Am westlichsten Punkt der Republik

Von: Thorsten Pracht
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Direkt an der Grenze: Dies ist der mit 500.000 Euro geschaffene „Erlebnisraum Westzipfel“ in Selfkant-Isenbruch, der Samstag eröffnet wird. Foto: Anna Petra Thomas
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Ein fast 200 Meter langer barrierefreier Steg führt zum westlichsten Punkt Deutschlands, der über den Rodebach ragt. Foto: Anna Petra Thomas

Selfkant. Die Gemeinde Selfkant eröffnet Samstag den 500.000 Euro teuren „Erlebnisraum Westzipfel“ und möchte so den Tourismus ankurbeln. Jedes Jahr werden Hunderttausende Touristen von Kreuzfahrtschiffen am Nordkap abgesetzt. Einmal ans nördliche Ende Europas! Der nördlichste Punkt liegt zwar eigentlich ein paar Hundert Meter vom Nordkap entfernt, aber geschenkt.

Auch Key West ist in Wirklichkeit gar nicht der südlichste Ort der USA – trotzdem fahren die Touristen in Massen dorthin, um sich vor dem Schild „Sou­thernmost Point“ mit dem blauen Meer des Golfs von Mexiko fotografieren zu lassen.

Solche Marketingtricks der Tourismus-Industrie hat die Gemeinde Selfkant gar nicht nötig. Denn hier liegt im Ortsteil Isenbruch ganz offiziell der westlichste Punkt Deutschlands. Und dieses „Alleinstellungsmerkmal“, wie Bürgermeister Herbert Corsten (parteilos) es nennt, soll nun genutzt werden.

Samstag wird der „Erlebnisraum Westzipfel“ feierlich eröffnet. Nicht, dass bisher keine Touristen in den Kreis Heinsberg gereist wären, um einmal am westlichsten Punkt Deutschlands zu stehen. „Aber die Leute haben uns oft gesagt: Wir finden das nicht“, sagt Herbert Corsten.

Die Holländer machen‘s richtig

Streng genommen liegt der ominöse Punkt ziemlich unspektakulär in der Mitte des Rodebaches. Es gibt am Ufer zwar einen Grenzstein, aber auch der lag bisher einfach so in der Gegend rum. Das wird sich nun ändern. Ein fast 200 Meter langer Steg entlang des Rodebachs wurde gebaut, der auch mit dem Rollstuhl oder einem Kinderwagen zu befahren ist. Dazu ein Parkplatz, ein neuer Radweg über den Bach auf die holländische Seite, Unterstellmöglichkeiten samt Toiletten und eine Picknickwiese.

Eine rote Markierung zeigt nun weithin sichtbar an, dass sich hier der westlichste Punkt Deutschlands befindet. Nicht nur das: „Es ist auch der westlichste Punkt des Kreises Heinsberg, des Regierungsbezirks Köln und des Landes Nordrhein-Westfalen“, stellt Bürgermeister Corsten klar. Die Botschaft ist deutlich: Das Potenzial, das die geografische Lage bietet, soll endlich ausgeschöpft werden.

Wie man das macht, demon­strieren seit einiger Zeit die Nachbarn auf der anderen Seite des Rodebachs. Denn zufälligerweise befindet sich dort die schmalste Stelle der Niederlande. Unter dem Slogan „Het Smalste Stukje Nederland“ lockt die Gemeinde Echt-Susteren mit Wander- und Radtouren Touristen an. Laut eigener Angabe bringt das immerhin 220.000 Übernachtungen im Jahr und einen Umsatz von 23 Millionen Euro. Dort hat man die Unternehmen ins Boot geholt, und die haben den Ball gern aufgenommen. Jetzt werben sie in Echt-Susteren damit, die Gemeinde mit „dem meisten Ausland in den Niederlanden“ zu sein.

Die Entwicklung ist auf deutscher Seite nicht unbemerkt geblieben. „Wir haben viele Möglichkeiten, das Werbepotenzial weiter auszubauen“, sagt Corsten. Der Zweckverband Selfkant, zu dem auch die Gemeinden Gangelt und Waldfeucht gehören, setzt voll auf die Karte Wandern und Radfahren. Spätestens 2017, wenn die Renaturierung des Rodebachs abgeschlossen ist, soll ein grenzüberschreitender Wohnmobilstellplatz entstehen. 7500 Quadratmeter Fläche, sagt Corsten, halte die Gemeinde für diesen Zweck vor.

Auch die weiteren Übernachtungsmöglichkeiten sollen ausgebaut werden. Zwar gebe es bereits Hotels und einige Pensionen. „Aber die sind jetzt schon ständig ausgebucht“, sagt Corsten. Realistische Ziele wollen sie sich im Tüdderner Rathaus setzen. Mit den anderen „Zipfelgemeinden“ List auf Sylt (Norden) und Oberstdorf (Süden) könne man natürlich nicht mithalten.

Aber vor Görlitz (Osten) will man sich schon als dritte Kraft etablieren. Die vier deutschen Randgemeinden pflegen übrigens exzellente Kontakte. So wird der Oberbürgermeister von Görlitz sowie ein Vertreter der Gemeinde List am Samstag zur Eröffnung des Erlebnisraums Westzipfel in Selfkant-Isenbruch erwartet.

500.000 Euro wurden investiert, 80 Prozent davon über Fördermittel. Dass der Bund der Steuerzahler deswegen in seinem Schwarzbuch die „Inszenierung eines Punktes irgendwo im Nirgendwo“ kritisiert, hat Corsten geärgert. Nicht wegen der ziemlich despektierlichen Bemerkung über die schöne Gegend. Auch nicht wegen der vielen Schlagzeilen, die verbucht er als kostenlose Werbung.

Nein, Corsten ärgert, dass außer Acht gelassen wurde, dass der ländlichen Kommune, deren Kernort Tüddern gerade mal 2200 Einwohner zählt, streng genommen gar keine andere Wahl bleibt als auf die Tourismus-Karte zu setzen. „Wir haben nur Tourismus und Naherholung. Wenn wir die Chance haben, ein solches Projekt mit einer 80-prozentigen Förderung umzusetzen, dann müssen wir das wahrnehmen“, sagt der 65-Jährige. Natürlich würden dafür Steuergelder verwendet.

„Aber die sind gut eingesetzt“, verspricht er. An diesem Versprechen werden ihn die Kritiker des Projekts vermutlich messen – und davon gibt es auch im Westzipfel noch einige.

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