Aachen - Angeklagter Ali C. verliert sein Tatmotiv

Angeklagter Ali C. verliert sein Tatmotiv

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Der wegen Totschlags an einer Aachener Unternehmerin angeklagte Schweißer Ali C. (45) steht möglicherweise vor einem Freispruch.

Seinen Verteidigern kam am Donnerstag nicht nur das Gutachten der forensischen Psychiaterin Konstanze Jankowski zugute. Ali C.s Anwälte Harald Bex und Björn Hühne hatten zuvor in zäher Kleinarbeit deutliche Ermittlungspannen der Polizei und möglicherweise vorschnelle Tatrückschlüsse der Beamten herausgearbeitet.

Die 72-jährige Unternehmerin aus Aachen-Haaren war am 13. April 2010 von einer ihrer Töchter tot auf der Kellertreppe aufgefunden worden; man dachte zunächst an einen Sturz. Schnell aber stellte sich heraus: Am Abend vorher hatte sie jemand erdrosselt. Die Ermittler fanden zwar DNA-Spuren des Angeklagten am Hals der Toten - an der eigentlichen Tatwaffe, einem Handtuch, ließen sich keine Spuren von Ali C. finden.

Auch bei einer Nachuntersuchung des Handtuches, mit der die 72-Jährige getötet worden war, fand man einzig weibliche DNA. In einem Nebensatz hatte der rechtsmedizinische Gutachter ausgeschlossen, dass das Opfer vor der Strangulierung mit bloßer Hand am Hals gewürgt wurde.

Ali C. hatte angegeben, an jenem Abend die leblose Frau tot aufgefunden und sofort versucht zu haben, ihren Hals aus dem zur Schlinge gebundenen Handtuch zu befreien. Die Ermittler gingen davon aus, dass das Opfer bereits in der Küche mit einem Pfefferspray traktiert und dann im Keller aus Panik getötet wurde. Dazu passt, dass die Anklage nicht von Mord, sondern von einem eher affektgesteuerten Totschlag ausgeht.

Doch das von der Anklage ausgemachte Motiv lässt sich kaum mehr halten. Der angeblich spielsüchtige Ali C. habe laut Anklage 1000 Euro Schulden nicht zahlen wollen und die 72-Jährige deswegen getötet. Sein Neffe und zeitweiliger Arbeitgeber, Hüseyin C., beteuerte im Zeugenstand, 1000 Euro seien für sie nicht viel Geld.

Und ein echter Spieler war Ali C. offenbar ebenfalls nicht. Der Leumund des gut verdienenden Anlagenbauers und Vaters von vier Kindern ist bis auf sich wiederholende Frauengeschichten gut. Auch die psychiatrische Gutachterin fand keine Anzeichen von zerstörerischer Spielsucht beim Angeklagten. Er selbst sagte, er spiele zwar gerne an Automaten, aber nicht übermäßig.

Die Psychiaterin beschrieb ihn als umgänglichen und gut gelittenen Menschen, der Frauenherzen leicht erobere. Zu Panikhandlungen neige er keineswegs. Im Übrigen sei das „dynamische” Tatgeschehen folgerichtig und überlegt ausgeführt worden, beschrieb Jankowski die Ermittlungserkenntnisse. Das passt überhaupt nicht zu der staatsanwaltschaftlichen Version, der Täter habe durch seine Pfefferspray-Attacke Angst vor einer Anzeige bei der Polizei bekommen. Nun gilt es für die Anwälte, ein weiteres Indiz möglicherweise entkräften zu können. In einer Spielhalle hatte C. vor Monaten ein Pfefferspray erworben. Das, so der Rückschluss der Polizei, soll er auch in der Tatnacht eingesetzt haben.

Die Anwälte beantragen nun, das am Tatort gefundene orangefarbene Spray von einem Experten untersuchen zu lassen. Denn sie bezweifeln, dass es sich um das von ihrem Mandanten erworbene handelt. Das Gericht wird, so deutete der Vorsitzende Richter Gerd Nohl am Donnerstag an, den Anträgen Folge leisten und den Hersteller des Pfeffersprays als Fachzeuge befragen. Nach dem Ermittlungs-Desaster mit einem angeblich wochenlang verschwundenen Tempotuch, das plötzlich wieder auftauchte, wäre dies eine weitere Panne.

Am Dienstag, 11.30 Uhr, werden von einem Gutachter des Landeskriminalamtes die DNA-Erkenntnisse der neuerlichen Handtuchuntersuchung vorgetragen.
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