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An der RWTH wird die ausrollbare Straße getestet

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Der Fertiger könnte bald – fast – ausgedient haben: Professor Bernhard Steinauer mit dem Modell des Baufahrzeugs, dass aktuell den Asphalt aufträgt. Wenn der Unterbau erneuert werden muss, wird es auch in Zukunft eingesetzt werden. Die Asphaltdecke ließe sich aber rollen. Foto: Steindl
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Ein Ärgernis für die, die im Stau stehen: Baustellen wie hier auf der A7. Mit ausrollbarem Belag könnten sie wesentlich schneller ablaufen, sagt RWTH-Experte Bernhard Steinauer. Foto: dpa
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Ausgerollt wie ein Teppich: So sah der Testbelag aus, der auf einem Stück ausgedienter Trasse der A44 verlegt wurde. Foto: Andreas Schacht/Institut für Straßenwesen Aachen

Aachen. Bernhard Steinauer haben die Baustellen auf den Straßen immer geärgert. „Das ist doch Wahnsinn“, sagt er und schimpft über kilometerlange Staus – insbesondere auf den Autobahnen. Doch Steinauer schimpft nicht nur. Er arbeitet an dem Problem.

Der nun emeritierte Professor, von Oktober 1995 an Inhaber des Lehrstuhls für Straßenwesen, Erd- und Tunnelbau und Direktor des Instituts für Straßenwesen an der RWTH Aachen (ISAC) hat immer nach Ansätzen und Lösungen des Problems auf Deutschlands Straßen gesucht. Und nun kann er über einen neuen Ansatz reden: ausrollbarer Asphalt.

Es ist ein revolutionärer Ansatz. Straßenbelag würde demnach in der Fabrik produziert und nicht vor Ort auf der Straßenbaustelle von den Arbeitern aufgebracht und bearbeitet. Wie Teppich im Wohnzimmer ließe er sich auf der Straße ausrollen, idealerweise dann auch noch in der Nacht. „Abends fahre ich dann noch über den alten und morgens dann schon über den neuen Belag“, sagt Steinauer.

Die ausgerollte Straße: Erste Tests hat es bereits gegeben. Auf einem Stück ausgedienter Trasse der A44 nahe Titz/Jackerath wurde tatsächlich ein Straßenbelag ausgerollt und befahren – auch von schweren Lastwagen. Die Erkenntnis: Das verwendete Material war noch nicht robust genug, fing nach einigen Wochen an zu bröckeln. Mindestens zehn Jahre sollte es allerdings halten. „So weit sind wir aber noch nicht.“ Verwendet wurde nach Hunderten von Vorversuchen eine modifizierte Variante des Markierungsstreifens.

Doch Steinauer war klar, dass dies nicht die Lösung bedeuten konnte. Er weiß aber, dass sich bei einer Produktion in der Fabrik – also geschützt von Wind und Wetter – ganz neue Möglichkeiten ergeben. Die sollen beispielsweise Chemiker eröffnen. „Wir brauchen noch einen neuen Werkstoff, einen, den wir nicht nach jeder Vollbremsung auswechseln müssen“, sagt der 72-Jährige.

Aber das Prinzip der ausrollbaren Straße, das ist jetzt schon da. Wenn die Oberflächenstruktur einer Straße förmlich gestaltet werden kann, dann schafft dies ganz neue Möglichkeiten, davon ist Steinauer mehr als überzeugt. Auch wenn er mittlerweile emeritiert ist, das Projekt bleibt an seinem alten Lehrstuhl. Und Geld für die Finanzierung einer solchen Forschung sei auch da.

Die leise Straße: „Die Struktur ließe sich so gestalten, dass die Reifenemission hörbar minimiert wird“, erklärt Straßenbauexperte. Das wäre für Autobahnen wie auch Hauptverkehrsstraßen in der Stadt ein deutlicher Gewinn. Kilometerlange Lärmschutzwände, die Steinauer durchweg hässlich nennt, würden überflüssig. Noch dazu würden die Arbeiten am Straßenbelag mit vorproduzierten Rollen deutlich beschleunigt und Baustellen, die wochenlang den Verkehr bremsen, würden verhindert, so Steinauer. Er sagt: „Wir müssen uns als Ingenieure an dieser Stelle etwas einfallen lassen.“ Und der Ideenreichtum ist groß.

Die intelligente Straße: In einen vorgefertigten Straßenbelag ließen sich laut Steinauer Chips montieren, über die die Straße mit den Autos kommuniziert. Wenn der Verkehr wegen einer Nebelbank, Seitenwinden oder Wasserlachen nach heftigem Regen langsamer unterwegs sein soll als die vorgeschriebene Geschwindigkeit könnte dies dem Auto und damit dem Fahrer umgehend gemeldet werden.

„Dann wären auch die ganzen Schilder am Straßenrand überflüssig, die ohnehin selten ganzjährig gelten“, erläutert Stei-nauer. „Die Straße hat alle Informationen für eine sichere Fahrt, sie kann sie aber noch nicht weitergeben. Noch ist sie dumm.“ Selbst der Überholvorgang ließe sich mit Hilfe der Straße steuern: In dem die Straße berichtet, ob im Gegenverkehr ein Auto naht oder eben nicht. Alles denkbar.

Während die Automobilindustrie das automatische Fahren als Thema erkannt hat, halten die Straßen an dieser Stelle noch nicht Schritt. Sie könnten das automatisierte Fahren, so Steinauer, maßgeblich und sicher steuern. „Die intelligente Straße würde einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit leisten können. Sie ist die Straße der Zukunft.“ Natürlich müsse jeder Chip x-fach abgesichert sein. Das ist dem Experten bewusst. Aber dafür ließen sich Informatiker, Materialwissenschaftler und viele andere Disziplinen bereits begeistern.

Die energiegewinnende Straße: Es gibt weltweit zig Forschungsvorhaben zur Straße der Zukunft. Ein Thema dabei: Wie lässt sich die Sonne, die tagtäglich irgendwo auf der Welt auf die Straßen scheint, nutzen? In Texas laufen deswegen erste Versuche mit dünnsten Photovoltaikschichten auf der Straßenoberfläche.

Die gewonnene Energie ließe sich gar umgehend wieder in die fahrenden Elektroautos einspeisen, was deren Reichweite – bislang ein großes Problem – kolossal erhöhen würde. Auch im nicht ganz so sonnigen Deutschland ließe sich angesichts von 12.949 Kilometern Autobahn Energie im höheren Terawattbereich gewinnen. Und das Ganze ist mehr als eine kühne Vision. Das Bundesverkehrsministerium hat die „Straße des 21. Jahrhunderts“ als Idee aufgenommen.

Chips und Photovoltaik wären der zweite Schritt in Sachen Straße der Zukunft: Den Start soll der ausrollbare – möglichst leise – Belag hinlegen. „Es geht an dieser Stelle um ein Massenprodukt“, betont Steinauer und meint: Das Interesse der Industrie sollte groß sein und erste Signale in diese Richtung gab es demnach auch schon. Denn die 12 949 Autobahnkilometer in Deutschland wären nur der Anfang.

„Klar, die Entwicklung ist teuer, aber das Produkt wird sich in kürzester Zeit rechnen“, ist Stei-nauer überzeugt. Und letztendlich müsse auch immer gegengerechnet werden: Die Kosten, die durch die Staus in den Baustellen auf Autobahnen und Bundesstraßen entstehen, könnten am Ende minimiert werden. Steinauer sagt: „Wir sind auf einem guten Weg!“

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