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AKV-Ordensverleihung: Problem hängt unter der Decke

Von: Madeleine Gullert und Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Stell dir vor, du bist bei einer Karnevalssitzung und hörst nichts: So erging es am Samstag den 1300 Gästen beim „Orden wider den tierischen Ernst“. Foto: Michael Jaspers
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Steht überregional in den Schlagzeilen: FDP-Chef Christian Lindner. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Über mangelnde Aufmerksamkeit darf sich der Aachener Karnevalsverein (AKV) nach der Ordensverleihung an Ritter Gregor Gysi nicht beschweren. Im Gegenteil. Dabei kassieren AKV und Ritter einiges Lob, während der AKV für einzelne Totalausfälle auf der Bühne (zum Beispiel EU-Parlamentarier Elmar Brok) und der WDR für die mangelhafte Tonqualität im Eurogress harte Kritik einstecken müssen.

Bei der Veranstaltung am Samstagabend war von den Beiträgen auf der Bühne so wenig zu verstehen, dass selbst das gediegene Publikum laut wurde.

Der WDR entschuldigt sich

Verärgerte Zwischenrufe, beinahe schon Tumulte, hatte es beim Negativ-Höhepunkt gegeben, der akustisch überhaupt nicht zu verstehenden Laudatio der Publizistin Gertrud Höhler auf Gysi. Verständlich bei Karten ab 100 Euro, und mehr als drei Stunden akustischen Genuschels. Auch AKV-Präsident Werner Pfeil ärgert sich, „schließlich arbeiten wir ein Jahr auf diese Veranstaltung hin und dann hören 1300 Gäste nichts“. Das dürfe sich auf keinen Fall wiederholen. Beschwerdemails habe er keine erhalten, sagte er am Montag, aber das war auch nicht mehr nötig, hatten doch die Zuschauer schon am Samstag ihrem Ärger Luft gemacht.

Am Montag folgte eine Entschuldigung des WDR, der die Ordensverleihung am Abend im Fernsehen zeigt. Mehrere einzelne Lautsprecher, die rechts und links der Bühne an einem Gerüst unter der Decke aufgehängt werden, seien alle technisch aufwendig aufeinander abgestimmt und hätten in der Probe, wie auch zu Veranstaltungsbeginn, einwandfrei funktioniert, erklärte ein WDR-Sprecher auf Anfrage unserer Zeitung. Durch den Ausfall mehrerer Lautsprecher auf einer Seite der Bühne während der Veranstaltung seien bestimmte Ton-Frequenzen aufgehoben worden. „Dadurch konnte ein Teil der Zuschauer im Saal, vor allem im Bereich rechts und links vor der Bühne, den Ton nicht einwandfrei verstehen.“ Das nennt man dann wohl alternative Fakten.

Tatsache ist nämlich, dass auch auf der Empore und mittig vor der Bühne nichts zu verstehen war. Gerade vom Publikum aus der Mitte des Saales hatte es Beschwerden gegeben. Auf die Frage, weshalb der Ton nicht einfach hochgepegelt worden war, hieß es, dies sei nicht möglich gewesen. „Der technische Defekt hätte nur mit einem erheblichen Aufwand behoben werden können, der Saal hätte geräumt und die Veranstaltung abgebrochen werden müssen“, sagte der WDR-Sprecher.

Immerhin, das Tondebakel wird sogar in der überregionalen Presse in der Berichterstattung über die Ordensverleihung erwähnt. Unter der Schlagzeile „Kein Witz jetzt“ holt der Autor der „Süddeutschen Zeitung“ die Keule heraus: „Die braven Bürger von Aachen haben sich also ihren Lieblingslinken eingeladen. Gysi, 69, hat den Vorsitz der Bundestagsfraktion abgegeben, aber er ist einer dieser Menschen, um die es nicht still wird, selbst wenn das Leben den Ton runterregelt.“

Dann schwadroniert die „SZ“ über den Elisenbrunnen als „massiv stinkenden Heilbrunnen“ – und versteht auch sonst nicht so recht, was das alles soll: „Die Karnevalsgesellschaften schmücken sich mit prominenten Gästen, die Gäste wiederum mit seltsamen Orden und netten Bildern von ganz nah beim Volk.“ Brok habe das „feierwillige Publikum bei schlechter Akustik doch etwas überfordert“. Nach der von FDP-Chef Christian Lindner gesungenen Hymne „Hurra, wir leben noch“, kommentiert die „SZ“: „Der Saal dreht dankbar durch, Lindners Gattin hüpft vor Freude. Parteifreund Wolfgang Kubicki schreitet zur Gratulation, als wäre Lindner Bundespräsident geworden. Mutmaßliche Unternehmer-Gattinnen überbringen ihm Komplimente, was der FDP-Chef sogleich durch maximalen Körperkontakt belohnt.“

Wer bundesweit von wem abschreibt, ist indes unklar, weil die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Montag unter dem Titel „Hurra, wir leben noch! Christian Lindner stiehlt Gregor Gysi die Schau“ verdächtig ähnlich schreibt: „Damen... gehen auf Lindner zu, herzen ihn, was vom FDP-Chef sogleich durch maximalen Körperkontakt belohnt wird.“ Dafür weist die „FAZ“ noch darauf hin, dass „Lindner, der, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Ordensverleihung in Aachen mitzunehmen weiß, ohne die Bundesversammlung (in Berlin) sausenzulassen!“

Was übrigens auch für Gysi gilt. Ziemlich exklusiv übt sich der „FAZ“-Autor zudem in Publikumsschelte: „Die Gags von Brok haben gewisses Potenzial, sind aber womöglich zu ambitioniert für das Publikum, dem heute mehr nach Singen ist.“ Um dann hinzuzufügen: „Man versteht Brok auch kaum.“ Zum Ordensritter: „Gysi selbst scheint ehrlich gerührt, dass er als erster Linker – wenn man Norbert Blüm mal beiseite lässt – den Orden bekommen hat. Jedoch ist er mit seiner neuen Funktion als Präsident der Europäischen Linken offenbar so eingespannt, dass er in seiner Rede auf viel Altbekanntes zurückgreift.“

Die Deutsche Presseagentur (dpa) schreibt: „Gregor Gysi steigt als Gysi in die Bütt, ohne Verkleidung, im schwarzen Anzug. Es setzt der Gysi-Effekt ein: Die Leute im Saal hören ihm zu. Das Dauermurmeln verstummt. Eine staatliche Auszeichnung habe er nie bekommen. Für ihn sei der Orden wider den tierischen Ernst ‚die wichtigste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland‘, sagt er. Das wollen die Aachener hören.“

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