Altersmedizin in Aachen: „Pro-Age statt Anti-Age!“

Von: Sabine Rother
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Auch jenseits der 65 sollen Menschen möglichst lange fit und selbstständig bleiben können: Am neuen Lehrstuhl für Altersmedizin an der Aachener Uniklinik setzen sich Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen dafür ein. Foto: Imago/biky
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Professor Cornelius Bollheimer ist Inhaber des neuen Lehrstuhls für Altersmedizin an der RWTH. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das in Aachen seit diesem Sommer bestehende interdisziplinäre universitäre Zentrum für Altersmedizin, das Uniklinik und Franziskushospital Aachen nun gemeinsam aufbauen, hat ein Herzstück: den Lehrstuhl für Altersmedizin, den Professor Cornelius Bollheimer übernommen hat.

Der 49-jährige Geriater (verheiratet, Vater einer zwölfjährigen Tochter), der zuvor eine Professur für Geriatrie und Innere Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg innehatte, ist gleichzeitig Chef der Klinik für Innere Medizin und Geriatrie am Franziskushospital. Der Lehrstuhl wird bis 2021 von der Robert-Bosch-Stiftung mit insgesamt 1,25 Millionen Euro gefördert. Wir sprachen mit dem Professor über sein Aufgabengebiet.

Sie hatten eine Professur in Nürnberg-Erlangen. Was hat Sie zur Entscheidung geführt, den Ruf nach Aachen anzunehmen?

Bollheimer: An Aachen haben mich die wissenschaftlichen Möglichkeiten gereizt, mein junges Fach der Altersmedizin zu entwickeln. Ein Standort wie Aachen, der Medizin und Technik verbindet, ist einzigartig in Deutschland, wichtig ist zudem die Unterstützung durch die Robert-Bosch-Stiftung. Die hohe Akzeptanz und die tatkräftige akademische Unterstützung durch die Fakultät, wie ich sie hier schon während der Berufungsverhandlungen erfahren habe, waren für meine Entscheidung ausschlaggebend.

In Aachen erfüllen Sie eine doppelte Funktion – als Arzt und Wissenschaftler. Wie werden Sie damit umgehen?

Bollheimer: Natürlich bin ich primär Arzt und möchte die Krankenversorgung alter Menschen stetig weiterentwickeln. Genauso bin ich aber auch mit Leidenschaft Universitätsprofessor und werde versuchen, mein Fach auch in Wissenschaft und Lehre weiter voranzubringen. Für beides finde ich in Aachen beste Voraussetzungen.

Der Begriff der ganzheitlichen Medizin wird in Zusammenhang mit der Altersmedizin stark strapaziert und bleibt letztlich diffus. Was beinhaltet für Sie zwingend eine ganzheitliche Altersmedizin?

Bollheimer: Dass ein Patient nicht nur aufgrund seiner Aufnahmediagnose behandelt wird – ob das nun eine Schenkelhalsfraktur oder ein Diabetes ist –, sondern der Geriater andere, eventuell parallel vorliegende körperliche, psychische und seelische Leiden und sozialen Probleme in sein Behandlungskonzept einbezieht.

Welche Bereiche gehören zwingend zu einer interdisziplinären Sicht?

Bollheimer: Ich bin Internist und Geriater. Diese beiden Fachgebiete greifen sehr gut ineinander, wenn es um organische Ursachen von Erkrankungen geht. Enge Verbindungen zu anderen ärztlichen Disziplinen betreffen insbesondere die Neurologie, Psychiatrie und Alterstraumatologie. Stationär ist bei geriatrischen Patienten die selbstständige Pflege des Körpers ein wichtiges Element. Deshalb ist für den Geriater die enge Zusammenarbeit mit der Pflege unabdingbar. Die Pflegeexperten setzen dabei in der Geriatrie auf aktivierende therapeutische Pflege. Der Patient soll sich zum Beispiel morgens selbst die Zähne putzen. Das sollte er ja zu Hause auch können.

Wie kommt es, dass alten Menschen so viel abgenommen wird, was sie eigentlich noch selbst erledigen könnten?

