Am Klinikum sinken die Transplantationszahlen

Von: Sabine Rother
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Die Transplantationen am Uniklinikum der RWTH Aachen sind in den letzten drei Jahren deutlich zurückgegangen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Bilanz ist alarmierend, denn Fallzahlen sind für den Bestand von Zentren entscheidend: Die Transplantationen am Uniklinikum der RWTH Aachen sind in den letzten drei Jahren deutlich zurückgegangen. Waren es 2012 noch 67 Lebertransplantationen, sank die Zahl 2013/14 auf nur 44 Eingriffe.

2012 wurden noch sechs Herzen verpflanzt – 2013 und 2014 nur drei, die Zahl der Nierentransplantationen: 2013 waren es 28, im vergangenen Jahr lediglich 24. Nicht zuletzt der Organspende-Skandal 2012 in Göttingen, wo man Patientendaten bei Lebertransplantationen manipuliert hat, zeigte Breitenwirkung.

„Das betrifft alle Organe“, sagt Jürgen Floege, Direktor der Medizinischen Klinik II des Uniklinikums und zurzeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Mit 24 Nierentransplantationen hat das Transplantationszentrum des Klinikums seine „Pflichtzahl“ allerdings bereits unterschritten. „Wir müssten normalerweise 25 Transplantationen vorweisen“, sagt Floege. „Im Moment hat das noch keine Konsequenzen, wir sind ja mit den Krankenkassen im Gespräch, die Schließung von Transplantationszentren ist keine Lösung. Aber es darf nicht weniger werden.“

Die Warteliste bei Eurotransplant ist lang. Die Vermittlungsstelle mit Sitz in Leiden in den Niederlanden ist für die Vermittlung von Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn zuständig. Derzeit brauchen in Deutschland rund 11.000 Patienten ein Spenderorgan, etwa 8000 von ihnen eine Niere.

An der Warteliste vorbeiziehen können nur jene, für die eine sogenannte Fullhouse-Niere gefunden wird – ein Organ, bei dem sämtliche Gewebemerkmale mit denen des Empfängers übereinstimmen. Ein- bis zwei Mal im Jahr gibt es das auch am Klinikum. Gleichfalls ein äußerst seltener Dringlichkeitsfall kann zur sofortigen Zuteilung führen. Doch die Tatsache, dass sich ein Mensch in Lebensgefahr befindet, wenn er nicht sofort eine Niere erhält und dass auch keine Dialyse möglich ist, muss sicher belegt sein.

Die Zahl der Menschen, die auf eine neue Niere warten, ist drei Mal so hoch, wie Transplantate zur Verfügung stehen. Doch zu Lebendspenden hat Floege eine kritische Meinung: „Eigentlich will ich keine Lebendspenden, da handle ich gegen meinen Hippokratischen Eid, der mich dazu verpflichtet, dem Patienten nicht zu schaden“, sagt der Nephrologe, der den Eindruck hat, dass man in Deutschland mehr zur Lebendspende drängt. Lediglich die Gewissheit, dass nach der Nierenspende das Risiko des Spenders, selbst ein Nierenversagen zu erleiden, minimal ist, rechtfertige die Lebendspende angesichts des Leidens von Patienten auf der Warteliste.

Ein Patient kann mit Hilfe der Dialyse ein Nierenversagen theoretisch Jahrzehnte überleben, sagt Floege. „Bei der Leber gibt es kein Ersatzverfahren.“ In Aachen hat man sich nach Alternativen umgeschaut, etwa über eine Kooperation mit dem Uniklinikum Maastricht nachgedacht. Floege: „Das ist leider nicht möglich, dort herrschen im Vergleich zu Deutschland andere gesetzliche Regelungen.“ Während in Deutschland die Hirntoddiagnostik gilt, darf in den Benelux-Ländern zum Beispiel nach dem Herztod eines Menschen die Organentnahme erfolgen.

Die verstärkten Absicherungen, die nach den skandalösen Göttinger Vorgängen Manipulationsmöglichkeiten unterbinden sollen, zeichnen sich auch in Aachen ab. Hier gibt es jetzt bereits das Sechs-Augen-Prinzip bei Transplantationsentscheidungen.

„Old for Old“-Programm

Und wenn die Zahlen weiter sinken? Spenderorgane aus weiter entfernten Ländern? Bis zu 30 Stunden kann eine Niere einen Spezialtransport verkraften, dann wird es kritisch. „Exotische Situationen“ lehnt Floege grundsätzlich ab. Nieren mit grenzwertiger Funktion oder von sehr kranken Spendern akzeptiere man in Aachen trotz des Organmangels weiterhin nicht zur Transplantation.

„Es gibt Ärzte, die das tun, nicht zuletzt, um ihre Zahlen damit zu steigern.“ „Old for Old“, das von Eurotransplant 1999 entwickelte europäische Seniorenprogramm, das potenziellen Wartelisten-Empfängern mit dem 65. Lebensjahr die Chance bietet, durch die Vermittlung eines Organs eines Spenders von 65 Jahren oder älter die Wartezeit auf eine Transplantation zu verkürzen, hält er jedoch für sinnvoll.

Der Abwärtstrend bei Organtransplantationen soll 2015 gestoppt werden. Das Thema Organspende wird unter anderem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und von der Deutschen Transplantationsgesellschaft verstärkt aufgegriffen, man plant Kampagnen. „Wir müssen jetzt dringend Vorurteile und irrige Ansichten beseitigen, die zu diesem Bereich inzwischen verbreitet werden“, fordert Floege. Die Gesellschaft für Nephrologie wird sich dafür einsetzen.

Hinweis: In einer ersten Version des Textes wurde für die theoretische Überlebenszeit von Dialysepatienten ein falscher Wert angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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