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Ahmads Waffe für den Frieden ist seine Kamera

Von: Carsten Rose
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Ein Reporter mit Doppelleben: Ahmad Alrifaee war in Syrien komplett vermummt unter verschiedenen Namen unterwegs. Foto: Carsten Rose (2), Ahmad Alrifaee
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Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) hatte Ahmad oft vor der Linse: Hier bereiten zwei Kämpfer eine selbst gebaute Rakete für den Abschuss auf die Armee des Assad-Regimes vor. Foto: Reuters/Ahmad Rif
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Teile seiner Basisausrüstung hat Ahmad in Aachen: Kamera, Kopftuch, Brusttasche (er hat sie nicht geleert), das rote Nokia und USB-Sticks, auf denen er seine Fotos und Videos gespeichert hat. Foto: Carsten Rose

Aachen/Hama. Ahmad hat mit 23 schon eine Halbglatze und nur einen dünnen Pony, weil er sich Eigenhaar hat transplantieren lassen. Der Haarausfall sei einerseits erblich bedingt. Andererseits, sagt Ahmad, habe jahrelanger Stress dazu beigetragen. Stress und Todesangst.

Ahmad war Revolutionär in Syrien in der westlichen Stadt Hama, er organisierte Demonstrationen gegen die Assad-Regierung. Und: Er war dabei bis zu seiner Flucht nach Deutschland Fotograf und Videoreporter. Augen und Linse musste er immer offen halten. Das hat ihm Alpträume beschert – aber auch Fotos, die die britische Nachrichtenagentur als die besten eines Tages weltweit ausgewählt hat. Wie am 15. Mai 2014, als in der Stadt Kafr Zita eine Fassbombe explodierte.

Ahmad Alrifaee lebt seit August 2014 mit seiner Familie in Aachen. Davor hat er über drei Jahre die Armeeangriffe in seiner Heimat Syrien nicht nur mit Raketenbeschuss auf sein Haus miterlebt. Er hat alles daran gesetzt, mit Demonstrationen eine friedliche Revolution gegen die Regierung um Baschar al-Assad zum Erfolg zu bringen.

In Deutschland will Ahmad Fotografie studieren. „Wenn ich mich gut genug ausgebildet habe, will ich so schnell wie möglich zurück nach Syrien“, sagt er in gutem Deutsch. Falls die Revolution in seiner Heimat dann ein gutes Ende genommen hat, wolle er freie Medien etablieren. „Wenn ein Land freie Medien hat, dann geht es dem Volk besser. Das ist mein Traum“, sagt Ahmad. Solange aber immer noch der Kriegszustand in Syrien herrscht, sieht sich Ahmad in der Pflicht, weiter mit Demonstrationen einen friedlichen Erfolg zu erzwingen.

In diesem Fall jedoch würde Ahmad Alrifaee wieder sein Alter Ego annehmen müssen, wenn sein kleines rotes Nokia klingelt: Abo Youssef. Diesen Decknamen hat er genutzt, um vom Geheimdienst unerkannt Demonstrationen zu organisieren und seine Fotos und Videos an Fernsehsender wie Al-Jazeera im arabischen Ausland zu überliefern.

Mit der Bürgerbewegung „Hama Revolutionaries Union“, die er im Juni 2012 in der Stadt mit 550.000 Einwohnern mitbegründete, hat er ein eigenes Wlan-Netz in der Stadt aufgebaut, um mit dem Smartphone auch live senden zu können. Das blieb vom Geheimdienst unbemerkt, ebenso wie der Kauf von etwa 100 Handy-SIM-Karten mit Ausweisen von bei Armeeangriffen getöteten Freunden und Verwandten. „Laptops und kleine Kameras haben wir mit Geld von Syrern aus dem Ausland aus der Türkei geholt“, sagt Ahmad.

Die Kommunikation war untereinander verschlüsselt. Vor der Armee war er trotzdem nicht ganz sicher. Denn in dieser Stadt stand quasi jeder junge Mann unter Generalverdacht, gegen das Regime zu arbeiten.

Zweimal verhaftet

„Ich wurde zweimal verhaftet“, sagt Ahmad. Beim ersten Mal war er nachts auf dem Weg nach Hause, er hat davor mit einem Freund wieder live gesendet. „Meinen Laptop habe ich aber bei ihm gelassen, weil ich gewusst habe, dass die Armee in der Nähe war.“ Auf der Straße hat ein Soldat einen Warnschuss neben ihm in die Wand gesetzt, danach wurde er verhört.

„Sie haben das Gewehr entsichert, auf mich gerichtet und geschrien: ,Wir erschießen dich!‘“, erzählt Ahmad und stellt mit seinen Händen den Gewehrlauf vor seinem Gesicht nach. Seine Todesangst konnte er während des Verhörs verstecken, er hat nicht gezittert, sagt er. Über eine Stunde wurde er festgehalten, die Soldaten wollten ihn zwingen zu gestehen, dass er zu den Aufständischen gehört.

