Andreas Pinkwart ist zurück: Lob für Elektromobilität in Aachen

Von: Bernd Mathieu
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„Manchmal braucht man leider eine Krise als Herausforderung dafür, dass sich endlich etwas ändert.“ Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart setzt auf Innovation, Veränderung und nachhaltige Entscheidungen. In dieser Woche war er in Aachen. Foto: Andreas Steindl
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Redaktionsgespräch im Medienhaus Aachen: NRW-Minister Andreas Pinkwart (links) war Gast unserer Zeitung. Elektromobilität und Digitalisierung waren Schwerpunkte des Dialogs. Foto: Michael Jaspers
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Der Minister und der Streetscooter: Andreas Pinkwart beim Besuch der Firma, hier mit RWTH-Professor Achim Kampker. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Er schüttelt Hände, trifft alte Bekannte, er lacht und er freut sich. Er ist wieder da. Im Kabinett. Und in Aachen. Andreas Pinkwart ist aus Leipzig zurück nach Nordrhein-Westfalen gekommen.

2010, nach der Wahlniederlage der schwarz-gelben Koalition unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, verkündete der FDP-Minister seinen Abschied aus der Parteipolitik und kandidierte nicht mehr für den FDP-Landesvorsitz und auch nicht mehr als stellvertretender Bundesvorsitzender der Liberalen. Nicht nur in seiner Partei hielten das viele für einen Verlust an seriöser Kompetenz und sachlicher Qualität. Mit Pinkwart verließ ein kenntnisreicher, ein zuhörender und ein entscheidungsfreudiger Gestalter die Bühne. Große Reden, noch größere Ankündigungen und lautstarkes rhetorisches Getöse sind seine Sache nicht.

Politik und Wissenschaft

Deshalb gehört er zu den seltenen Wanderern zwischen zwei Welten, die er wahrscheinlich als eine Welt empfindet: zwischen Politik und Wissenschaft. In Leipzig war der promovierte Volkswirt von 2011 bis vor wenigen Wochen Rektor der Handelshochschule. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) berief ihn für die Ressorts Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie in sein Kabinett – auf Vorschlag von FDP-Chef Christian Lindner.

Sieben Jahre nach dem Abschied aus der Landesregierung kann Pinkwart beim Besuch der Streetscooter-Produktion an der Jülicher Straße fast nahtlos seine Aachener Initiativen fortsetzen. Dem damaligen Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie sind manche Erfolge, manche Anregungen und vor allem auch ein gewisses Tempo bei der Realisierung des Campus Melaten zu verdanken. Das Elektro-Auto aus Aachen ist nicht zuletzt auch ein Teil dieser Erfolgsgeschichte, die gerade erst beginnt.

Als wir ihn bei seinem Besuch in unserer Redaktion auf eine gewisse Verzögerung beim Folgeprojekt Campus II Westbahnhof ansprechen, sagt er erstens, dass ihm das so genau nach kurzer Zeit im Amt noch nicht bekannt sei, zweitens, dass er sich sofort darum kümmern werde und drittens, dass er das Thema gewiss forcieren möchte. „Ich habe das Campuskonzept immer für richtig gehalten. Wir werden das auf jeden Fall genauso ambitioniert weiter verfolgen, wie wir es damals angestoßen haben.“

NRW soll Vorreiter sein

Pinkwart will, dass NRW Vorreiter in der Elektromobilität wird. „In Deutschland sind wir schon Vorreiter“, sagt er. Aber international? „Da sind wir in den letzten Jahren nicht so weit gekommen, wie es andere geschafft haben, insbesondere in Asien, also in Korea und China, aber auch in den USA.“ Das hätte nicht so sein müssen, glaubt Pinkwart. „Vor zehn Jahren haben wir hier in Deutschland das Thema Elektromobilität wiederentdeckt. Die Batterie-Forschung war komplett eingestellt worden.“ Dem Minister gelingt es nicht, eine gewisse Fassungslosigkeit darüber zu verbergen. Er will es auch nicht.

