Alternatve Krebspraxis: 69 Tote, 20 Ermittler und viele Fragen

Von: Claudia Schweda
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Sprecher der Krefelder Staatsanwaltschaft: Axel Stahl. Foto: dpa

Mönchengladbach. Vier Wochen haben die Ermittler nach den Todesfällen von Patienten einer alternativen Krebspraxis in Brüggen mehr oder weniger geschwiegen. Selbst die Information, dass nicht nur ein Patient in Deutschland, sondern zwei weitere in den Niederlanden gestorben sind und dass gegen den Betreiber der Praxis wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wurde, drang zunächst nur aus inoffiziellen Quellen – etwa durch Angehörige der Betroffenen – an die Öffentlichkeit.

Mehrere Medien, die seriös berichten wollten, beschwerten sich über diese Kommunikationspolitik der Krefelder Staatsanwaltschaft im Justizministerium NRW. Und die Folge der Nicht-Kommunikation war am Ende fatal: Spekulationen über Massenexhumierungen machten die Runde, die die Ermittler am Freitag mit einer Pressekonferenz „aus der Welt holen“ mussten.

Entstanden war das Gerücht offenbar in den Niederlanden. Dort hatte der Heilpraktiker Klaus R. gezielt Krebspatienten angesprochen und für eine Therapie mit dem experimentellen Wirkstoff 3-Bromopyruvat geworben: „Das aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung“, hieß es auf seiner Homepage. Seit September 2014 praktizierte R. in Brüggen nahe der niederländischen Grenze.

Denn experimentelle Therapien dieser Art, wie sie in Deutschland erlaubt sind, sind in den Niederlanden verboten. Die Patienten kamen. Die meisten waren schwer krank. Axel Stahl, Sprecher der Krefelder Staatsanwaltschaft, spricht von „schwersten Tumorerkrankungen“, von Menschen, die teils als austherapiert galten und die trotz aller Verzweiflung auf Heilung gehofft und wohl jeden Strohhalm ergriffen haben. Für die Hoffnung in Brüggen zahlten die Patienten 10.000 Euro.

Genau diese Schwere der Krebserkrankungen macht jetzt die Ermittlungen so kompliziert. Denn die Gabe eines experimentellen Präparates ist nicht die einzige naheliegende Begründung für den Eintritt des Todes oder eine Verschlechterung des Zustandes bei Patienten wie den fünf, die sich Ende Juli in der alternativen Krebspraxis behandeln ließen – und von denen nur noch zwei leben, in „ernstem Gesundheitszustand“.

Es spreche zwar angesichts der Häufung der Fälle vieles für einen Zusammenhang, sagte Stahl. Dieser Zusammenhang müsse aber bewiesen werden. Die Staatsanwaltschaft warte noch auf die pharmakologischen und toxikologischen Gutachten, die genau darüber Aufschluss geben sollen. Da das Präparat neu sei, müssten erst Nachweismethoden entwickelt werden.

Ob dem Heilpraktiker über die fünf Fälle hinaus weitere Fälle zur Last gelegt werden, ist noch völlig unklar. 200 Adressen fanden die Ermittler in der Praxis. Sie würden derzeit ausgewertet. Ob auch die Substanz 3-Bromopyruvat gefunden wurde, ließ Stahl offen. Auch die Herkunft des Wirkstoffs ist nach seinen Angaben noch unklar. „Es gab eine deutsche Apotheke, zu der Kontakte bestanden.“ Es werde derzeit ermittelt, ob sie oder eine andere Quelle im europäischen Ausland der Lieferant sei.

Mit dem früheren Kompagnon von Klaus R., dem Gründer der Praxis, der sich im vorigen Jahr zurückgezogen hatte, werde man in Kürze sprechen. Er hatte gegenüber niederländischen Medien die Vermutung geäußert, dass möglicherweise das Präparat verunreinigt oder falsch zubereitet war. Dieser Arbeitshypothese gehen die Ermittler derzeit nach. Der Heilpraktiker R. bestreitet nach Angaben Stahls, dass etwas falsch gelaufen sei.

Angesichts der aufwendigen Ermittlungsarbeit wurde die Ermittlungskommission „Brom“ von sieben auf 20 Beamte aufgestockt. Herausgefunden haben sie mit Hilfe ihrer niederländischen und belgischen Kollegen, dass 69 Patienten der Praxis inzwischen tot sind. Ob auch sie mit 3-Bromopyruvat behandelt wurden, muss noch geklärt werden. Nur dann werde man diesen Fällen nachgehen.

Ob während der Ermittlungen niederländische Opferschutzbeamte, die auf Ersuchen der deutschen Kollegen aktiv werden, Angehörige nach einem möglichen Einverständnis für eine Exhumierung gefragt haben und so das Gerücht entstand, blieb am Freitag offen. Stahl sagte nur: „Exhumierungen sind derzeit kein Thema.“

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