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Alltag im Rheinland in allen Facetten

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Alltagsgrüße aus den 60er Jahren: Das Geschirr mit dem typischen Indischblau-Muster, das Häkeldeckchen und Rezepthefte für die gute Hausfrau – so sah es in vielen Haushalten aus. Heute findet sich so eine Szenerie im Freilichtmuseum Kommern.
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Josef Mangold, Museums­leiter in Kommern, ist Mitinitiator des Projekts.

Mechernich. In Kommern kennt man sich aus mit den kleinen Freuden des Alltags – ebenso wie mit dessen großen Mühen. Womit wir Rheinländer von morgens bis abends so beschäftigt waren und sind, das erforschen und dokumentieren die Mitarbeiter des dortigen Freilichtmuseums seit 50 Jahren. Doch Museum – das ist heutzutage nicht nur Geschichte zum Anfassen.

Die Dinge, die uns bewegt haben, sollen der Nachwelt auch digital erhalten belieben. Deshalb haben das Freilichtmuseum in Kommern, die Kollegen in Lindlar sowie das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) ein Internet-Projekt aus der Taufe gehoben, bei dem die schlummernden Schätze des Alltags aus den Archiven gehoben und digitalisiert werden. Warum das „PortAll“ so wichtig ist, erzählt der Leiter des Museums in Kommern, Josef Mangold, im Interview mit unserer Zeitung.

Herr Mangold, was ist Alltag?

Mangold: Alltag ist das, was die Menschen tagtäglich erleben. Der Alltag für einen Landwirt im 19. Jahrhundert war strukturiert durch das bäuerliche Jahr und abhängig von äußeren Faktoren, zum Beispiel vom Tageslicht. Unser Alltag ist dagegen Luxus: Wir haben elektrisches Licht, Heizung und Strom. Aber heute wie gestern bestimmt die Arbeit, das Geldverdienen, der berufliche Tagesablauf unseren Alltag. Der andere Teil von Alltag spielt sich im privaten Bereich ab, geprägt von Familienleben, und früher natürlich von Bräuchen und Festen.

Was ist am Alltag so wichtig, dass sich Wissenschaftler damit beschäftigen?

Mangold: Es gibt den Spruch: Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu entwickeln. Da ist etwas Wahres dran, weil sich Dinge oft seit Jahrhunderten so gehalten haben, wie man sie heute leicht verändert auch noch vorfindet. Oder es gab starke Brüche durch die Industrialisierung, durch die Medialisierung, die die Lebensumstände der Menschen verändert haben. Ich finde, es ist für uns heute wichtig zu wissen, wie unsere Vorfahren gelebt haben.

Warum?

Mangold: Nehmen Sie die Bräuche. Bräuche haben den Alltag früher sehr stark strukturiert und sind heute als Folie hinter dem Alltag noch vorhanden. Sie spielen zwar nicht mehr so eine große Rolle, weil die Religion keine so große Rolle mehr spielt. Die Brauchanlässe wie Weihnachten oder Ostern gibt es aber alle noch.

Das ist das Schöne am Alltag. Für viele Menschen ist Alltag heute negativ besetzt – durch Stress und Hektik. Gab es das früher auch?

Mangold: Das ist schwer zu sagen. Die Menschen haben früher bestimmt auch über ihre Mühsal und Nöte nachgedacht und sich vorgestellt, wie schön es wäre, wenn man eine Heizung hätte und nicht mehr der ganze Rauch durchs Zimmer zieht. Heute hat man andere Probleme mit dem, was man Alltag nennt. Von der Grundstruktur her ist aber der Alltag gleich geblieben: Man steht auf, man hat eine bestimmte Arbeit zu erledigen, man hat bestimmte Pausen dazwischen, und man beendet das auch irgendwann.

Was ist mit den Festtagen?

Mangold: Auch früher gab es Tage, an denen man nicht gearbeitet hat. Der Sonntag wurde mit Kirche und Frühschoppen begangen.

Das ist heute nicht mehr unbedingt so.

