Alltägliches im Sucher der Kamera

Von: Sabine Rother
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Hauchfein: Eine Kunststopferin der Firma Thomas Josef Heimbach in Düren. Alfred Paulus nimmt sie hinter einem Gitterstoff auf. Im sachlichen Material entdeckt er künstlerische Reize. Foto: Bundesarchiv Koblenz

Stolberg/Koblenz. Vom massiven Waggon bis zum fragilen Detail einer Glasmanufaktur, vom Kabelmessfahrzeug bis zum Sammelsurium aus Metallstangen, das sich durch seine Optik in ein konstruktivistisches Gemälde verwandelt: Der Stolberger Werbe- und Industriefotograf Alfred Paulus (1917-1988) hat seine persönliche Philosophie in einem Schreiben an das Bundesarchiv in Koblenz zusammengefasst.

Sein Ziel sei es, „Fortschrittsgedanken und technologisch geprägtes Lebensgefühl der Nachkriegszeit in fotografischer beziehungsweise ästhetischer Umsetzung zu dokumentieren.“

Das tat er offensichtlich mit großem Erfolg, denn zahlreiche Unternehmen gaben dem Fotografen Einblick in ihre Strukturen. Er durfte mit seiner Kamera vor dem Hochofen stehen und sogar Firmen aus der Luft fotografieren. Einen Teil seines Lebenswerkes – rund 2500 Fotografien – besitzt nun das Bundesarchiv in Koblenz, das diese Bilder in nächster Zeit vollständig erschließen wird.

Einige Paulus-Fotografien sind jetzt bereits digitalisiert. Sie zeigen die Bandbreite seines Gesamtwerks. Paulus, als Sohn eines Aachener Unternehmers geboren, absolviert seine Fotografenlehre in Aachen und Rudolfstadt. Zuvor hat er die „Malschule“ des Künstlers Josef Mataré in Aachen besucht. 1949 legt Paulus die Meisterprüfung ab und eröffnet zunächst in Aachen sein Fotoatelier, das er 1954 nach Stolberg verlegt.

Zeugnisse der Entwicklungen

Industrieanlagen und -gebäude gehören zu den Motiven, die er regelmäßig nicht nur im Kundenauftrag fotografiert – sie faszinieren ihn als Zeugen der industriellen Entwicklungen und Veränderungen in den 50er, 60er und 70er Jahren. Immer wieder zaubert er durch raffinierte Perspektiven aus rein sachlichen Motiven – etwa bei Produktionsvorgängen – ästhetische Werke.

Welche Bedeutung hat ein solcher Nachlass für das Bundesarchiv, dessen vorrangige Aufgabe es ist, staatliches Archivgut zu übernehmen? „Es geht nicht in erster Linie um künstlerische Arbeiten, sondern um die Frage, ob die Bilder aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Funktion und ihres Inhalts von politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder kultureller Bedeutung sind,“ sagt Martina Caspers, Bundesarchiv-Referat B 6. „Wenn die Fotoarbeiten dann auch noch gut sind, freuen wir uns natürlich.“ Die ersten Dokumente, die Alfred Paulus dem Archiv noch zu Lebzeiten überlassen hat, lagerten hier als „Depositum“, also im Magazin.

Erst nach dem Tod des Fotografen nahm der damalige Testamentsverwalter mit dem Bundesarchiv Kontakt auf. 2002 erfolgte der Ankauf mit allen Rechten an den Arbeiten. Im Zuge eines Ausbildungsprojektes wurde im Jahr 2011 mit der Erschließung des Bestandes begonnen. Nach Beendigung der Erschließungsarbeiten, die wohl noch eine Weile dauern werden, steht der Bestand dann jedermann zur Benutzung zur Verfügung.

Paulus hatte den Blick für das Besondere, für die reine Form. So erscheinen die Metallstangen einer Aachener Kühlerfabrik wie gefrorene Meeresströmung. Der Wärmetauscher eines Eschweiler Unternehmens wird zum orientalisch anmutenden Ornament. In der Schwarz-Weiß-Fotografie feilt Paulus an den grafischen Finessen seiner Motive und arbeitet virtuos mit der Tiefenwirkung der unterschiedlichen Grauwerte.

Hin und wieder setzt er auch die Farbfotografie ein, aber häufig in Kombination mit einer Schwarz-Weiß-Aufnahme vom selben Standpunkt aus. Orangerot fließt etwa die glühende Glasschmelze der Bicheroux-Maschine in Herzogenrath (Vereinigte Glaswerke) aus dem Schmelzofen – eine dramatische Szene, die allerdings in der Schwarz-Weiß-Version eindringlicher erscheint – fast wie aus einem Stummfilm von Regisseur Fritz Lang. Paulus lässt sich fotografierend auf die „Geschichten“ seiner Partner ein: Die Fotografie von der Schleidener Kirchenorgel wirkt wie das Bild eines Genremalers, der Schatten einer jungen Frau beim professionellen Stopfen eines Damenstrumpfes in einer Dürener Firma wie ein Bühnenbild. Dann wieder begleitet er bei einer Firma den Bau der neuen Werkhalle mit dokumentarischer Nüchternheit.

Bei vielen Motiven blickt der Fotograf mit dem Auge eines Malers auf die Dinge. Und als er sich 1974 von seinem Fotoatelier in Stolberg zurückzieht, widmete er sich tatsächlich verstärkt der Malerei und pendelte zwischen seiner spanischen Wahlheimat Palamos und dem nordrhein-westfälischen Erwitte. Vielfach sind die Bilder von Alfred Paulus reinste Bestandsaufnahme: Kaufhäuser, Kirchen, Banken, Krankenhäuser – die meisten dieser Gebäude haben sich inzwischen längst verändert oder existieren nicht mehr. Für einige Werke wird er im Ausland ausgezeichnet.

Das Bundesarchiv erhielt bereits in den 1980er Jahren Werkstatttagebücher und Fotoarbeiten des Fotografen. Mit Hilfe der Unterlagen, in denen Paulus seine Aufträge festgehalten hat, ist eine tabellarische Erfassung von Objekten und Auftraggebern möglich. Bis man alle Fotos im Internet finden kann (www.bild.bundesarchiv.de), wird es noch eine Weile dauern. Zurzeit sind erst 23 Dokumente erfasst.

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