Er nennt als positive Beispiele Münster, Aachen und das Max-Planck-Institut Mülheim, wo das Thema endlich wieder in den Blick gerückt worden sei. Das habe er schon damals als Minister stark unterstützt. Dass RWTH-Professoren wie Günther Schuh und Achim Kampker „Autos auch wirklich bauen und zeigen wollen, dass es funktioniert“, beeindruckt ihn. Professoren als Unternehmer, die bereit seien, ein Risiko einzugehen, überzeugen Pinkwart.

VW, Daimler und andere Große wollten von der E-Mobilität und den Aachener Aktivitäten nichts wissen. Herr Minister, das war arrogant, auf hohem Ross, eine verschlafene Angelegenheit, oder?

„Vollkommen richtig.“ Pinkwart kann das noch immer nicht begreifen. Das sei doch eine Geschäftsidee mit Erweiterungspotenzial. „Hier geht es nicht nur um die Antriebstechnik. Dahinter stehen mehrere Geschäftsmodelle. Sehr häufig haben große Unternehmen mit angestellten Managern Probleme, den nötigen Strategiewechsel einzuleiten.“ Solche disruptiven Veränderungen würden eher von unternehmerisch handelnden Persönlichkeiten initiiert. „Die bleiben nicht im Elfenbeinturm. Diesen unternehmerischen Mut vermisse ich vielfach in den großen Unternehmen, die sich zu stark auf die Optimierung eines einstmals hervorragenden Geschäftsmodells konzentrieren. Das wird in der Zukunft nicht mehr funktionieren.“

Die Stuttgarter Gerichtsentscheidung zum Feinstaub in Innenstädten aktualisiere geradezu das Dilemma. „Das Thema bekommt eine völlig neue Dimension.“

Immerhin: Jetzt haben wir die Krise. Pinkwart: „Manchmal braucht man leider eine Krise als Herausforderung dafür, dass sich endlich etwas ändert.“ Der Diesel-Gipfel war für ihn ein erster Schritt, „aber bei weitem nicht befriedigend“. Dazu reiche auch die Nachbesserung mit den Prämien der Autokonzerne nicht. „Man muss nachbessern im Sinne einer strategischen Neuausrichtung auch der Großen. Sie müssen die Antriebstechnik der Zukunft mutiger in den Blick nehmen, sonst werden sie den Zug verpassen.“

Und dann formuliert der NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie seine große Sorge: „Wenn wir das nicht tun, läuft die Automobilindustrie in eine Krise, wie wir sie früher bei Kohle und Stahl oder bei den Banken erlebt haben. Auch die haben viel zu spät die Entwicklung erkannt und viel zu lange an alten Strukturen festgehalten.“

Bei der Bedeutung der Automobilindustrie für Deutschland sei es zwingend notwendig, dass die Politik die Industrie „stärker anreizt, sich weiter zu entwickeln“. Für Andreas Pinkwart ist diese Veränderung ein zentraler Punkt, noch für dieses Jahrzehnt. „Die Veränderungsprozesse kommen schneller, als manche glauben. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Da müsse die Politik eben nachhelfen beim „Umsteuern“. Eine „Salami-Taktik“ wie beim Diesel-Gipfel helfe niemandem weiter. Da gehe es auch um Arbeitsplätze.

Aber so superschnell wird es dann doch nicht gehen mit der Veränderung, das weiß auch Andreas Pinkwart. „Wir müssen ehrlich sein. Wir können nicht den Schalter umstellen und von heute auf morgen sagen: Wir werden jetzt zum Elektroland. Wir können gar nicht so viele Elektroautos produzieren. Und sie könnten in dieser Anzahl heute gar nicht betankt werden. Deshalb müssen wir jetzt die Weichen entschlossener stellen.“

Dazu gehöre es, in den Innenstädten zügig die städtischen Fuhrparks umzurüsten und Elektrofahrzeuge anzuschaffen. Das müsse auch das Land NRW fördern, sagt Pinkwart. „Wir werden prüfen, was konkret möglich ist, um die Städte dabei zu unterstützen, mehr Ladestationen zu installieren und mehr Elektrofahrzeuge in den eigenen Fuhrpark zu nehmen, damit Elektromobilität gelebt werden kann. Das wird dazu beitragen, dass wir uns zum führenden Elektromobilitätsland Nordrhein-Westfalen entwickeln und Arbeitsplätze sichern.“

Aber der hohe Preis! Das Problem der geringen Reichweite! Und die viel zu geringe Zahl an Ladestationen! Wie kann man da ernsthaft an eine Akzeptanz beim potenziellen Käufer denken, Herr Minister?

