Aachen - Alemannia: Geschäftsführer im Ausnahmezustand

Alemannia: Geschäftsführer im Ausnahmezustand

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Staatsanwalt René Seppi am Montag vor dem Aachener Landgericht. Seppi wirft Kraemer 44 Straftaten vor, darunter Insolvenzverschleppung.
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Der Angeklagte: Ex-Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer am Montag vor dem Aachener Landgericht. Seppi wirft Kraemer 44 Straftaten vor, darunter Insolvenzverschleppung.
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Der Richter Matthias Quarch.

Aachen. Frithjof Kraemer sah zunächst noch einigermaßen entspannt aus, lächelte, schüttelte Hände, sprach mit seinen Verteidigern und begrüßte sogar den Staatsanwalt, der seit fast fünf Jahren gegen ihn ermittelt.

Frithjof Kraemer sah zunächst noch einigermaßen entspannt aus, lächelte, schüttelte Hände, sprach mit seinen Verteidigern und begrüßte sogar den Staatsanwalt, der seit fast fünf Jahren gegen ihn ermittelt.

Doch je länger dieser Staatsanwalt, René Seppi, später dann aus der Anklageschrift vorlas, in dem 44 Straftaten aufgelistet sind, die Kraemer 2011 und 2012 als Geschäftsführer des damaligen Zweitligisten Alemannia Aachen begangenen haben soll, desto ernster wurde Kraemer. Als Seppi nach etwa einer Stunde fertig war, sah Kraemer derart elend aus, als würde er sich darauf einstellen, den Rest seines Lebens bei Wasser und Brot im Zuchthaus verbringen zu müssen, auch wenn es so weit natürlich nicht kommen wird.

Getrickst, getäuscht, verschleiert

Was Staatsanwalt Seppi in den vergangenen Jahren gegen Kraemer und einen weiteren mitangeklagten früheren Alemannia-Mitarbeiter zusammengetragen hat, klang in der Tat ein bisschen erschreckend. Der Kern der Vorwürfe gegen Kraemer ist, die desaströse finanzielle Situation des damaligen Zweitligisten Alemannia Aachen verschleiert und beschönigt zu haben, um bloß nicht die Unterzeichnung des Vertrages mit der Stadt Aachen zu gefährden.

Am 31. Mai 2012 hatte unter anderem die Stadt mit Alemannia Aachen vereinbart, deren Schulden aus dem Stadionneubau zu übernehmen. So wie Seppi es am Montag vor dem Aachener Landgericht vortrug, klang es, als habe Kraemer monatelang getrickst, getäuscht, sogar Steuern hinterzogen und auch alles andere dafür getan, dass Liquiditätslücken bloß nicht als solche sichtbar wurden.

Nur: Ist das alles auch wirklich so gewesen?

An einigen Stellen hat die Anklageschrift Schwachpunkte, glauben Kraemers Verteidiger, und glaubt auch die Verteidigerin des damaligen Controllers der Alemannia, der mit Kraemer auf der Anklagebank sitzt. Und weil das offenbar auch das Gericht so sieht, haben sich am Montag Richter, Staatsanwalt und die beiden Angeklagten hinter verschlossenen Türen darüber unterhalten, ob der Prozess nicht abgekürzt werden kann: Geständnis gegen Strafnachlass, das könnte das Ergebnis der Absprache sein, über die das Gericht am Mittwoch informieren will, wie der Vorsitzende Richter Matthias Quarch am Montag ankündigte.

Die Verteidiger beider Angeklagten ließen in ihren Erklärungen am Montag zum Prozessauftakt anklingen, dass Kraemer und der frühere Alemannia-Controller eine Art Bauernopfer der ersten Alemannia-Insolvenz 2012 seien. Tatsächlich hätten nicht erst 2012 sehr viel einflussreichere Menschen als Kraemer und der Controller im Verein und außerhalb des Vereins die Fäden gezogen, Menschen, gegen die kein Staatsanwalt im Zusammenhang mit der Insolvenz ermittelt hat.

„Die ganze Region setzte ihre Hoffnung auf Herrn Kraemers Arbeit“, sagte Rechtsanwalt Ulf Reuker. Die Stadt habe umfassende Hilfe auch für den Fall des Abstiegs in die Dritte Liga zugesagt – „hätte Herr Kraemer in dieser Situation einen Insolvenzantrag stellen sollen?“, fragte Reuker.

Er berichtete von Kraemers psychischer Belastung, von großem Druck, der auch privat auf ihm gelastet habe. Immer wieder sei er auch Beschimpfungen ausgesetzt gewesen. Insbesondere die letzten Monate seines Engagements bei Alemannia Aachen, das Anfang 2007 begonnen und am 31. Oktober mit der fristlosen Kündigung geendet hatte, seien „eine psychische und emotionale Grenzerfahrung“ gewesen.

Chaos auf der Geschäftsstelle

Kraemer habe finanziell lukrative Angebote von anderen Vereinen erhalten, doch er sei insbesondere auf Bitten des früheren Alemannia-Präsidenten Meino Heyen in Aachen geblieben, sagte Reuker.

Manches spricht für Kraemer, manches gegen ihn, doch nach allem, was am Montag vor Gericht erklärt wurde, hat in der Geschäftsstelle von Alemannia Aachen ein Chaos kaum geahnten Ausmaßes geherrscht. Vivien Veit, die Anwältin des mitangeklagten Controllers, sagte, ihr Mandant habe zu Beginn seines Arbeitsverhältnisses bei der Alemannia erst einmal das Buchhaltungssystem ordnen müssen – als Berufsanfänger.

Das sei „nur eine von vielen Baustellen“ gewesen, obwohl Steuer- und Finanzexperten bei der Alemannia ein- und ausgegangen seien. Und obwohl es einen Aufsichtsrat gab, dessen Aufgabe es war, die Geschäftsführung der Alemannia-Aachen-GmbH zu beaufsichtigen.

Der Prozess wird am Mittwoch um 10.15 Uhr am Aachener Landgericht fortgesetzt.

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