Aachen - Amtlich belegt: Die Region hat eine der aktivsten Neonazi-Szenen in NRW

Amtlich belegt: Die Region hat eine der aktivsten Neonazi-Szenen in NRW

Von: Michael Klarmann
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Braune Gesinnung: Ein Neonazi
Braune Gesinnung: Ein Neonazi aus München nimmt mit 530 weiteren „Kameraden” an einem Aufmarsch am 4. April 2009 in Stolberg teil. Foto: Michael Klarmann

Aachen. Manchmal deutet ein NPD-Funktionär eine Drohung strafrechtlich unangreifbar an - etwa am 4. April 2009 in Stolberg. Ingo Haller (Niederzier), Chef des NPD-Kreisverbands Düren, vergleicht als Redner bei einem fremdenfeindlichen Aufmarsch vor 530 „Kameraden” den neonazistischen „Nationalen Widerstand” mit einem Bauern, der sein Land bestellt.

Gelegentlich müsse man dann auch „Unkrautvernichter” einsetzen, um „unerwünschte Gäste” - gemeint sind offenbar Migranten - zu bekämpfen. Diese eindeutig zweideutige Wortwahl wurde nicht in dem am Montag vorgestellten nordrhein-westfälischen Landesverfassungsschutzbericht zitiert. Als Straftat dürfte derlei sicher auch nicht darin enthalten sein, denn Haller hatte seine Rede geschickt aufgebaut. Viele der „Kameraden” dürften jedoch bei dem Wort „Unkrautvernichter” an Zyklon B gedacht haben, jene Chemikalie, die die Nationalsozialisten in den Gaskammern einsetzten - nachdem die Opfer zuvor als „Ungeziefer” entmenschlicht worden waren.

Schon Anfang des Monats hatte der Landesverfassungsschutz mitgeteilt, dass sich im Raum Düren und Aachen eine der aktivsten Neonazi-Szenen in Nordrhein-Westfalen tummelt. Sie wirkt bis in die Kreise Heinsberg und Euskirchen sowie den Rhein-Erft-Kreis hinein. Ingo Haller, Axel Reitz (Pulheim) sowie der „Kameradschaftsführer” der Neonazi-Schlägertruppe „Kameradschaft Aachener Land” (KAL), René Laube aus Vettweiß, dürften dabei zu den einflussreichsten Köpfen der hiesigen rechten Szene avanciert sein. Nicht der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Aachen, Willibert Kunkel (Stolberg), organisiert die fremdenfeindlichen Aufmärsche am ersten April-Wochenende in Stolberg. Das Trio steckt federführend dahinter.

Fackelmarsch und braune Lieder

Als der NPD-Landesverband NRW im Oktober 2009 die „Kameraden” zum konspirativ vorbereiteten „Leistungsmarsch” aufrief, trafen sie sich letztlich auf dem Grundstück von Laube in Vettweiß. Von dort aus marschierte man in die Drover Heide nahe Kreuzau und wieder zurück. Auch eine stark nach nationalsozialistischem Vorbild organisierte „Wintersonnenwendfeier”, die Neonazis aus der ganzen Region besuchten, fand am 19. Dezember statt.

Abgeschieden von der Öffentlichkeit wollen die Teilnehmer dabei auf einem Grillplatz und einer Waldlichtung im Kreis Düren eigenen Angaben zufolge sogar ein Lied der „Hitler-Jugend” angestimmt haben. Die Gemeinde, die das Areal verwaltet, aber im Winter nicht vermietet, erfuhr erst durch die Recherchen unserer Zeitung von jenem Treffen.

Die Neonazis sollen sich inmitten des Waldes so sicher gefühlt haben, dass sie dort einen kurzen Fackelmarsch abgehalten, ein großes Feuer entzündet und anschließend noch gefeiert haben wollen. Rund vier Wochen darauf, Ende Januar 2010, verkündeten Haller und die NPD, im Dürener Stadtteil Merken eine Gaststätte erwerben und dort ein „Nationales Zentrum Rheinland” für Veranstaltungen, Schulungen und Treffen einrichten zu wollen.

Schon zwei Tage nach der ersten NPD-Mitteilung hatte der Landesverfassungsschutz gewarnt, man sehe „Zweifel daran, ob die NPD selbst über ausreichend Mittel verfügt”, um den Kauf abwickeln zu können. Szenekreise behaupten, das Kaufinteresse sei nur vorgetäuscht gewesen. Im Vorfeld des Landtagswahlkampfes habe man so nicht nur in die Medien gelangen, sondern dem Wirt beim Verkauf einer schwer absetzbaren Immobilie zur Hand gehen können. Nun wird ein Privatinvestor die Kneipe kaufen, nicht die NPD.

Bei den Kommunalwahlen 2009 errangen NPD-Vertreter in verschiedenen Stadträten und Kreistagen Mandate. Haller, der Mann mit dem „Unkrautvernichter”, ist Mitglied des Kreistages Düren, Helmut Gudat gehört dem Kreistag Heinsberg an. Kunkel ist Ratsmitglied in Stolberg, René Rothhanns sitzt für die NPD im Rat von Düren, Holger Wilke gehört dem Rat in Erkelenz und Andreas Mertens dem Stadtrat in Hückelhoven an. Vor der Kommunalwahl war die NPD lediglich in Stolberg und im Kreistag Heinsberg vertreten.

Nicht nur die Aufmarschserien in Stolberg sind ein Indiz für den Aufwind der rechten Szene, auch Kundgebungen durch Neonazis und die NPD in Aachen und Eschweiler sowie Aktionen gegen den aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter Karl D. in Heinsberg-Randerath zeigen dies. Auch dabei kam es zu einer Entgleisung durch einen Redner. Ein Neonazi aus dem Raum Bonn hatte dort im März 2009 bei einem durch den Pulheimer Axel Reitz organisierten Aufmarsch nicht nur die „Todesstrafe für Kinderschänder” gefordert. Sondern auch „für (Richter und Ärzte), die solche Leute (Sexualstraftäter) freilassen”.
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