Bollheimer: Das ist eine altmodische Vorstellung von Krankenhaus: Alles wird einem abgenommen, und genau das ist kontraproduktiv für einen alten Menschen.

Wo beginnt Altersmedizin? In welchem Alter sind Ihre Patienten?

Bollheimer: Als Altersmediziner sehe ich mich besonders verantwortlich für die sehr alten und gebrechlichen Menschen. Aber es gibt unterschiedliche Phasen. Da ist das so genannte ,Silver Age‘, die Zeit, in der sich der Mensch am glücklichsten fühlt und sich erfüllen kann, was er immer schon wollte. Diese Phase wird in der Regel grob zwischen dem 65. und 80. Lebensjahr angesetzt. Biologisch betrachtet können Menschen in dieser Lebensphase ihrem kalendarischen Alter aber auch 20 Jahre voraus oder eben 20 Jahre jünger sein.

Was kommt danach?

Bollheimer: Nach dem 80. Lebensjahr beginnt häufig eine Phase, die in der Entwicklungspsychologie als „ontogenetischen Unvollkommenheit“ bezeichnet wird. Man wird zunehmend weniger autonom und abhängiger von anderen. Hier beginnt das typische Aufgabenfeld des Geriaters.

Was beobachtet der Geriater bei solchen Patienten?

Bollheimer: Ob sie zum Beispiel regelmäßig mehr als drei Medikamente einnehmen oder chronisch an Schmerz leiden. Aber auch, ob jemand häufiger stürzt, denn das ist ein Zeichen für größere Gebrechlichkeit, gleichfalls ist die Inkontinenz ein Thema, das wichtiger wird.

Zu Ihren Aufgaben gehören Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Wie schaffen Sie, das alles miteinander zu verbinden?

Bollheimer: Ganz klar ist, dass im ersten Jahr die Krankenversorgung im Vordergrund steht. Das bedeutet den Aufbau einer Basis. Parallel dazu werden wir ein Bewegungslabor etablieren und zusammen mit den Ingenieuren der RWTH neue Verfahren entwickeln, die Überwachung von Körperfunktionen für den Patienten angenehmer gestalten.

Wie kann das aussehen?

Bollheimer: Stellen Sie sich vor, jemand hat schwere Atemnot, und man muss ständig die Sauerstoffsättigung im Blut oder Fieber auftretendes Fieber messen. Für einen alten Menschen ist das verwirrend. Wenn wir in Zukunft diese Werte durch optische Systeme statt über eine „Verkabelung“ des Patienten durch Infrarotmessungen ermitteln können, ist das ein großer Fortschritt, und wir schonen die Patienten.

Wo steht Ihrer Einschätzung nach die altersmedizinische Forschung in Deutschland?

Bollheimer: Man muss die Gerontologie von der Geriatrie unterscheiden. Die Geriatrie ist die Altersheilkunde, Gerontologie die Forschung über das Altern. Beim Übergang von der Forschung zur Therapie, man spricht auch von Translationalität, sind wir in Deutschland noch ganz am Anfang. Das zeigt sich unter anderem in der kleinen Zahl von Lehrstühlen für Altersmedizin.

Die Bevölkerungsentwicklung hin zu einem deutlich steigenden Anteil älterer Menschen ist kein Geheimnis. Warum ist man da nicht weiter?

Bollheimer: Ich denke, man hat in Deutschland die Notwendigkeit einer akademisch fundierten Altersheilkunde lange nicht so ernst genommen. Doch beim organübergreifenden Zusammenspiel von mehreren Erkrankungen wie Demenz, Inkontinenz, und meinem Spezialgebiet, dem Abbau von Muskelmasse im Alter, sind wir Geriater – sowohl als Ärzte als auch als Wissenschaftler – gefragt.

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Altersmedizin hinsichtlich der Lehre ein? Was wird jungen Medizinern vermittelt?

Bollheimer: Altersmedizin ist hier in Aachen bereits Teil der Lehre. Wir haben einen Modellstudiengang, über den ich mich zunächst selbst intensiver informieren musste. Ich werde dort die Altersmedizin adäquat einbringen können. Mindestens ein bis zwei Wochen Geriatrie sollten die Studenten während ihres Studiums absolvieren.

