Am Sehnsuchtsort angekommen: Woran das Herz hängt

Von: Peter Pappert
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Brüssel, Aachen, München, Berlin und dann Gamehl: Dagmar von Stralendorff ist an ihrem Sehnsuchtsort angekommen.
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Im Wandel der Zeiten: Schloss Gamehl auf einer Ansichtskarte aus dem frühen 20. Jahrhundert...
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... und auf einer undatierten Fotografie aus den Jahren der DDR.
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Denkmalgerecht und zeitgemäß: Im Schloss Gamehl herrscht eine feine Mischung aus Behaglichkeit und Eleganz. Foto: Peter Pappert
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Denkmalgerecht und zeitgemäß: Im Schloss Gamehl herrscht eine feine Mischung aus Behaglichkeit und Eleganz. Foto: Peter Pappert
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Denkmalgerecht und zeitgemäß: Im Schloss Gamehl herrscht eine feine Mischung aus Behaglichkeit und Eleganz. Foto: Peter Pappert

Region. Es ist 25 Jahre her. Es war der Winter nach dem Mauerfall; noch existierte die DDR. In der tiefsten Provinz Mecklenburg-Vorpommerns – knapp 15 Kilometer östlich von Wismar – fährt ein Wagen mit Münchener Kennzeichen durch das Dorf Gamehl, ein Örtchen mit ein paar Häusern und rund 150 Einwohnern. Es ist fast schon dunkel, das Auto hält, zwei Personen steigen aus.

Es sind Dagmar von Stralendorff-von Wallis und ihr Mann Georg. Sie schauen auf ein großes heruntergekommenes Gebäude, das mal ein Schloss war, aber nun eher den Zustand des Staates symbolisiert, in dem es steht.

Die junge Frau hat das Haus noch nie gesehen, aber sie kennt es. Es ist ihr Sehnsuchtsort; das spürt sie in jenem Winter 1989/90 genau. Jetzt ist sie endlich dort, wo ihre Wurzeln sind, obwohl sie nie zuvor in Gamehl war. Das Gutshaus – erbaut 1860 im neugotischen Stil – gehörte der Familie von Stralendorff, die vor fast 800 Jahren zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde und seit Jahrhunderten auf ihrem Gut in diesem Ort lebte.

Letzter Besitzer des Schlosses war Dagmars Vater Claus-Joachim, der hier 1906 geboren worden war. „Als ich vor 25 Jahren das erste Mal hier war, ging mir das Herz auf“, sagt Dagmar – heute stolze Besitzerin des Schlosshotels Gamehl. „Es war ein ganz besonderer Moment in meinem Leben. Endlich sah ich, wovon ich über all die Jahre in der Familie so viel gehört hatte.“

Als der Osten Deutschlands 1945 von der Roten Armee besetzt wurde, waren fast alle Familienmitglieder in den Westen geflohen; nur Dagmars Großeltern lebten noch im Schloss. Im Oktober 1945 mussten beide wegen der Bodenreform das Gut verlassen und durften einen Umkreis von 30 Kilometern nicht mehr betreten. Koch- und Essgeschirr für zwei Personen konnten sie aus dem Schloss mitnehmen – mehr nicht. Und damit galt die Stralendorffsche Familiengeschichte an diesem Ort als endgültig beendet.

Claus-Joachim von Stralendorff kam 1954 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft – aus Sibirien – in die Bundesrepublik. In Bonn heiratete er und zog mit seiner Frau und der ersten Tochter Gabriele nach Brüssel, wo er bei der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) arbeitete. Dort kam Dagmar am 6. Februar 1961 zur Welt. Ihr Vater starb 1968. Mit beiden Töchtern zog die Mutter ein Jahr später nach Aachen, weil dort ihr Bruder lebte.

„Ich habe Brüssel und die schöne Zeit dort geliebt. Ich hing sehr an meinem Vater. Als er starb, war meine Kindheit zu Ende. Wir sind in Brüssel in einer internationalen Gemeinschaft aufgewachsen; so richtig als Deutsche fühlte ich mich gar nicht, als wir nach Aachen kamen.“ Dagmar ging in Laurensberg noch ein Jahr in die Grundschule und dann aufs Gymnasium St. Leonhard. Nach dem Abitur wollte sie „unbedingt von Aachen weg. Es war mir zu klein.“ Schnell fügt sie hinzu: „Heute finde ich es wieder wunderschön.“

Als die Mauer fiel

Und Gamehl? „Mein Vater hat nicht viel darüber gesprochen. Und ich war ja noch sehr jung. Die Familie war ihm sehr wichtig. Er hätte sicherlich mal hierher fahren können. Er hat es aber nie getan. Er wollte nicht“, sagt die Tochter. Den Verlust des Familiensitzes empfand ihr Vater immer als Unrecht.

