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Altersdiskriminierung: Im Kampf gegen Benachteiligung alter Menschen

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Nur noch „begrenzt verwendbar“: Wer heute jenseits der 40 seinen Job verliert, hat große Probleme.
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Engagierte Kämpferin gegen Altersdiskriminierung: Hanne Schweitzer aus Köln.

Köln. Wenn Menschen im Arbeitsleben oder im gesellschaftlichen Alltag aufgrund ihres Lebensalters benachteiligt werden, sieht Hanne Schweitzer rot. Seit 1999 kämpft die Kölner Journalistin gegen das weit verbreitete Phänomen der „Altersdiskriminierung“.

Aus ihrem 1999 gegründeten Verein ist nach knapp zehn Jahren die Initiative „Büro gegen Altersdiskriminierung“ geworden – der organisatorische Aufwand der Vereinsverwaltung war zu groß geworden. Das Thema selbst ist aber aktueller denn je. Ulrich Simons besuchte die streitbare Kollegin in Köln.

Wer bei Wikipedia das Stichwort „Altersdiskriminierung“ eingibt und das Ergebnis ausdruckt, erhält neun eng beschriebene DIN-A4-Seiten. Das scheint ein größeres Problem zu sein.

Schweitzer: Ja, das ist es, vor allem in diesem Land. Es hat etwas sehr Deutsch-Spezifisches. In anderen europäischen und vor allem in den angelsächsischen Ländern und in Übersee ist das Problem längst nicht so verbreitet.

Ist Altersdiskriminierung demnach ein typisch deutsches Thema?

Schweitzer: Nach meinem Eindruck ja, weil hier besonders oft Chancen, Leistungen, Lebensbedingungen und der Zugang zu Waren und Dienstleistungen an das Alter gekoppelt werden. Das ist in anderen Ländern nicht so stark.

Zum Beispiel?

Schweitzer: Nehmen Sie die privaten Versicherungen. Egal ob Reise-, Unfall- oder Autoversicherung. Die Prämienhöhe hängt immer häufiger vom Lebensalter ab. In der Kfz-Versicherung, das ist ja bekannt, müssen unter 24-Jährige mehr bezahlen. Aber schleichend wurde in den letzten Jahren durchgesetzt, dass es für die über 60-Jährigen auch immer teurer wird. Und das ohne Unfall.

Wobei man das bei den Fahranfängern mit den entsprechenden Statistiken begründen kann.

Schweitzer: Für die Älteren gibt es diese altersdifferenzierten Statistiken aber nicht. Wie viele Unfälle und Schäden die 61-Jährigen oder 68-Jährigen verursachen, weiß nur die jeweilige Versicherung. Ich war neulich auf einer Tagung, wo auch Vertreter des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft waren. Die sagen, sie haben diese Zahlen nicht.

Das dürfte doch technisch überhaupt kein Problem sein?

Schweitzer: Sie begründen es damit, dass bei einer Offenlegung der Daten die Konkurrenz einen zu tiefen Einblick in ihre Tarifkalkulation bekäme. Im Gesetz steht aber, dass die unterschiedliche Behandlung aufgrund des Alters durch private Versicherungen nur erlaubt ist, wenn sie „auf anerkannten Prinzipien risikoadäquater Kalkulation beruht und auf einer versicherungsmathematisch ermittelten Risikobewertung unter He­ranziehung statistischer Erhebungen“. Da finde ich es dreist, wenn eine Kfz-Versicherung sogar eine „Altersstaffel“ etabliert.

Typisch deutsch: Gibt es eine „Diskriminierung-Ost“ und eine „Diskriminierung-West“?

Schweitzer: Direkt nach 1989 hatten die Menschen im Osten ein wesentlich ausgeprägteres Bewusstsein für Altersdiskriminierung und Gleichbehandlung als die im Westen. Das hat sich aber inzwischen angeglichen.

Vermutlich hat das schlechte Beispiel Schule gemacht?

Schweitzer: Klar.

Stellen sie sich vor, Sie müssten einen Artikel über Altersdiskriminierung illustrieren: Welches Bild fällt Ihnen spontan ein?

Schweitzer: Es wäre das Bild von einem älteren und einem jüngeren Menschen, beide mit einem Barcode auf der Stirn, der ihr „Verfallsdatum“ angibt.

Wo beginnt dieses „Verfallsdatum“?

Schweitzer: Die Grenze verschiebt sich ständig weiter nach unten. Man ist immer jünger zu alt. Als wir 1999 anfingen, verlief im Arbeitsleben die unsichtbare Grenze bei 50 Jahren. Die ist inzwischen bei 45 bis 40. Wenn ich mit 40 meinen Job verliere, habe ich erhebliche Probleme. Das begann früher erst mit 50. Wenn immer wieder zu hören ist: „Die Alten brauchen wir, wir haben Fachkräftemangel“ – das ist Augenwischerei.

Warum hat Alter bei uns so ein schlechtes Image? In den USA heißen die gleichen Leute „best agers“.

