Als Tausende Bürger ein AKW stoppten

Von: Madeleine Gullert
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Ein Bericht unserer Zeitung über den Protest gegen ein weiteres Atomkraftwerk an der Maas bei Visé vom 26. April 1977: Robert Borsch-Laaks, der sich damals engagierte und mit vielen Mitstreitern Erfolg hatte, erhofft sich einen ähnlichen Erfolg von den Tihange-Protesten. Foto: Harald Krömer
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Kämpft seit den 70ern gegen Kernenergie: Robert Borsch-Laaks. Foto: Gullert

Aachen/Visé. Robert Borsch-Laaks hat das Bedürfnis, Danke zu sagen. Schließlich hätte es mit der Atomkraft in Belgien noch viel schlimmer kommen können, findet er. Der Aachener und seine Mitstreiter der Initiative „3 Rosen“ werden bei der geplanten Menschenkette gegen Tihange am 25. Juni drei große „Merci“-Transparente nach Visé bringen.

Sie sollen das Engagement der Menschen aus der Wallonie gegen die Kernenergie würdigen. Das klingt ein wenig seltsam, ist doch der Widerstand gegen den umstrittenen Meiler Tihange 2 in Deutschland am größten und bei den Belgiern eher verhalten. Der Dank gilt aber vor allem einem ganz anderen Kampf: dem gegen das Atomkraftwerk in Oupeye bei Visé.

Proteste als Student

Noch nie von einem AKW in Visé gehört? Nun, das liegt daran, dass die Proteste in den 1970er Jahren so erfolgreich waren, dass es nie gebaut wurde. Andernfalls gäbe es nämlich vielleicht ein Kernkraftwerk in dem Ort, der nur 30Kilometer von Aachen entfernt liegt. „Die Menschen hier haben mit mehr als 21000 persönlichen Einsprüchen den Bau von zwei weiteren Reaktoren Ende der 70er Jahre verhindert“, sagt Borsch-Laaks. Der 69-jährige Physiker im Ruhestand erinnert sich gut an die Proteste, weil er damals als Student dabei war.

Borsch-Laaks gehörte zu der Gruppe um Waltraud Hoven – Umweltschützerin der ersten Stunde und Gründungsmitglied der Aachener Grünen. Borsch-Laaks studierte zwar selbst Physik, doch der Glaube an das Wunder Kernenergie schwand bei ihm, als er 1972 bei einem Kongress den Vortrag eines kritischen Wissenschaftlers hörte. Da seien ihm die Risiken bewusst geworden. „Ich war mir stets der Verantwortung, die mit der Technologie verbunden ist, bewusst“, sagt Borsch-Laaks. Er war mit seinen Sorgen nicht allein.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung wuchs in den 70ern – auch in Belgien. Die „Amis de la Terre“ (der belgische BUND) gründeten sich 1976 und gewannen zunehmend an Einfluss. Die Aachener Aktivisten und die „Amis de la Terre“ standen in engem Kontakt, sagt Borsch-Laaks. Als bekannt wurde, dass möglicherweise ein Atomkraftwerk in Oupeye bei Visé gebaut werden sollte, war den Atomkraft-Gegner aus der Region klar, dass sie bei den Protesten mitmachen würden.

„Wir kämpften vor allem gegen das AKW Kalkar am Niederrhein, aber Visé hätte uns ja noch mehr betroffen.“ Auf einem etwa 25 Hektar großen Gelände sollte bis 1983 ein Doppel-Atomkraftwerk von zwei Mal 1200 Megawatt errichtet werden, war in dieser Zeitung am 26.April 1977 zu lesen.

1969 wurde der Bau der ersten Atomkraftwerke in Belgien beschlossen: in Tihange bei Lüttich und Doel bei Antwerpen. Gegen diese Pläne gab es zunächst keinen Widerstand, keine Kontroversen, wie es die belgischen Grünen in einer Chronik beschreiben. Eigentlich sollte es nach dem Willen der Belgier sogar viele weitere Atommeiler geben, nicht nur in Visé. In Zeitungsberichten aus der Zeit ist von 50 geplanten Standorten die Rede, und das im kleinen Belgien. Doch dazu kam es nicht.

Nicht nur, dass der Glaube an die vermeintlich saubere Atomkraft ohnehin in den 70er Jahren schwand, in Visé gab es noch ein lokales Ärgernis. Die Stimmung in der Stadt war nach einem Trinkwasserskandal ohnehin angespannt. 1973 war Radioaktivität im Wasser entdeckt worden. Ein Bürger hatte damals durch Zufall bemerkt, dass sein eigener Körper radioaktiv verseucht war. Proben ergaben laut Medienberichten, dass der Anteil von schädlichem Radon im Trinkwasser den üblichen Wert um das 23.000-fache überschritt.

Darauf schloss sich in dem Ort eine Umweltinitiative zusammen, das „Comité écologique visétois“. Die Ursache für das verseuchte Wasser blieb unklar, und so mussten die Bürger mehr als eineinhalb Jahre für sauberes Wasser kämpfen. Die ersten Einwohner Visés weigerten sich, ihre Wasserrechnungen zu zahlen. Kein Wunder also, dass die Pläne für ein Atomkraftwerk in der Gegend nicht gerade für Begeisterung sorgten.

Auch unsere Zeitung berichtete damals über die Befürchtungen wegen eines zweiten AKW an der Maas unweit des Standorts Tihange. Die Gruppe „Umweltschutz Aachen“ startete mit niederländischen und belgischen Mitstreitern unter anderem eine Fahrrad-Protesttour. Die Aachener schrieben offene Briefe an den Bürgermeister, um ihre Sorgen auszudrücken, sie organisierten Busse nach Visé. „Waltraud Hoven war sogar mit ihrem kleinen Kind dabei“, erinnert sich Borsch-Laaks.

Ende Mai 1977 sammelten Bürger in der von dem geplanten AKW betroffenen Gegend zwischen Lüttich und Maastricht 21000 Unterschriften. „In Zeiten vor dem Internet“, wie Borsch-Laaks anerkennend sagt. Die Menschen wollten alle legalen Mittel ausschöpfen, um das AKW zu verhindern. Auch der Gemeinderat von Visé verurteilte in einer Resolution den Bau des Kernkraftwerks. Von Seiten des Betreibers hieß es später, dass ohnehin nicht sicher gewesen sei, dass dort ein Atomkraftwerk hätte entstehen sollen. Das AKW Visé jedenfalls wurde nie gebaut.

„Man darf die Belgier nicht unterschätzen“, sagt Borsch-Laaks. Tatsächlich hatten auch andere Proteste Erfolg: gegen ein in Andenne bei Namur geplantes AKW gab es Großdemonstrationen und 1978 ein Referendum gegen das Kraftwerk. Rechtlich bindend sei das nicht gewesen, aber der Druck von 84 Prozent „Nein“-Stimmen war wohl zu groß. Der Protest gegen Atommeiler kann funktionieren; das ist für Borsch-Laaks das positive Signal. „Mit der Menschenkette wird Tihange nicht abgeschaltet, aber ich erhoffe mir auch davon eine Initialzündung für weitere Proteste.“

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