„Das Schloss war Teil seiner Identität. Ich habe immer versucht, mir das vorzustellen: Man wächst hier auf, man weiß, Vater, Großvater, Urgroßvater und so weiter haben hier gelebt. Man wird das Gut erben und eine jahrhundertealte Familientradition weiterführen. Und dann war er nach dem Krieg nie wieder hier.“ Längst ist Gamehl Teil von Dagmars Identität geworden; sie setzt die alte Familientradition in veränderter Form fort.

Zur Zeit der deutschen Teilung empfand Dagmar die Enteignung als Unrecht; aber die Sache war für sie erledigt. „Ich habe nie gedacht, dass sich daran irgendetwas ändern könnte. Die Existenz der beiden deutschen Staaten war zementiert. Ich wollte immer mal hierher kommen. Ich wollte es mir immer mal ansehen.“ Nach dem Abitur auf St. Leonhard studierte sie Jura, zog nach München, gründete eine Familie. Eine Reise nach Gamehl hatte sich bis 1989 nicht ergeben.

Das Gut war in den Besitz der Gemeinde übergegangen: ein typisches DDR-Lebensmittelgeschäft („HO-Laden“), Gemeindesaal, Kindergarten und oben kleine Wohnungen für Flüchtlinge aus Ostpreußen. So war es bis 1989/90. „Als die Mauer fiel, habe ich mich riesig gefreut, aber mein erster Gedanke war nicht Gamehl“ – der zweite schon.

Sie wollte diesen Ort sehen, und als sie endlich hierher kam, erkannte sie jenes Schloss von den alten Fotos kaum wieder. Es stand vor dem Verfall. Dagmar und Georg von Wallis gingen ins Haus, in den Laden, sprachen mit dem einen und anderen. Als der Name „von Stralendorff“ fiel, wurde die Stimmung frostig. „Schmeißen die uns jetzt hier raus?“ Das sei offensichtlich bei vielen die unausgesprochene Befürchtung gewesen. „Es war für beide Seiten eine schwierige Situation.“

Dagmar kam hin und wieder hierher, schwankte zwischen der Sehnsucht nach dem alten Familiengut und der Einsicht in die Realitäten: Anders als die Enteignungen in der DDR wurden jene unter sowjetischer Besatzung nach der Wiedervereinigung nicht rückgängig gemacht.

Wie andere Betroffene versuchte sie es trotzdem, sah aber schnell ein, dass Widerspruch vergeblich war – letztlich höchstrichterlich bestätigt. Sowieso stand für Dagmar fest: „Ich wollte auf keinen Fall, dass neues Unrecht geschieht – schon gar nicht den Menschen, die jetzt hier lebten und in ihrer Heimat alles verloren hatten.“

Anfang der 90er Jahre bot die Gemeinde das marode Gemäuer Dagmar und Georg von Wallis zum Kauf an: für 1,2 Millionen D-Mark. Womit der Traum mal wieder erledigt war. 1998 zog Dagmars Familie nach Berlin – aus beruflichen Gründen ihres Mannes. „Das hatte mit Gamehl nichts zu tun.“ Aber sie waren näher dran, als das Schloss im Jahr 2000 auf einmal zur Versteigerung stand – für 100.000 D-Mark. „Mein Mann gab das Mindestgebot ab, ohne zu wissen, was wir mit dem Haus machen wollten.“ Ein zweites Gebot gab es dann allerdings nicht. „Ich hatte Angst, Georg hatte Mut und wollte mir eine Riesenfreude machen. Es war eine rein emotionale Entscheidung.“

Familiengefühl siegte über Kalkulation. Als Renditeobjekt taugte das halb verfallene Gemäuer nicht, zumal Gamehl abseits aller Ballungszentren und von jedem Tourismus liegt. Es regnete durchs Dach; die Letzten, die hier noch lebten, verließen das kaum noch bewohnbare Haus. „Ich hatte gar keine Idee, was jetzt damit werden sollte. Wir hatten ja nicht damit gerechnet, dass wir den Zuschlag bekommen. Es war schon ein bisschen Zufall.“