Mangold: Das stimmt. Ein Beispiel dafür kann man hier im Freilichtmuseum sehen: das Kneipensterben. Früher ging es um 11 Uhr in die Kirche, danach ging der Mann in die Kneipe; da wurde ein bisschen gezecht, und in der Zwischenzeit hatte die Frau das Mittagessen gekocht. Das soziale Miteinander, das früher auf diese Weise gelebt wurde, ist weggebrochen.

Unser Alltag ist also leichter, aber auch ärmer geworden.

Mangold: Das ist die Bewertung aus heutiger Sicht. Wir Wissenschaftler wollen vor allem wissen, wie die Zeitzeugen darüber gedacht haben. Es war eine andere Zeit mit anderen Rahmenbedingungen. Ein Leben ohne Heizung, Strom, Licht – dass die Menschen trotzdem glücklich waren, kann man aus heutiger Sicht oft nicht nachvollziehen. Wir Wissenschaftler geben den Menschen Dinge an die Hand, mit denen sie dieses Andere aus den verschiedenen Zeiten für sich bewerten können.

Welche Schlüsse können Besucher daraus ziehen?

Mangold: Zum Beispiel die Erkenntnis, dass früher nicht alles schlecht, aber auch nicht alles supergut war. So lernt man, genau hinzugucken und Dinge zu hinterfragen. Zum Beispiel, dass das Licht nicht einfach eingeschaltet werden kann, sondern dass es dafür bestimmte Erfindungen und Voraussetzungen geben muss.

Warum ist das gut?

Mangold: Wir Wissenschaftler haben ja auch die Aufgabe, die rasanten Veränderungen aufzuzeigen. Kinder können sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass es vor 40 Jahren mal fest angeschlossene Telefone an der Wand mit Wählscheibe gab. Dass man zum Tante- Emma-Laden oder zur Post gehen musste, um mit jemandem telefonieren zu können. Neulich sagte ein Mädchen beim Thema 70er Jahre: Ich wusste gar nicht, dass ihr da schon Autos hattet. Die Sprünge durch die technische Entwicklung sind jetzt wirklich rasant, die waren früher viel langsamer.

Überliefertes Wissen spielte früher eine große Rolle. Woher nehmen wir heute unser Wissen?

Mangold: Heute muss man wissen, wo ich nachgucke, damit ich es erfahre. Es ist eine andere Art der Herangehensweise.

Im Museum kann man den Alltag früherer Zeiten ja sehr plastisch darstellen. Wie soll das im Internet funktionieren?

Mangold: Unser Projekt hat den Sinn, die ganz unterschiedlichen Quellenbestände aus dem Rheinland zusammenzubringen. Da gibt es Filme, Fotos, Gegenstände. Über das Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gut gefördert wird, gelingt es uns, die Quellenbestände nicht nur zu digitalisieren, sondern auch inhaltlich zu erfassen.

Immer noch sehr theoretisch...

Mangold: Wir sind aber mit einem ganz praktischen Thema gestartet: der Bandweberei aus dem Museum in Lindlar.

Was, bitte, ist eine Bandweberei?

Mangold: Es ist ein altes Handwerk zum Herstellen von Bändern aller Art. Das Spannende daran ist, dass die moderne Bandweberei von der Grundtechnik her immer noch dieselbe ist wie im 18. Jahrhundert. Die Bandwebstühle sehen heute nur anders aus und sind elektronisch gesteuert.

Das hört sich nach Biedermeier an. Wozu braucht man heute Bänder?

Mangold: Der Sicherheitsgurt im Auto, Aufhänger in Kleidungsstücken und an Handtüchern, das Stoffschildchen mit dem Firmenlogo, Zugbänder – das sind alles Bänder. Die Produktion von Bändern findet heute noch in gleicher Weise und in Hülle und Fülle statt, aber es ist ein Handwerk, von dem man nichts weiß. Früher gab es Hutbänder, Halsbänder, Stoßlitzen an Hosen und so weiter. Auf unserer Seite kann man sich das ganze Spektrum dieses Handwerks von früher bis heute anschauen.

