„Also sterben, das will ich noch nicht!“

Von: Claudia Schweda
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Sie haben noch viel zu lachen: Christine Hoscheid (links) ist 107 Jahre alt, Schwester Getrudis ist sechs Jahre jünger. Sie leben im St. Ritastift in Düren und sind mit Hilfe ihrer Rollatoren noch zügig unterwegs. Foto: Ingo Latotzki

Düren. Christine Hoscheid und Schwester Gertrudis sind alt. Das ist nicht zu übersehen. Sie haben diese tiefen Furchen im Gesicht, die von einem gelebten Leben erzählen. Ihr Gang ist ein wenig gebückt. Aber ihr wahres Alter gibt ihr Äußeres nicht preis.

Wer sie im St. Ritastift in Düren trifft, staunt. Über ihr Alter von 107 und 101 Jahren und über ihr herzhaftes Lachen und ihre Lebensfreude.

Christine Hoscheid dürfte mit 107 Jahren einer der ältesten Menschen in unserer Region sein. Insgesamt leben im Raum Aachen, Düren und Heinsberg um die 160 Menschen, die 100 Jahre oder älter sind. „107 werden die wenigsten“, sagt Ulrich Hollwitz, Sprecher des Kreises Heinsberg. Er listet jedes Jahr im Heimatkalender des Kreises diese außergewöhnlich alten Menschen auf. Und er hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten nur ein-, vielleicht zwei- oder dreimal erwähnt werden; dann sterben sie. Im vorigen Jahr sei eine Dame aus Wegberg gestorben, die habe zehn Mal im Heimatkalender als Altersjubilarin gestanden. „110. Das war schon außergewöhnlich“, sagt Hollwitz.

Das Gedicht für den Kaiser

Christine Hoscheid macht den Eindruck, als würde sie die 110 locker schaffen. Sie ist mit ihrem Rollator zügig unterwegs, versteht jedes Wort, „obwohl es manchmal nicht gut ist, dass man alles hört“, und plaudert gerne angeregt über ihre Kindheit. Wenn der Sohn ihrer Nichte sie fragt, „Tante Tina, wie war das früher?“, dann erzählt sie, wie es war, als der Vater in den Krieg musste und sie als älteste von vier Geschwistern auf die kleineren aufpassen musste. Vielleicht kennt ihr Großneffe auch schon das Lied, das sie in der Schule für den Kaiser auswendig lernen musste. Sie kann es noch heute wie ein Gedicht aufsagen: „Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin“, sagt sie und muss fast über sich selbst lachen, „und wär‘ das nicht so weit von hier, so ging‘ ich heut‘ noch hin.“ Die zweite Strophe hängt sie locker dran.

Diese alte Dame passt nicht in das Raster der Alternsforschung: Nach Kindheit und Berufsleben beginnt das „dritte Alter“. Die Menschen sind gesundheitlich noch fit, es gibt keinen Pflegebedarf. Die heute 65-jährigen Männer haben eine Lebenserwartung von 17 weiteren Jahren, die Frauen von 21, sagt An­dreas Mergenthaler, Soziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Das sage nichts über die Qualität ihres Lebens in dieser Spanne aus. „Die wenigsten erleben wirklich rüstig das Ende dieser Phase“, sagt er. In guter Gesundheit lebten die Menschen durchschnittlich nur noch weitere sieben Jahre. Dann träten die ersten Einschränkungen ein. „Man spürt das Alter einfach“, sagt der Soziologe, die Menschen werden hilfsbedürftiger, Zahl und Stärke der Erkrankungen nehme zu.

Steht die Hilfsbedürftigkeit im Vordergrund, ist das „vierte Alter“ erreicht. Die letzte Phase vor dem Tod wird das „fünfte Alter“ genannt. „Es ist von Gebrechlichkeit und hoher Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet“, sagt Mergenthaler. Statistisch könne man den Beginn des vierten Alters etwa bei 80 Jahren ansetzen. Da, wo auch die Hochaltrigkeit beginnt. Individuell sehe das natürlich anders aus.