Als sich die Chance eröffnete, die Familientradition wiederaufzunehmen, „öffnete sich das Herz. Es war eine Mischung aus Pflichtgefühl, Wurzelfinden und der engen Bindung an meinen Vater.“ Vier Jahre lang planten sie und Georg alle denkbaren Varianten durch. 2005 fiel dann der Entschluss, ein Hotel zu eröffnen, 2006 gingen die Arbeiten los, 2008 wurde eröffnet, nachdem Dagmar mitten in der Bauphase noch eine schwere Krankheit zu überstehen hatte. „Es war wirklich schwierig. Zwischendurch dachte ich, ich schaffe es nicht.“

Wiederaufbau und Ausstattung kosteten ein Vermögen. Dagmar und Georg von Wallis bekamen Fördermittel von der EU und vom Land. Damit konnten sie knapp die Hälfte der Kosten bestreiten. „Den anderen Teil hat mein Mann aufgebracht.“ Schön, wenn so etwas möglich ist. „Ja, so war es. Und er hat das alles selbst erarbeitet. Darauf bin ich wirklich stolz.“ Er konnte es.

Aber warum hat er es auch getan? „Er wusste, wie sehr ich an Gamehl hänge, wie sehr mir dieses Haus am Herzen liegt.“ Aus Liebe also? Dagmar ist nicht besonders sentimental veranlagt; sie zögert ein wenig. „Er hat das nie so genannt.“ Also aus Liebe!

Die Familie macht mit

Sie wohnt in Berlin, ihr Herz hängt an Gamehl, geboren ist sie in Brüssel, am längsten gelebt hat sie in München, ihre Jugend in Aachen verbracht. Was ist Heimat für Dagmar von Stralendorff? „Das habe ich mir oft überlegt. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, kann ich das gar nicht so richtig beantworten. Wo die Familie ist, da ist Heimat.“ Familie ist für sie „das Grundgerüst des Lebens. Ich wünsche mir, dass Gamehl wieder Heimat für unsere ganze Familie wird. Mal sehen, wie es sich entwickelt, was unsere Kinder damit machen.“

Sie ist ganz zuversichtlich: Katharina (28) und Nicolas (18) seien gerne hier. „Es bedeutet ihnen was.“ Ihre Schwester Gabriele, die wie die Mutter nach wie vor in Aachen lebt, kommt mit Mann und Kindern regelmäßig nach Gamehl, und dann helfen alle im Garten. „Die spüren alle eine Bindung an diesen Ort.“

Wer Dagmar nicht kennt und sie irgendwo auf dem Anwesen trifft, wird sie wahrscheinlich zunächst für eine Angestellte halten. Sie packt an – überall, wo es nötig ist. Das Schloss ist ihres – ein Teil von ihr – geworden, ein feines Hotel, mit mehr Liebe als Luxus wiederaufgebaut und hergerichtet. Sie kümmert sich, sie macht Familienarbeit.

Das restaurierte Haus spricht für die Frau, die es vor dem Verfall bewahrt und wieder zum Leben erweckt hat: eingerichtet mit Geschmack und Feingefühl, solide, ohne üppige Dekorationen, zurückhaltend im Ton, bloß keine Übertreibungen. So ist Dagmar von Stralendorff. Sie hat nichts von einer Schlossherrin, nicht mal ein eigenes Zimmer im Haus. Wenn sie – fast jede Woche – von Berlin nach Gamehl kommt, um nach dem Rechten zu sehen, schläft sie in dem Raum, der gerade frei ist.

Einerseits ist ohnehin jedes Zimmer ihr Zimmer, andererseits „will ich nicht, dass das hier ein Fass ohne Boden wird“. Nach Abzug aller Personal- und Sachkosten bleibt fast nichts übrig; so schön das Schloss ist, Geld für ihre Besitzerin wirft es auch heute nicht ab.

Es war ein Wagnis. Es glückte. Dagmar führt das zurück auf den „Optimismus und Idealismus meines Mannes – und meine Sturheit“. Dass mehr zu diesem wunderbaren Ergebnis geführt hat, strahlen das Schloss und seine Besitzerin aus – ganz schön edel und ganz natürlich. Das ist Gamehl also heute: ein Gefühlsort, auch ein Symbol für die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre und eben bestimmt ein Symbol der Liebe.

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