Vielen Menschen fällt es leichter, mit Kindern umzugehen als mit Patienten in der letzten Lebensphase. Was sagen Sie Ihren Studenten?

Bollheimer: Kinder sind in ihrer Gesamtheit homogener. Jedes ein- oder zweijährige Kind sollte eine bestimmte körperliche und geistige Entwicklungsstufe erreicht haben. Ist das nicht so, weiß der Kinderarzt, dass etwas nicht stimmt. Beim alten Menschen gibt es diese vom kalendarischen Lebensalter abhängige Homogenität nicht mehr. Das macht ihn aber gleichzeitig interessant.

Was finden Sie so faszinierend am Alter?

Bollheimer: Alter gehört zum Leben dazu und hat unglaublich viele Facetten. Es ist eine echte Herausforderung, zwei oder drei Erkrankungen parallel zu behandeln. Mein Credo lautet: Pro-Age statt Anti-Age!

Welche Krankheitskombinationen stellen Sie häufig fest?

Bollheimer: Gerade in der Geriatrie ist die Verbindung zur Alterstraumatologie, also den Verletzungen durch Stürze, sehr eng. Aufgrund von Osteoporose hat der ältere Patient häufig brüchigere Knochen. Darüber hinaus gibt es im Alter genügend Gründe, weshalb man häufiger stürzt als in jungen Jahren. Für die Zeit nach einer eventuellen Operation muss der Geriater einen Behandlungsplan entwickeln, damit der Patient stabilisiert wird, weniger Knochenbruchgefährdet ist und somit zukünftig weniger stürzt.

Was kann ein älterer Patient an geriatrischer Rehabilitation erfahren, was wird ihm zugestanden?

Bollheimer: Wer bei uns zur akut- stationären Behandlung in die Geriatrie aufgenommen wird, erhält parallel dazu auch eine sogenannte Frührehabilitation, die sich im Rahmen der Möglichkeiten an den Alltagsfähigkeiten orientiert. Das größte Ziel von uns Geriatern muss es sein, Selbstständigkeit lange zu erhalten.

Betrachten Sie sich als medizinischer Anwalt des Patienten?

Bollheimer: Das hört sich etwas Robin-Hood-mäßig an. Reha-Maßnahmen werden manchmal von den Kostenträgern abgelehnt, da legen wir selbstverständlich in den begründeten Fällen Widerspruch ein. Manchmal müssen wir uns sogar gegen den Fatalismus von Angehörigen durchsetzen, die glauben, eine Behandlung hätte keinen Sinn mehr. Der Geriater befindet sich auf einer Gratwanderung.

Sie planen eine geriatrische Ambulanz. Was bedeutet das?

Bollheimer: Sie wird im Bereich der Uniklinik sein, eine vorgeschaltete Stelle, an der man entscheiden kann, ob ein Patient zu uns in die Geriatrie kommen sollte, die Ambulanz bietet eine geriatrische Zusatzberatung.

Franziskushospital und Uniklinik arbeiten eng zusammen. Wie sieht das in der Praxis aus?

Bollheimer: Im Franziskushospital befindet sich die stationäre Geriatrie. Im Zweifelsfall haben wir im Klinikum aber auch eine Hochleistungsmedizin, etwa den Herzkatheter oder die Schlaganfallstation, die 24 Stunden einsetzbar ist.

Wie wird sich der Ausbau der Altersmedizin in Aachen auf den Stellenplan auswirken?

Bollheimer: Es werden auf jeden Fall mehr Stellen geschaffen. Was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass die Zahl der Ärzte von zehn auf sechzehn steigt. Entsprechend muss der Stellenschlüssel in der Pflege intensiviert werden. Hier brauchen wir noch mehr geriatrisch und gerontopsychiatrisch geschultes Pflegepersonal, so dass auch nachts auf der Station im Franziskushospital mindestens zwei Vollpflegekräfte eingesetzt werden können. Dafür kämpfe ich.

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