Sind Sie sicher, dass so etwas die Leute interessiert?

Mangold: Es muss natürlich gut aufbereitet sein, und das Interesse daran muss geschürt werden. Ich finde das Ergebnis ganz toll, weil es gelungen ist, das Historische dort darzustellen und auch den Blick in die Jetztzeit zu ziehen. Es gibt ja eine Fülle von Dingen, die wir nutzen, aber wir wissen nicht, wo sie herkommen.

Warum haben Sie nicht mit einem alltäglicheren Handwerk angefangen? Zum Beispiel Kühe melken oder Brot backen?

Mangold: Es gab eine Idee, und dann gab es Geld. Und man wollte natürlich möglichst schnell Ergebnisse sehen. Wir haben innerhalb von einem halben Jahr geliefert. In dieser Zeit wurde eine ganz neue Datenbank aufgebaut. Wir waren davon überzeugt, dass das Thema Bandweberei von allgemeinem Interesse ist und dass wir es optisch gut umsetzen können. Die Ergebnisse sind sogar besser als wir gedacht haben. Wir haben es geschafft, das Thema auf eine vernünftige Plattform zu bringen, und wir werden es auch schaffen, das so pfiffig zu präsentieren, dass die Leute Spaß daran haben.

Was ist das nächste Thema?

Mangold: Als nächstes geht es um Nahrungskultur, um Essen und Trinken im 20. Jahrhundert. Da gibt es so eine Fülle an Informationen und Quellen, es wird langwierig sein, diese Datenbestände zu erheben und sie einzugeben. Tolle Kochbücher, Rezepte, mündliche Überlieferungen, Bauerngärten, eine Umfrage zum Butterbrot mit 200 Antworten. Die Kunst wird darin bestehen, das zu kanalisieren und herauszufinden, wo die nächsten inhaltlichen Schwerpunkte sind.

Und wo werden die sein?

Mangold: Bei uns geht es jetzt erstmal darum, Kochbücher und Rezepte zu sichten. Wir haben zum Beispiel in einem Kochbuch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg einen „Türken“-Spieß gefunden. Voilà, das war der erste Döner. Da wir so viele unterschiedliche Quellen haben, wird es tolle Ergebnisse geben, allein die Geschichte des Butterbrots ist superspannend.

Wie wollen Sie es schaffen, das Portal laufend fortzuführen?

Mangold: Realistisch gesagt: Das wird sehr schwer werden. Aus unserer eigenen Struktur können wir das nicht leisten. Deshalb hoffen wir, dass das Projekt so einschlägt, dass es nochmals verlängert wird.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Mangold: Zielgruppe sind natürlich Wissenschaftler, aber vor allen Dingen auch der interessierte Laie. Es gibt viele Leute, die sich für diese Themen interessieren. Es reicht doch, wenn die Leute sagen, das ist aber nett, dass ich hier mal die Entwicklung der Bandweberei so anschaulich vorgeführt bekomme. Unser Ziel ist, das Interesse an solchen Themen zu wecken und ein Angebot für die vielfältige Nutzung zu schaffen.

Ein sportliches Ziel . . .

Mangold: Die Kunst besteht darin, Themenfelder zu wählen, die eine gewisse Übersichtlichkeit haben. Etwas herauszunehmen, was vielleicht stellvertretend für andere Themenbereiche ist. Man kann nicht alles machen.

Was wäre Ihr Favorit für das Portal?

Mangold: Ich würde gerne das Portal um das Thema Gaststättenkultur erweitern. Es gibt da gute Quellen und Objekte. Gerade das Gaststättenwesen ist ein Bereich, der sich in der jüngsten Zeit rasant schnell verändert. Das ist exemplarisch für den hiesigen Raum. Was verändert sich in einem Ort, wenn plötzlich keine Kneipe mehr da ist. Das hat eine große soziale Komponente. So könnte man das Portal mit Leben, mit Menschen füllen und mit Schicksalen verbinden. Über die Geschichten Geschichte vermitteln, das ist unser Ziel.

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