Alarmstimmung in der Hooligan-Szene

Von: Michael Klarmann
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Anspielung auf die problematische Aachener Fanszene am Millerntor in Hamburg: Ein Urteil des Bundesgerichtshofes versetzt die Hooligan-Szene nun in Aufruhr – und hat zur Folge, dass sich mehrere Hooligan-Gruppen aufgelöst haben, auch die „Westfront Aachen“. Foto: sport/Oliver Ruhnke

Aachen. Offenbar unter dem Eindruck eines Gerichtsurteils, demzufolge Hooligan-Gruppen kriminelle Vereinigungen darstellen können, wollen sich mehrere solcher Gruppen aufgelöst haben. Dazu gehört auch die „Westfront Aachen“, deren Mitglieder Kontakte in die Türsteher- und Rocker-Szene unterhielten.

Weil Mitgliedschaften in kriminellen Vereinigungen teils hohe Strafen nach sich ziehen können, glaubt der Fanforscher Jonas Gabler, dass das die wahre Intention für die Auflösungen ist.

Migranten und Neonazis

Das Urteil, auf das der Politologe Gabler verweist, der am Institut für Sportwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover arbeitet, hat der Bundesgerichtshof (BGH) am 22. Januar verkündet. Entscheidend dabei ist, dass Mitgliedern oder Unterstützern von kriminellen Vereinigungen nicht mehr einzelne Straftaten nachgewiesen werden müssen; ihnen droht schon alleine wegen der Mitgliedschaft oder eines Anwärterstatus‘ eine Freiheits- oder Geldstrafe. Ermittler können zudem die Telefone von Verdächtigen überwachen, solche Vereinigungen verbieten und deren Vermögen beschlagnahmen.

Kurz nach dem Urteil gaben die „Standarte Bremen“ (Werder Bremen) und die „Westfront Aachen“ ihre Auflösung bekannt, wobei die „Westfront“ das Auflösungsdatum auf den 15. Januar zurückdatierte. Später verkündeten die Hooligan-Gruppen „Vulture Hannover 13“ (Hannover 96) und „MRH“ (Bayern München) ihr Aus. Anfang Februar wurde bekannt, dass die „Division Duisburg“ (MSV Duisburg) sich aufgelöst haben will, allerdings schon seit Anfang Januar.

Gabler findet jedoch den Zusammenhang mit dem Urteil „einleuchtend“. Und der nordrhein-westfälische Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert, sagte dem WDR, das BGH-Urteil habe zu den Auflösungen geführt. „Die Auflösungen der Gruppierungen soll es der Polizei erschweren, gegen die Hooligan-Gruppierung als Ganzes vorzugehen“, befand auch der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Im Oktober 2013 geriet die „Westfront Aachen“ erstmals in die Schlagzeilen. Als in Bonn binnen weniger Tage Rocker der „Bandidos“ und „Hells Angels“ aufmarschierten, ihre Macht demonstrierten und ein Großaufgebot der Polizei Platzverweise erteilte, gab es auch einen Auftritt der „Westfront“. Deren Mitglieder waren mit bis zu 50 Personen ähnlich martialisch auch in Aachen und im belgischen Eupen unterwegs, in Shirts und Jacken gekleidet, bedruckt mit dem Namen der Gruppe.

„Westfront Aachen“, das war eine Art Weiterentwicklung von Hooligans, die sich „Westwall Aachen“ nennen. Beide Gruppen sind oder waren zwar nicht Teil der rechtsextremen Szene. Unter den Mitgliedern oder in deren Umfeld befinden oder befanden sich auch Migranten – beispielsweise nationalistisch eingestellte junge Männer mit türkischen oder griechischen Wurzeln –, teilweise aber eben auch Personen, die Jahre zuvor noch in der Neonazi-Szene aktiv waren.

Das Geschäft mit den „Türen“

Bei den „Westfront“-Mitgliedern handelte es sich überwiegend um durchtrainierte und muskulöse Kampfsportler, die bei Sicherheitsdiensten und in der Türsteher-Szene arbeiten. Über die Türsteher sollen vor allem die Drogengeschäfte innerhalb von Clubs oder Diskotheken kontrolliert werden können. Die Türsteherszene war in den letzten Jahren starken Umbrüchen ausgesetzt.

Rocker-Gruppen versuchten im Großraum Aachen und Köln, „Türen“ zu übernehmen, es kam zu provokativen Besuchen in Diskotheken, deren „Tür“ verfeindete Gruppen kontrollierten. Offenbar dachten sich daher auch Hooligans aus Aachen, dem niederländischen Kerkrade, Mönchengladbach und Bonn, dass man eigene „Qualitäten“ als Respekt einflößende Gruppe besser vermarkten kann.

2012 gründete sich also die „Westfront“, firmierte fortan als „Westfront Deutschland“ und „Westfront Aachen“, gründete die „Westfront Jugend“ und eine Art Supporter- und Anwärter-Gruppe namens „Legion WF“. Im Bereich der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens folgte die „Westfront Eupen“ (AS Eupen), bestehend aus Neonazis und Hooligans.

Die deutsche Polizei wertete den Zusammenschluss anfangs als eine Rocker-ähnliche Vereinigung. Ende 2014 beschrieb der Aachener Polizeisprecher Werner Schneider die „Westfront“ allerdings nur noch als „Hooligan-Gruppierung“.

Andrea Tilgenkamp, die Leiterin der Eupener Staatsanwaltschaft, befand über den ostbelgischen Ableger, dieser verbreite „ein gemeinsames rechtsgerichtetes Gedankengut“. Ungeachtet dessen wurde kürzlich ein junger Mann aus dem Umfeld der „Westfront“ in Ostbelgien aufgrund von Vorfällen im Jahre 2013 wegen Drogendelikten angeklagt.

Strafrechtlich aufgefallen waren andere Mitglieder der „Westfront“ unter anderem bei Schlägereien und Ausschreitungen rund um den Fußball, Stadionverbote inbegriffen. Weitere Mitglieder waren in der Vergangenheit auch durch Straftaten aus dem rechten Spektrum aufgefallen. Auf der eigenen Homepage versicherte die „Westfront“ jedoch bis zu ihrer Auflösung: „Politik spielt bei uns genauso wenig eine Rolle wie die Art des Fortbewegungsmittels, die Hautfarbe oder das Alter.“

Kurz nach dem BGH-Urteil verkündete die Gruppe indes im Internet, dass alle deutschen Gliederungen und „Supporter“-Gruppen aufgelöst seien. Explizit nicht aufgelöst wird die „Westfront Eupen“ genannt, die von dem BGH-Urteil in Deutschland nicht betroffen ist.

Tage nach der Veröffentlichung des Urteils konkretisierte man nachträglich, man sei gar keine Hooligan-Gruppe gewesen, sondern ein „Club kampfsportinteressierter Männer, die dieselben Werte teilen“. Daher beteilige man sich nicht „an den aktuellen Diskussionen“ rund um das Urteil. Polizeisprecher Schneider sagt, seine Behörde beobachte dennoch sehr genau, ob und wie ehemalige Mitglieder künftig in Erscheinung treten.

Auffallend ist, dass Mitglieder einiger der fünf aufgelösten Hooligan-Gruppen immer wieder in Verbindung mit der rechtsextremen Szene gebracht oder ihnen Kooperationen mit Rockern nachgesagt wurden. Teilweise stehen jene Hooligans im Ruf, in den Stadien oder andernorts Gewalt gegenüber antifaschistischen Fans angewendet zu haben oder bei den „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) aktiv zu sein.

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