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Alopecia Areata: Ein Leben ohne Haare

Von: Jessica Küppers
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Lisa Haalck (links) hat kreisrunden Haarausfall und will mit Fotografin Ingrid Hagenhenrich Betroffenen Mut machen. Foto: I. Hagenhenrich

Region. Wenn Lisa Haalck durch ihre Heimatstadt Münster läuft, schauen die Leute hin. „Das kann ich ihnen auch nicht übel nehmen“, sagt die 28-Jährige, weil sie einen großen, bunte Turban trage. Darunter verbirgt sich eine Glatze. Wimpern und Augenbrauen hat sie auch nicht. Lisa leidet seit ihrem zehnten Lebensjahr unter der Autoimmunerkrankung Alopecia Areata (AA) – eher bekannt als kreisrunder Haarausfall. Seit sie elf Jahre alt ist, ist ihr Kopf kahl.

Mit diesem Schicksal ist Lisa nicht allein. Sie ist eine von 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland. Der Verlauf der Krankheit ist ganz unterschiedlich. Einige behalten ihre Augenbrauen, andere verlieren alle Haare und bei wieder anderen normalisiert sich die Situation irgendwann wieder. Doch alle haben eines gemeinsam: Die ungewollte Veränderung verunsichert und kratzt am Selbstwertgefühl, weil Haare zum Schönsein in den Augen vieler Menschen einfach dazu gehören.

Lisa hat ihren Haarverlust mittlerweile akzeptiert. Sie hat gelernt, sich wieder „liebzuhaben“, wenn sie in den Spiegel schaut. Der Weg dahin war lang. Mit dem Kontrollverlust konnte sie zunächst nicht umgehen, ernst gemeinte Komplimente nicht glauben, mitleidige Blicke nicht ertragen. „Das hat auch mit Trauer zu tun“, sagt sie. Ihre Familie gab ihr in der Zeit den Rückhalt, den sie brauchte. Trotzdem zeigte sie sich nur selten ohne ihre Perücke.

Nach einem Fotoshooting mit der befreundeten Fotografin Ingrid Hagenhenrich fasste sie neuen Mut. Sie ließ sich ohne künstliche Haare ablichten und startete ein Fotoprojekt. Unter dem Titel „Schönlinge“ besuchten Ingrid und Lisa 27 andere Menschen mit kreisrundem Haarausfall. „Manchmal lachten wir zusammen, manchmal gab es auch Tränen der Rührung“, erzählt Lisa von den Besuchen. Das war häufig dann der Fall, wenn die Partner ihren Schönlingen – wie sie die Betroffenen liebevoll nennt – eine Liebeserklärung machen.

Schönheit anders definiert

Dass Schönheit von innen kommt, lehnt Lisa jedoch ab. „Ich distanziere mich davon“, sagt sie. Natürlich hat Schönheit im Allgemeinen etwas mit Äußerlichkeiten zu tun. Für sie persönlich hat Schönheit aber nichts mit langen Haaren, einer schlanken Figur oder tollen Augen zu tun. „Ich mag nicht, wenn alles in die gleiche Form gegossen wird“, sagt sie. Stattdessen finde sie das Abweichende schön. Das könne beispielsweise ein Schlappohr oder ein Gesicht voller Sommersprossen sein. Heutzutage gehe oft die Individualität verloren und das Gleichmachen finde sie persönlich nicht schön.

Ihre Geschichte wird Lisa heute auch in Aachen erzählen. Denn sie wird als Rednerin bei Tedx in der Aula der RWTH auf der Bühne stehen. Wie es bei Ted-Veranstaltungen üblich ist, wird sie nur wenig Zeit haben, um ihre Botschaft „Schönheit von Verletzlichkeit“ an das Publikum zu bringen. Es gehe um ihren Werdegang, um den Umgang mit sich selbst und den wichtigsten Wendepunkt in ihrem Leben. Sie wolle das Publikum dazu einladen, den Schönling in sich selbst zu entdecken. Es soll um das gehen, was man nicht verändern kann, sagt sie.

Alle Vorträge sind im Netz zu sehen

Auch wenn Lisa keinen Seelenstriptease auf der Bühne hinlegen will, wird sie viel Intimes erzählen und ihr Projekt weiter vorantreiben. Den Kontakt zu den Aachener Veranstaltern von Tedx hat sie über einen Bekannten von der Studienstiftung bekommen.

Insgesamt acht Vorträge und zwei musikalische Beiträge werden heute in der Aula zum Besten gegeben. Zu den Rednern zählen der Aachener Generalmusikdirektor Kazem Abdullah, der niederländische Unternehmer Erik Joosten und der Kardiologe Jürgen Schäfer. Die Themen sind vielfältig. „Das Konzept besteht darin, verbreitungswürdige Ideen, auch zu verbreiten“, sagt Mitorganisatorin Nada Abedin von der RWTH Aachen.

Weil nur 300 Zuhörer live dabei sein können, werden alle Beiträge aufgezeichnet und anschließend ins Netz gestellt. So sollen möglichst viele Menschen die Gespräche sehen können. Die Ted-Reihe findet nun zum dritten Mal in Aachen statt und soll auch künftig fortgeführt werden. „Das Ganze ist von Studierenden organisiert und für Studierende gedacht“, erklärt Abedin.

Lisas Vortrag in der Aula der RWTH wird eine Premiere sein. „Ich habe das noch nie gemacht“, sagt sie. Auch wenn sie es durch ihr Aussehen gewohnt ist, Blicken ausgesetzt zu sein, kostet sie dieser Vortrag Überwindung. Sie wird allen Mut zusammennehmen und über ihren Schatten springen müssen – wie schon so oft in ihrem Leben ohne Haare.

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