Als Aachenerin im Zentrum des Flüchtlingsdramas

Von: Jutta Geese
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Auf Kalymnos erfahren die ankommenden Flüchtlinge Hilfe von Menschen wie der Aachenerin Brigitte Brück. Foto: Claudia Konerding/Jutta Geese
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Die örtliche Freiwilligeninitiative gibt - unter anderm - täglich Essen aus. Foto: Claudia Konerding/Jutta Geese
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Was bringt die Zukunft? Skeptisch schaut der kleine Syrer in die Kamera. Foto: Claudia Konerding/Jutta Geese
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Mit Schlauchbooten wie diesem erreichen Abertausende Flüchtlinge von der Türkei aus die griechischen Inseln. Foto: Claudia Konerding/Jutta Geese
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Die Schwimmwesten landen im Müll. Foto: Claudia Konerding/Jutta Geese

Kalymnos/Aachen. Mohammad hat alles verloren. Seine Arbeit, sein Haus, seine Heimat – und das ist nichts im Vergleich dazu, dass der Syrer hilflos zusehen musste, wie seine fünf Kinder und seine Frau sterben. Sie ertrinken vor der griechischen Insel Kalymnos.

Das kleine Schlauchboot, mit dem Mohammad, seine Familie und elf weitere Erwachsene von der Türkei gestartet sind, kentert in unruhiger See. Soldaten bergen zehn überlebende Männer und zwei Frauen. Auch vier Kinder finden sie. Tot. Von Mohammads Frau und seinem fünften Kind fehlt jede Spur. Man wird sie wohl nie mehr finden.

Dass der Schlepper, der mit ihnen im Boot war, von den Soldaten aufgegriffen und der Polizei übergeben wird, ist Mohammad natürlich kein Trost. Trost erfahren er und die anderen aus seiner Gruppe von Menschen wie der Aachenerin Brigitte Brück. Sie hat zehn Wochen auf Kalymnos zugebracht, im Hotel „Villa Melina“ des Ex-Aacheners Adonis Antonoglou. Er betrieb das Restaurant Kalymnos im Frankenberger Viertel und hatte Kultstatus in der linken und grünen Szene.

Hunderten Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan hat Brigitte Brück Zuwendung geschenkt, ihnen das Gefühl gegeben, willkommen zu sein, kurz durchschnaufen zu können nach oft wochenlanger beschwerlicher und gefährlicher Flucht.

Viele Aachener helfen

Adonis stellte und stellt – aktuell sind nur wenige Flüchtlinge in der Villa, davor waren es 60 Überlebende eines Schiffsunglücks mit 20 Toten – Zimmer zur Verfügung, die gerade nicht von Urlaubern belegt sind. Und er nimmt in Kauf, dass das bei einigen seiner Gäste nicht gut ankommt. „Die passen dann auch nicht hierher“, sagt er trotzig. Dabei lebt er wie so viele andere auf den griechischen Inseln vom Tourismus, zumal von ausländischen Gästen, da der innergriechische Reiseverkehr aufgrund der anhaltenden Finanzkrise massiv eingebrochen ist. Und seit August, seit das Flüchtlingsdrama auch auf Kalymnos immer größere Ausmaße annimmt, hat auch Adonis mit Stornierungen zu kämpfen.

Dennoch ist es ihm wichtig, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten oder zumindest einen ruhigen Schlafplatz unter freiem Himmel. Bei seinen Stammgästen, darunter viele aus Aachen, trifft Adonis auf Menschen, die tatkräftig zupacken, wo immer sie können, und die nach ihrem Urlaub zu Hause Spenden sammeln oder Kontakt zu Flüchtlingen in ihrem Wohnort suchen.

