätte dort auch die Mittagspause verbringen sollen.

Das Landgericht Aachen hatte den Mann bereits Anfang des Monats wegen versuchten schweren Raubes zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und zwei Monaten verurteilt. Da das Urteil nicht rechtskräftig ist, befand er sich noch in Untersuchungs- und nicht in Strafhaft. Bereits im Januar 2014 war B. bei einem Fußballspiel zwischen dem TSV Donnerberg und dem VfL Vichttal wegen aggressiven Verhaltens aufgefallen. Auf einen Platzverweis reagierte er, indem er den Schiedsrichter schubste.

Welche Konsequenzen B.’s Flucht für die Sicherheitsvorkehrungen im Amtsgericht Eschweiler haben werden, ist noch ungewiss. „Wir müssen uns jetzt überlegen, ob wir bestimmte Angeklagte für einen Toilettengang nur noch in die Vorführzelle bringen oder ob wir sie anders sichern“, sagte Harnacke.

Die Polizei fahndet nun in der ganzen Region nach dem Stolberger. Er ist 1,78 Meter groß, athletisch, wiegt 98 Kilogramm, trägt kurzes blondes Haar (links gescheitelt) und einen Dreitagebart. Bei seiner Flucht trug er einen schwarzen Trainingsanzug der Marke Adidas mit silber-schwarzen Streifen und schwarze Turnschuhe. Die Polizei warnt davor, ihn anzusprechen. Hinweise an Telefon 110.

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