Schweitzer: Ich führe es darauf zurück, dass Alter schon in der Nazizeit nicht so gerne gesehen wurde. Weil schon da propagiert wurde: Wer alt ist, der ist unnütz für die Gesellschaft. Die Angst vor dem Älterwerden wird ja auch immer größer. Wenn Sie heute auf einen Geburtstag von 30-Jährigen gehen, die reden über das Alter. Wir wären früher in dem Alter nie auf die Idee gekommen.

Wird die Angst bewusst geschürt?

Schweitzer: Ja, weil die Bedingungen des Sozialstaates verändert wurden. Die Kassen sind angeblich leer, und wenn ich Angst schüre, bekomme ich die Leute viel eher in eine private Rentenversicherung oder in die private Zusatzversicherung. Dahinter stehen wirtschaftliche Interessen. Es gab ja auch eine Zeit, da wurden die Alten in den Medien systematisch niedergeschrieben. Vom „Altersberg“ war da die Rede oder „Die Alten fressen uns die Haare vom Kopf“. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Wie das Böse ist der Rentner immer und überall.“

Eine Schlagzeile aus dieser Zeit war auch in Anlehnung an einen Roman- und Film-Klassiker: „Rentner, wollt Ihr ewig leben?“

Schweitzer: Das war die Vorbereitung für den Abbau des Sozialstaates. Erst knüppelt man die Alten nieder und schürt die Angst, dann fängt man an, die Leistungen zu reduzieren, und sagt dann: „Kauf Dir eine Zusatzversicherung, dann bist Du wieder fein raus.“

Am 18. August 2006 ist in Deutschland das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ in Kraft getreten, das unter anderem Altersdiskriminierung im Beruf verbietet. Was ist besser geworden?

Schweitzer: Eine sehr große Verbesserung ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seitdem die Möglichkeit haben zu klagen. Stellenangebote dürfen keine Altersgrenzen mehr haben. Das ist auch deutlich zurückgegangen.

Bei Wikipedia steht über ihr Büro „betreibt das umfangreichste deutschsprachige Archiv zum Thema Altersdiskriminierung“. Das klingt eher nach Mangelverwaltung als nach Lösung.

Schweitzer: Unsere Arbeit besteht darin, das Thema öffentlich zu machen. Indem wir die Fälle, die wir bekommen, publizieren, fühlen sich wiederum andere ermutigt und merken: Ich bin nicht alleine mit meinem Problem. Wir intervenieren nicht und machen auch keine Einzelfallberatung, dafür haben wir als Ehrenamtler keine Zeit, aber wir leiten die Leute weiter an die entsprechenden Stellen, etwa die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, oder andere Initiativen.

Wer macht Ihnen im Moment den größten Kummer?

Schweitzer: Die Versicherungswirtschaft gehört nach meiner Beobachtung zu den Branchen, die derzeit durch unterschiedliche Tarife am heftigsten die Altersdiskriminierung betreiben.

Haben die absoluten Fallzahlen zugenommen, oder sind die Leute einfach nur sensibler für das Thema Altersdiskriminierung geworden?

Schweitzer: Die Leute sind eindeutig sensibler für das Thema geworden. Im Jahr 2001, bei unserem ersten bundesweiten Beschwerdetag, konnten die Leute das Wort noch nicht aussprechen.

Wie können sich Opfer von tatsächlicher oder vermeintlicher Altersdiskriminierung wehren?

Schweitzer: Es kommt darauf an, um welchen gesellschaftlichen Bereich es geht: Ehrenamt, Gesundheit, Weiterbildung, Pflege – das ist eher schwierig. Aber manchmal genügt es, wenn die Leute den Namen unseres Bü­ros erwähnen. Am einfachsten ist es im Arbeitsleben. Da gehe ich zum Betriebsrat, zum Anwalt oder zum Gericht, lasse mich beraten oder klage. Am Bereich der Versicherungswirtschaft arbeiten wir gerade, das ist knifflig. Aber die Versicherungswirtschaft kann sich nicht einfach auf Konkurrenzgründe berufen und Gesetze missachten.

Hanne Schweitzer alleine gegen die Versicherungswirtschaft …

Schweitzer: … das ist eine große Herausforderung und macht Spaß.

Was ist daran spaßig?

Schweitzer: David gegen Goliath. Es ist einen Versuch wert, die Vertreter der Wirtschaft, die uns gerne erzählen, wie gut sie es mit uns meinen, darauf hinzuweisen, dass ihre selbstherrliche Art der Prämiengestaltung im Grunde ein Verstoß gegen das Menschenrecht ist. Denn genau das ist es, was die EU sagt: „Jede Art von Diskriminierung ist ein Verstoß gegen das Menschenrecht.“ Ich bin ja ein politischer Mensch und ich finde es spannend zu sehen, wie die Goliaths reagieren. Es ist oft sehr erschreckend, wie wenig Unrechtsbewusstsein sie haben.

Sie nennen in Ihren zum Teil recht drastischen Fallbeispielen im Internet auch Firmennamen. Antworten Ihnen die Unternehmen?

Schweitzer: Überhaupt nicht. Ich habe in all den Jahren nur eine Abmahnung bekommen.

Wie lange wird Sie das Thema noch beschäftigen?

Schweitzer: Ich fürchte, das hört nie auf.

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