Kreis Heinsberg - Als der Ferrari weg war: Immer mehr Autodiebstähle

Als der Ferrari weg war: Immer mehr Autodiebstähle

Von: Jan Mönch
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Kreis Heinsberg. Mit Versicherungen ist es so eine Sache. Hat man sie und braucht sie nicht, kosten sie viel Geld, das man für andere Dinge hätte verwenden können. Hat man keine und bräuchte sie dann doch, ist das allerdings wesentlich ärgerlicher.

Vermutlich könnten Versicherungsgesellschaften ohne diese Einsicht kaum existieren. Und mit einiger Sicherheit gibt es in der gesamten Region kaum jemanden, der einer nicht rechtzeitig abgeschlossenen Versicherung momentan so nachtrauert, wie Rudolf Lessing aus Übach-Palenberg.

Eine Haftpflichtversicherung für den roten Ferrari Testarossa, den er sich vor 15 Jahren gekauft hat, gab es natürlich. Aber mehr eben nicht. Nun haben Diebe den Sportwagen gestohlen. Von den rund 117.000 Euro, mit denen er gelistet war, wird Rudolf Lessing keinen einzigen Cent sehen. Von all dem Herzblut, das in das PS-starke Geschoss geflossen ist, gar nicht erst zu reden. „Ich bin richtig schockiert“, sagt Lessing, der in Wirklichkeit anders heißt.

Als Lessing den Wagen kaufte, hatte dieser einige Schäden und einen Wartungsstau, für 108.000 D-Mark wurde Lessing zum Ferrari-Fahrer, ein Schnäppchen. Oder sollte man sagen: Ferrari-Pfleger? „Ich habe mehr daran gebastelt, als ich ihn gefahren habe“, berichtet er. Nur 33.000 Kilometer standen zuletzt auf dem Kilometerzähler, so gut wie nichts. Rudolf Lessing wurde nicht nur ein Auto gestohlen, sondern auch sein Hobby und, na klar, eine gute Geldanlage. Er ist kein Multimillionär, der sich mal eben einen neuen Ferrari kauft.

Rund 400 Fahrzeugdiebstähle im Jahr

Lessing mag der einzige sein, dem ein Ferrari gestohlen worden ist. Das einzige Opfer von Autodieben im Kreis Heinsberg ist er aber nicht. Bei weitem nicht. Laut offizieller Kriminalitätsstatistik für den Kreis Heinsberg stieg die Zahl im vergangenen Jahr gegenüber 2013 um satte 20 Prozent an, 211 Fälle gab es in absoluten Zahlen. Bei Mopeds und Motorrädern stieg die Zahl auf 184 Fälle, was einer prozentualen Zunahme um gut 14 Prozent entspricht. Eingeschlossen sind hier die Versuche.

Natürlich muss man Rudolf Lessing fragen, wieso er den Ferrari nicht vernünftig versichert hatte, und das Tragische ist, dass er genau das vorgehabt hatte. Der Wert des Autos sei erst in letzter Zeit extrem stark gestiegen, berichtet er, und weil man einen 25 Jahre alten Testarossa nicht mal eben mit ein paar Mausklicks versichern kann wie einen Ford Focus oder einen Renault Twingo, musste erst mal ein Gutachten her. Das kostet Zeit und hat sich nun leider erledigt.

Lessing hat nicht die geringsten Zweifel, dass die Täter genau wussten, wonach sie suchten. Er verfügt über eine Doppelgarage mit zwei Toren, in der einen steht ein älterer Mercedes, nichts wirklich Besonderes, und in der anderen stand eben der Ferrari. Weil Lessing an dem Ferrari-Tor den Strom abgestellt hatte, konnten die Täter zunächst nur an den Mercedes.

Hier schafften sie es offenbar, die Elektronik des Tores zu manipulieren. Einer machte sich an dem Mercedes zu schaffen, der später zwar in der Garage blieb, aber seither keinen Mucks mehr von sich gibt. Und der andere schaffte es schließlich, das zweite Tor zu öffnen. Ein Golf, der im Weg stand, wurde noch kurzerhand die Böschung hinabgeschoben. Dann fuhr der Ferrari davon, keiner weiß wohin.