Brigitte Brück hat in den zehn Wochen auf Kalymnos viel Bedrückendes erlebt. „An einem Tag kamen 85 Flüchtlinge mit furchtbaren traumatischen Erlebnissen bei uns an. Einmal mussten wir die ‚Ärzte ohne Grenzen‘ um Hilfe bitten, da einer von ihnen nicht mehr aus dem Zimmer kam und nichts gegessen hat“, berichtet sie. „Eine Frau bekam die Nachricht, dass ihre Schwester erschossen wurde. Ein anderer, dass sein Vetter, der gerade an der Uni in Damaskus sein Examen bestanden hatte, mit 18 anderen in die Luft gesprengt wurde. Es waren dramatische Szenen hier. Ich habe mit den Flüchtlingen viel geweint und Trost gespendet, soviel ich konnte.“

Es habe aber auch schöne Momente gegeben, sagt Brigitte Brück. „Wir haben zusammen mit Musikern aus Aachen und Herzogenrath, die hier Urlaub machten, mit den Flüchtlingen gesungen. Wir haben zusammen gegrillt und am Pool gesessen. Es waren sehr ruhige und schöne Stunden.“ Etlichen Kindern hat sie das Schwimmen beigebracht. Und wenn die sie dann angestrahlt haben, ist ihr ganz warm ums Herz geworden.

Etliche Einträge im Gästebuch des Hotels zeigen, wie aufgehoben sich die Flüchtlinge bei Brigitte und Adonis gefühlt haben. In der Villa konnten sie Kraft tanken für ihren weiteren Weg. Schätzungsweise 1200 Männer, Frauen und Kinder hat Brigitte Brück in der Villa erlebt. Nicht alle wollen nach Deutschland, viele geben auch Schweden, Norwegen oder England als Ziel an. Ob sie dorthin gelangen werden? Brigitte Brück hofft es. Zu einigen wenigen hat sie E-Mail-Kontakt und weiß, dass sie ihr Ziel erreicht haben.

Auf Kalymnos stranden weitaus mehr Menschen als die, die in der Villa ein, zwei oder auch mehr Tage eine erste Zuflucht finden. Es sind nicht so viele wie auf der größeren Nachbarinsel Kos. Aber an manchen Tagen kommen mehr als 200 an beziehungsweise werden aus dem Wasser gefischt. Skrupellose Schlepper lassen sie in entlegenen Buchten von Bord, oft fernab vom nächsten Dorf. Die Einwohner haben sich daran gewöhnt, dass Flüchtlinge im Morgengrauen „über die Berge kommen“, und helfen einfach, ohne zu fragen, wer ihnen die Kosten erstattet.

Etwa in der Bucht von Paleonissos. An diesem Tag liegen etwa 20 Flüchtlinge apathisch am Strand. Die Wirtin einer der beiden Tavernen verneint die Frage, ob man etwas tun kann für die Frauen, Männer und Kinder. Sie habe die Gruppe mit Wasser und Essen versorgt und die Hafenpolizei angerufen, damit die sie abholt und zum Hafen der Hauptstadt bringt. Doch da niemand kommt – es ist einer der Tage mit überdurchschnittlich vielen Neuankömmlingen –, hat sie kurzerhand fünf Taxen bestellt. „Was soll man denn machen? Man muss ja helfen“, sagt sie und fügt an, alle zehn Tage komme eine Gruppe „über die Berge“. Wo es Geröll, aber keine Wege gibt.

Mit blinden Kindern auf der Flucht

Die Flüchtlinge aus der Paleonissos-Bucht treffen am Abend in der Villa von Adonis ein. Die meisten sind zu Fuß vom Hafen gekommen. Zwei Familien mit vier Kindern sind zu entkräftet. Zwei der Kinder – etwa achtjährige Zwillingsbrüder – sind blind und können aufgrund einer Muskelschwäche nicht laufen. Seit zwei Wochen sind die Eltern, kurdische Iraker, mit ihnen auf der Flucht, tragen die beiden Jungs viele hundert Kilometer weit.