Und das Handwerk?

„Wir Deutschen neigen zur Perfektion. Wir optimieren den Verbrennungsmotor, die Innenausstattung, den Komfort. Aber wenn wir das mit der gleichen Perfektion entwickeln und ausstatten, wird es unbezahlbar.“ Die Frage laute nicht, wie man etwas möglichst teuer, sondern wie man es möglichst einfach entwickeln könne. „Ich denke Autofahren mal neu und definiere die neuen Anforderungen, um von A nach B zu kommen. Dann komme ich zu neuen Geschäftsmodellen bis zum autonomen Fahren.“

Autonom, digital, Industrie 4.0: Bei solchen Stichworten fragen wir nach dem guten alten Handwerk. Welche Chancen sieht der Wirtschafts- und Digitalminister aktuell und in naher Zukunft überhaupt?

Ein Musterbeispiel dafür, wie es gehen könne, sei Aachen, lautet der erste Satz der langen Antwort. Seit über 30 Jahren arbeiteten hier die Stadt, die Unis, die Sparkasse, die Wirtschaftsförderung erfolgreich. Es gebe eine große Erfahrung mit Ausgründungen aus den Hochschulen heraus und Kooperationen mit dem Handwerk. Viele Firmen seien aus dem Dunstkreis des Wissenschaftsraums entstanden. „Das ist genau das, was wir im Silicon Valley beobachten. Für Nordrhein-Westfalen ist Aachen auch ein solches Zentrum. Ich möchte deshalb die Kultur, die hier auch an den Hochschulen herrscht, weiter unterstützen und weiter empfehlen.“

Das Handwerk habe durch die Digitalisierung riesige Chancen, sagt Pinkwart und nennt Herausforderungen, in denen das Handwerk heute noch Zwischenlieferant sei, etwa Heizung und Sanitär. Das werde sich ändern, wenn die Hersteller den Kunden direkt beliefern. Auch durch andere Modelle verändere sich vieles, wenn zum Beispiel Heizungen nur vermietet würden. Das Handwerk profitiere aber von neuen Technologien und könne, etwa durch 3D-Druck, selber industriell fertigen und trotzdem ein individuelles Produkt und individuellen Service anbieten.

Leben in einer Parallelwelt

Mittelständische Unternehmer aus der Digitalbranche wie der Aachener Oliver Grün verlangen Digitalkunde in der Grundschule. Auch der Minister? „Ja, auf jeden Fall. Kinder im Vorschulalter können mit dem Smartphone und dem Tablet umgehen. Dann kommen sie in die Schule und dort ist es nicht mal erlaubt. Das ist für sie ein Leben in einer Parallelwelt. Es ist richtig, Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben zu vermitteln, aber wir brauchen auch die neuen Medien. Kinder sollen lernen, sie mit Sinn und Verstand zu nutzen.“ Neue Technik könne helfen, komplexe Zusammenhänge einfacher und spielerischer zu erklären und gehöre deshalb in die Schule.

Frage an den Energieminister: Wie halten Sie es mit dem Kernkraftwerk Tihange? Einfluss auf die belgische Regierung ausüben („im Rahmen von Recht und Gesetz und Zuständigkeiten“); rechtliche Möglichkeiten nutzen; versuchen, Druckmittel aufzubauen.

Pinkwart hält es für einen Fortschritt, dass es seit Mitte Juni ein gemeinsames Gremium mit den Belgiern gibt, seine Fachbeamten sitzen mit am Tisch, obwohl formal natürlich die Bundesregierung offizieller Gesprächspartner Belgiens ist. Ein Anknüpfungspunkt sei das neue Energiekonzept der Belgier. „Da versuchen wir uns einzuklinken, um Wege aufzuzeigen und mit deutscher Hilfe eine sichere Energieversorgung Belgiens zu gewährleisten – etwa mit neuen gemeinsamen Netzen.“

Nachhaltig soll das sein. Wie die Elektromobilität. Und die Digitalisierung. Und das Handwerk. Und die Schule. Und gewiss der Campus II in Aachen.

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