Ein weiteres Opfer von Autodieben ist Raffael Schnoor aus Gangelt. Zweimal wurde ihm schon das Auto gestohlen und ein drittes Mal wurde es versucht. Genau wie Rudolf Lessing möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Das erste Mal, dass er bestohlen wurde, liegt schon acht Jahre zurück. Damals nahmen die Täter seinen Seat Ibiza SR aus einem Parkhaus mit. Auf den Bildern der Überwachungskamera war später zu sehen, wie sie mit dem Wagen auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Der Fall wurde niemals aufgeklärt.

„Wie ein Versicherungsbetrüger“

Der zweite Fall liegt erst ein halbes Jahr zurück. Schnoor fuhr nun einen weißen BMW M1 mit M-Paket. Wohlwissend, dass so ein Sportwagen auch Leuten gefällt, die nicht unbedingt dafür bezahlen wollen, sicherte er ihn stets mit einer Lenkradkralle sowie mit einer Sperre für den Ganghebel ab. „So eine Ganghebelsperre kriegt man hier in Deutschland praktisch nicht, das war ein Asien-Import. Zusammen mit der Lenkradkralle habe ich mich auf der sicheren Seite gefühlt“, berichtet Schnoor. Heute weiß er es besser. Eines Morgens war der BMW aus der Einfahrt verschwunden, in der Schnoor ihn abends abgestellt hatte.

Doch damit nicht genug. Nach einigem Hin und Her mit der Versicherung hatte er schließlich wieder ein baugleiches Modell. Am helllichten Tag versuchten Unbekannte, dieses zu stehlen, am Muttertag. Dieses Mal wurden die Täter wohl gestört. Als Schnoor zu seinem Wagen kam, fehlte der Schließzylinder an der Tür. „Von der Versicherung werde ich mittlerweile fast wie ein Betrüger behandelt“, ärgert er sich.

Schnoors Interesse an dem Thema ist mittlerweile verständlicherweise sehr ausgeprägt, im Internet hat er eine Seite entdeckt, auf der Autoknackerbedarf aller Art verschachert wird. Sie lässt sich in fünf Sprachen abrufen, die internationale Zielgruppe wird von Polen aus beglückt. Den einfachen Autoschlossspanner für Einsteiger gibt es zum Kampfpreis von zehn Euro, für den BMW-Turbodecoder muss man 780 Euro hinblättern, zahlbar mit Kreditkarte. Die Seite ist ein Versand für Autoknacker. Ihre Betreiber versprechen „100 Prozent Zufriedenheit“.

Ein falsch verstandener Facebook-Post

Thomas Dickmeis hatte es nur gut gemeint. Bei Facebook postete er neulich ein Bild von Michael Lessings Ferrari, versehen mit dem Hinweis, dass Autohalter sich vorsehen sollen. Schon das fünfte Mal sei es, dass einem seiner Kunden das Auto geklaut oder dies versucht wurde.

Dickmeis ist Automechaniker und als ehemaliger Formel-1-Mechaniker spezialisiert auf Fahrzeuge mit vielen Pferdestärken und besonderem Bedarf. Seine Werkstatt steht in Geilenkirchen.

Die Sache mit dem „fünften Auto“ verstanden einige offenbar falsch – es wurde nämlich eine Verbindung hergestellt zwischen Dickmeis und den Diebstählen, die es so nicht gibt. Er solle sich mal über seine Sicherheitsstandards Gedanken machen, schrieb ihm einer.

Vielleicht hätte Dickmeis ein bisschen akkurater formulieren sollen oder einen erklärenden Satz anfügen. Zum Beispiel hätte er schreiben können, dass es angesichts 211 versuchter und vollendeter Diebstähle im Kreis Heinsberg allein 2014 nicht sehr viel ist, wenn er fünf Betroffene kennt. Zumal Autodiebe es vor allem auf höherpreisige Modelle abgesehen haben – und deren Halter häufig den Weg in seine Werkstatt finden.

Nun war es zu spät. Wie es so im Internet ist, lässt der Eintrag sich nicht mehr zurückholen. Fast 700-mal wurde er schon geteilt. Dickmeis stellt klar: „Die Sache ist völlig falsch verstanden worden.“

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