Als Brigitte Brück und andere Hotelgäste sie am Hafen abholen, sind sie im Nu von etlichen Menschen umringt, die verzweifelt um ein Zimmer bitten. Denn es ist zwar tagsüber noch richtig warm, nachts aber wird es kühl und vor allem feucht. Doch sie können nur die zwei Familien mit den vier Kindern mitnehmen. Für mehr Menschen ist in der Villa an diesem Abend kein Platz mehr.

Die anderen bleiben am Hafen, wo sich die Polizei nach Kräften um sie kümmert. „Die Polizisten sind alle wirklich sehr, sehr engagiert. Das zu erleben, ist unglaublich berührend“, sagt Brigitte Brück.

Deutsche Urlauber als Flüchtlingshelfer

Gleiches gilt für die Gruppe einheimischer Freiwilliger um die pensionierte Lehrerin Nina Georgiadou. Sie hat, unterstützt von vielen Spendern und zeitweilig auch Urlaubern vor Ort, ein leerstehendes Gebäude in der Nähe des Hafens zur Anlaufstelle für Flüchtlinge hergerichtet. Es gibt einen kleinen Schlafsaal mit 20 Betten, eine winzige, mit gespendeten Sachen vollgestopfte Kleiderkammer und eine ebenso winzige Küche, in der Freiwillige jeden Tag für die Flüchtlinge kochen.

Die Berliner Fotografin Claudia Konerding ist eigens um zu helfen für zwei Wochen nach Kalymnos gekommen. Unermüdlich ist sie im Einsatz. Sie sorgt sich jetzt, was passiert, wenn die Saison zu Ende ist und keine Urlauber mehr zur Unterstützung der Einheimischen da sind. Sie will deshalb auf jeden Fall im Dezember noch einmal nach Kos und Kalymnos kommen. Wieder mit vielen Kartons voller Spenden, die sie in Berlin sammeln will. Und wieder mit dem Wunsch, den Flüchtlingen das Gefühl geben zu können, in Europa willkommen zu sein.

Materielle Hilfe für die Menschen, die ihre Heimat verloren haben und auf der wochenlangen Flucht oft auch ihre gesamten Habseligkeiten, das ist das eine. Für die Menschen da sein, ihnen zuhören, auch wenn man ihre Sprache nicht versteht und die Verständigung auf Englisch auch nicht wirklich gut klappt, ihnen selbst ruhig zusprechen und Nähe geben, ihre Hand halten, sie streicheln, das ist das andere. Intuitiv hat Brigitte Brück von Anfang an genau das getan, was die Fachleute von „Ärzte ohne Grenzen“ und vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) den freiwilligen Helfern vor Ort empfehlen.

Neben so pragmatischen Dingen wie Essen, Medikamente, Kleidung und Rucksäcke für die Flüchtlinge organisieren oder sie zur Polizeistation begleiten, wo sie Papiere erhalten, die ihnen den Kauf eines Fährtickets nach Athen erlauben, leistet Brigitte Brück das so beeindruckend, dass das Team von „Ärzte ohne Grenzen“ sie Ende Oktober bittet, mit nach Leros zu kommen. Dort sind Dutzende Flüchtlinge, deren Boot gekentert war, aus dem Wasser gezogen worden und brauchen Betreuung.

Austausch mit Profis

Zehn Wochen lang erlebt Brigitte Brück das Flüchtlingselend hautnah. An manchen Tagen ist sie selbst verzweifelt, erschöpft. Dann tun ihr Gespräche gut: mit Freundinnen und Freunden, mit ihren beiden Töchtern – eine von ihnen, Julia, ist für ein paar Tage mit ihrer Freundin Jenna nach Kalymnos gekommen und hat ihre Mutter unterstützt.

Und der Austausch mit den Profis von UNHCR und „Ärzte ohne Grenzen“ hat Brigitte Brück geholfen, die schrecklichen Berichte der Flüchtlinge, deren unendliche Traurigkeit auszuhalten und wieder in den Alltag in Deutschland zurückzufinden. Dabei hilft auch die Gewissheit, dass Mohammad, der seine Frau und seine fünf Kinder verloren hat, inzwischen in Sicherheit ist.

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