„Alle Gefangenen brauchen Perspektiven”

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Zur sozialen und psychologischen Lage der Häftlinge und zur Arbeitssituation der Bediensteten in der Aachener Justizvollzugsanstalt (JVA) hat sich am Dienstag die stellvertretende Vorsitzende des Anstaltsbeirates, Gerda Forsch-Fücker (65), zu Wort gemeldet.

Forsch-Fücker bemängelte vor dem Hintergrund der spektakulären Flucht von Heckhoff und Michalski die unzureichende personelle Besetzung in der mit 820 Häftlingen belegten Haftanstalt in der Aachener Soers.

„Bei einem Krankenstand von etwa 20 Prozent”, so Forsch-Fücker, „sind etwa 240 Wachbeamte verfügbar. Das ist zu wenig.” Es sei zu überlegen, ob nicht ein Schlüssel von einem Beamten auf zwei Häftlinge das Richtige sei. In ihrem Häftlingssprechstunden, die sie durchführt und die allerdings von der neuen Anstaltsleiterin Reina Blikslager wieder untersagt wurden, seien des Öfteren psychologische Defizite und Probleme gerade der Sicherungsverwahrten zur Sprache gekommen.

„Unser Rechtssystem geht vom Gedanken der Resozialisierung aus”. Das gelte im Prinzip auch für sicherungsverwahrte Häftlinge, zu denen die beiden Flüchtigen wegen der Schwere ihrer Taten zählen oder nach Verbüßung ihrer Strafhaft zählen werden. „Auch sie brauchen eine Perspektive”, meinte die Beirätin gegenüber unserer Zeitung.

Alkohol-Destille in Haftküche

Gerade der als erster wieder gefasste Michael Heckhoff hatte über seine Perspektivlosigkeit gerade in Aachen geklagt - in anderen Haftanstalten sei das besser geregelt, hatte er gegenüber seinem Anwalt bereits vor der Flucht am vergangenen Donnerstagabend erklärt. Einen Antrag auf verschiedene Maßnahmen wie Ausführungen hatte er an die Strafvollzugskammer am Aachener Landgericht gestellt, seine eigenen Vorstöße wurde bis dato abgelehnt.

Von der Leitung der Anstalt werde zu wenig auf die Stimmung und Lebensumstände in den Hafthäusern geachtet, meinte Forsch-Fücker. Trotz der Arbeit der Therapeuten und Psychologen sei es noch wie vor so, „dass niemand auf die Häftlinge zugeht”. Wenn man Probleme habe, müsse man Anträge stellen oder sich an die richtige Stelle wenden. Das überfordere aber so manchen Häftling, gerade wenn er therapeutische Hilfe brauche.

Dass manches im Argen liegt, habe sie beispielsweise noch letztens erfahren. So soll in einer Küche von den Häftlingen Alkohol destilliert worden sein, was wohl nicht richtig sei und zu heftigen Streits unter Alkoholeinfluss zwischen den Gefangenen führen könne, warnte sie.

Die zeitlich unbegrenzte Sicherungsverwahrung werde zu einem Problem. Früher seien nur Sexualstraftäter und schwere Gewaltverbrecher zum Schutz der Allgemeinheit hinter Schloss und Riegel gehalten worden. „Heute sitzen bereits notorische Betrüger dort und ich weiß nicht, ob das so richtig ist.”

Die Besetzung der JVA-Pforte übrigens mit nur einem Beamten wie in Aachen sei nicht hinzunehmen, meinte die Beirätin.
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