In den Augen des Alternsforschers sind Christine Hoscheid und Schwester Gertrudis – trotz ihres hohen Alters – erst im „vierten Alter“. Wenn die beiden alten Damen das lesen, werden sie darüber lachen. Vor allem Schwester Gertrudis wird ihren Kopf in den Nacken werfen und ihr helles, fast mädchenhaftes Lachen anstimmen.

Die 101-Jährige hat eigentlich mehr erlebt, als in ein Leben passt: Sie ist Lehrerin, war verheiratet, hat zwei Söhne groß gezogen, sich scheiden lassen, ist zum Katholizismus konvertiert, in einen Orden eingetreten und hat dann noch an einer Fernuniversität Belletristik studiert. Heute ist sie nach einem Hörsturz quasi taub. Zwei Hörgeräte helfen, wenn das Gegenüber der klar formulierten Anweisung folgt „nicht zu schnell und nicht zu laut“ zu sprechen.

Die 101-Jährige steht mitten im Hier und Jetzt, „die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, und die Zukunft wird ja von IHM da oben geregelt“. Sie sei ein Gegenwartsmensch, „ich freu‘ mich über den Augenblick, den ich noch erleben kann, mit Bewusstsein, mit Freude, mit allem drum und dran.“ Ihr Motto: „Ja sagen zu dem, was es ist und wie es ist. Fertig!“ Sie schlägt mit der Hand auf den Tisch und strahlt. Selbst über ihren Orden, die Schwestern vom göttlichen Herzen Jesu, macht sie Witze: Die Abkürzung CDC stehe für „Charmanter Damenclub“. Ihre Augen blitzen, dann lacht sie auf. Christine Hoscheid lacht mit.

Menschen im vierten und fünften Alter, haben Alternsforscher festgestellt, empfinden meist eine große Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Kein Wunder: Vertraute Netzwerke sind weggebrochen. Sie sind die Übriggebliebenen. Ein bisschen übriggeblieben sind wohl auch die beiden Damen im St. Ritastift. Trotzdem sind sie zufrieden. Sie hadern nicht. Mit nichts. Vielleicht liegt das an ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen. Vielleicht haben sie auch einfach das Richtige getan: Schwester Gertrudis pflegt den Kontakt zu ihrem Sohn und ist nach Düren gezogen, weil nebenan im betreuten Wohnen eine vertraute Ordensschwester lebt. Christine Hoscheid, die nie eine eigene Familie gegründet hat, ist aus Hennef nach Düren gekommen, weil dort ihre Nichte lebt, zu der sie viel Kontakt hat.

Für alte Menschen, die sich einsam fühlen, hat die 107-Jährige kein Verständnis: „Dann sind die auch an nix interessiert“, sagt sie kurz und knapp. Sie liest jeden Tag die Zeitung und unzählige Bücher. „Also sterben, das will ich noch nicht!“, sagt sie bestimmt. Solange sie noch so klar im Kopf sei und sich mit den Leuten unterhalten könne, „solange möchte ich noch leben“.

Heute können sich Menschen, die jünger als 65 sind, darauf einstellen, mindestens 80 Jahre alt zu werden, sagt der Alternsforscher. „Das wird zur Normalität.“ Was noch nicht normal sei, sei das Nachdenken über diese lange Zeitspanne, die uns nach dem Berufsleben bleibt. „Wir haben uns auf diese große Zahl gewonnener Jahre noch nicht eingestellt“, sagt Mergenthaler. Sie sinnvoll zu nutzen, sei eine echte Herausforderung. Und es verlange Eigeninitiative. Studien belegten, dass die Menschen länger arbeiten wollten – aber unter anderen Konditionen. Was fehle, seien Vorbilder.

Studien darüber, wie es Menschen geht, die so alt werden wie Christine Hoscheid oder Schwester Gertrud, sind selten. Diese „Centenarians“ seien in der Forschung noch ein bisschen ein blinder Fleck, gibt Mergenthaler zu. Vielleicht sollte er einmal in Düren vorbeifahren.

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