Altenpflege: „Pflegepersonal leidet selbst am meisten“

Von: Peter Stollenwerk
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Liebevolle Zuwendung ist leider in vielen Altenheimen Mangelware: Pflege, wie sie eigentlich sein sollte, können die meisten Pflegekräfte unter den aktuell herrschenden Bedingungen gar nicht leisten, sagt die Gewerkschafterin Annegret Hackmann. Foto: imago/blickwinkel
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Fordert nachhaltige strukturelle Veränderungen in der Altenpflege: die Aachener Verdi-Gewerkschaftssekretärin Annegret Hackmann. Foto: Peter Stollenwerk

Simmerath/Aachen. Es ist fast egal, in welches Altenpflegeheim man hineinhört: Von Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen ertönt immer das gleiche Klagelied. Die Personaldecke ist einfach zu dünn, um den steigenden Bedürfnissen und Pflegeanforderungen der Bewohner gerecht zu werden.

Dass der Pflegenotstand dramatische Entwicklungen auslösen kann, wurde Ende September am Beispiel eines Pflegeheims in Simmerath deutlich. Nachdem die zuständige Heimaufsicht der Städteregion Aachen wiederholt gravierende Pflegemängel angemahnt hatte, aber die Kritikpunkte nicht abgestellt wurden, war als ultimative Maßnahme die Schließung des Hauses, das der Alloheim GmbH Düsseldorf gehört, angeordnet worden.

Nur durch einen blitzartig vollzogenen Betreiberwechsel konnte eine Evakuierung der 58 Heimbewohner verhindert werden. Seit dem 4. Oktober ist die Itertal Seniorenzentrum GmbH neuer Träger des Heims am Rathausplatz.

Simmerath kein Einzelfall

„Wir sind über diese Entwicklung nicht unglücklich. Die Situation im Alloheim war immer grenzwertig“, sagt Annegret Hackmann. Sie ist als Gewerkschaftssekretärin bei Verdi in Aachen zuständig für den Fachbereich 3 (Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen), und hat in den zurückliegenden vier Jahren auch einen Teil der Pflegedienstkräfte in Simmerath betreut. In ihrem Bezirk Aachen/Düren/Erft vertritt der Verdi-Fachbereich die Interessen von Beschäftigten in mehr als 120 Einrichtungen im Altenpflegebereich.

„Simmerath ist kein Einzelfall, auch wenn hier ein besonders schwieriger Fall vorlag“, bringt Annegret Hackmann die Erkenntnisse aus vielen Gesprächen mit Altenpflegerinnen auf den Punkt. Die Alloheim GmbH, die auch seit kurzem ein Heim in Herzogenrath führt, ist mit 126 Häusern und 11.000 Beschäftigten deutschlandweit der drittgrößte private Betreiber von Seniorenresidenzen. Die Gruppe gehört zu einem Finanzkonsortium und kann laut Eigenbilanz auf ein Umsatzwachstum von 30 Prozent pro Jahr seit 2011 verweisen.

Im Alloheim Simmerath habe die Heimleitung häufig gewechselt, „aber die Situation wurde immer nur kurzfristig besser“, berichtet Annegret Hackmann. Auch das Personal habe sehr wohl gesehen, „dass man die Pflegequalität nicht mehr aufrecht erhalten kann“.

Die psychische Belastung der Mitarbeiter sei sehr hoch gewesen. „Die befanden sich in einem Teufelskreis aus ständiger Unterbesetzung und nicht mehr zu erfüllenden Bedürfnissen der Bewohnern.“ Hinzu sei die hohe Anzahl von Leihkräften gekommen, die die Problematik der einzelnen Bewohner oft nicht habe fachgerecht einschätzen können und zudem nicht gerade für Kontinuität in der Betreuung gesorgt habe.

Politik hat weggeschaut

Daher, so die Gewerkschaftssekretärin, sei es unabdingbar, dass der Gesetzgeber endlich bundeseinheitlich eine verbindliche Personalbemessungsgrenze für Fachpflegekräfte in Altenpflegeeinrichtungen festlege. Leider seien die von Verdi dazu bislang gestarteten Aktionen noch ohne durchschlagenden Erfolg gewesen. Man habe dargestellt, dass im Bereich der Gesundheitspflege in Kliniken und Krankenhäusern 162.000 Arbeitskräfte fehlen würden.

Weder von Arbeitergeberseite noch von der Politik sei diese Zahl in Zweifel gezogen worden, stellt Annegret Hackmann fest. In der Altenpflege, wo die Bezahlung schlechter und die psychische Belastung oft größer ist, zeichnet sich ein noch dramatischeres Bild ab: Der Pflegereport der Bertelsmann Stiftung prognostiziert, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent steigt, aber beim Personal ist der Trend gegenläufig. Demnach werden laut Stiftung in 15 Jahren fast 500.000 Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen, wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzten.

„Die Politik hat lange weggeschaut“, sagt Annegret Hackmann. Es sei jetzt dringend erforderlich, ganz andere Grundlagen für Pflegeberufe zu schaffen, damit die Pflegeheime auch nachhaltig Qualität gewährleisten könnten. „Dafür muss dann auch bereit sein, Geld für die Verbesserung des Systems bereitzustellen.“ Es sei ein bedenkliches Alarmsignal, wenn viele Pflegekräfte unmissverständlich sagten, „dass ihnen nicht wohl bei dem Gedanken ist, einen Angehörigen in einem Pflegeheim unterzubringen“.

Die Gewerkschaftssekretärin weiß aus vielen Gesprächen, dass es für eine Pflegekraft höchst belastend ist, „wenn sie nicht so pflegen kann, wie es eigentlich erforderlich wäre“. Hackmann: „Das Pflegepersonal leidet selbst am meisten unter dieser Situation.“

Pflegeberufe müssten wieder attraktiver werden, und auch den Arbeitgebern, denen die Pflegekassen nur ein bestimmtes Volumen zur Verfügung stellten, müssten mehr Spielraum bekommen, um der chronischen Personalknappheit auch wirksam begegnen zu können und Betriebsvereinbarungen in der Praxis auch umsetzen zu können. Verdi fordere zudem eine stärkere Förderung der Ausbildung.

Den Auswirkungen des Trägerwechsels im Seniorenzentrum Simmerath steht Annegret Hackmann abwartend gegenüber. Das Umfeld erwarte, dass „mehr als nur ein Etikettentausch“ stattfinde. Auch die Itertalklinik sei in den zurückliegenden Jahren rasant gewachsen, und alle Heimbetreiber stünden unter dem selben Druck, innerhalb eines begrenzten finanziellen Rahmens Pflegequalität zu gewährleisten.

Ein weiterer Schritt zur Qualitätssicherung ist aus der Sicht der Gewerkschaftssekretärin die Schaffung einer gesetzlichen Pflegevollversicherung. Eine solche Umwandlung würde laut Verdi-Berechnung für die Versicherten selbst lediglich eine Beitragserhöhung unter einem Prozentpunkt bedeuten.

Eine Art Vorzeigeeinrichtung kann Annegret Hackmann in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht ausmachen. „Die Qualität“, sagt sie, „steht und fällt oft mit den Heim- und Pflegedienstleitungen.“ Aber entscheidend sei, dass der Gesetzgeber endlich den gestiegenen Anforderungen an die stationäre Pflege Rechnung trage.

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