Ahmad hat gelogen und sich als Assad-gesinnter Student dargestellt. Sie haben ihn gehen lassen. Student war Ahmad zu dem Zeitpunkt einige Monate nicht mehr, sein Bauingenieur-Studium hat er im Februar 2012 abgebrochen, weniger als ein Jahr nachdem er das erste Mal demonstriert und gefilmt hat, um sich ganz der Revolution in Hama zu widmen.

Vor seiner zweiten Verhaftung hat die Armee erneut die Stadt gestürmt. Ahmad war zivil in den Straßen unterwegs. „Sie haben mein Smartphone durchsucht, aber nichts gefunden – ich war vorsichtig“, sagt Ahmad, der alle wichtigen Telefonate mit dem roten Nokia führte. Ihm stand jedoch ein Armee-General gegenüber, der ihm seine Unschuld nicht abkaufen wollte. Als Ahmads Smartphone klingelte, nahm der General das Gespräch an.

„Es war mein Bruder. Der General hat ins Telefon geschrien: ,Ich bin von den Revolutionären, gib uns Geld oder wir töten deinen Bruder!‘“. Ahmads Bruder hat dieses Spiel schnell durchschaut – auch er war vorsichtig, wenn die Armee in der Nähe war. „,Wir sind für Assad! Wir rufen die Armee!‘ hat mein Bruder geantwortet“, sagt Ahmad. Schlimmer als das Verhör als solches, sagt Ahmad, seien die Gefechte in den Straßen um ihn herum gewesen. „Ich wollte nicht an der Seite der Armee sterben, die Leute hätten gedacht, ich bin ein Spion.“

Große Angst um Ahmad hatte auch immer sein Bruder Husam, 31, der mit ihm zusammengearbeitet hat. „Er sollte immer bei mir bleiben, damit ich weiß, was passieren könnte“, sagt Husam. „Und wenn etwas passiert wäre, hätte ich gewünscht, dass mir etwas geschieht, nicht ihm.“

Die Arbeit mit Ahmad sei interessant gewesen, weil „er sie liebt“. Andererseits anstrengend: „Ahmad war sehr beharrlich, hat immer sehr viel gemacht und war immer unter Druck.“

Ahmad ließ sich durch Momente der Todesangst nicht einschüchtern und durch die Sorge anderer nicht abhalten. Den Willen, sich als Teil einer friedlichen Revolution und Videoreporter in Lebensgefahr zu bringen, konnten ihm selbst seine Eltern nicht austreiben. „Sie kannten mich zu gut“, sagt Ahmad, „sie mussten es akzeptieren.“ Bei praller Sonne zog er täglich wieder eine schwarze Maske mit Augenschlitz, verhüllt in ein schwarz-weißes Kopftuch, und einen Blaumann an. Totale Unkenntlichkeit war überlebenswichtig. Von den friedlichen Demonstranten filmte er nie die Gesichter.

Schutzweste, Helm, Kamera

Auf einer Pressekonferenz für Hilfsorganisationen im türkischen Gaziantep lernte Ahmad einen Reuters-Fotografen aus Aleppo kennen. Dieser empfahl ihn weiter. Das war Ende 2013. Ahmad war zu dieser Zeit in den Norden des Landes geflüchtet, arbeitete selbst für eine neue Organisation aus Hama und dokumentierte unter anderem Flüchtlingshilfen.

Kurz darauf trug Ahmad dann Schutzweste und Helm und bekam zusätzlich eine Gasmaske. Bewaffnet mit einer professionellen Spiegelreflexkamera war er nun offiziell Pressereporter unter dem Namen Ahmad Rif. Weil er ständig bei Freunden und Fremden in anderen Städten schlafen musste, trug er einen Brustbeutel mit Zahnbürste und Zahnpasta bei sich. Ahmad hatte auch ständig türkisches Geld dabei, weil er sich jeden Monat mit seinem libanesischen Chef in der Türkei traf.

Seine Fotos bot er selbst an, wie an jenem 15. Mai 2014: In der Stadt Kafr Zita fuhr Ahmad auf einer Landstraße und sah einige Hundert Meter entfernt eine Explosion. Es war eine Fassbombe. „Man erkennt sie schon am Schleudergeräusch, wenn sie in der Luft aus einem Helikopter geworfen werden“, sagt Ahmad. Vor ihnen hat er wirklich Angst. Alles andere: Raketen, Mörsergranaten, Schüsse – das wurde mit der Zeit normal für ihn.

Bei Fassbombenalarm verlassen die Menschen ihre Häuser, verstecken sich in Gräben vor den diagonal nach oben explodierenden Bomben. Wer im Haus bleibt, hat keine Chance gegen die zerstörerische Druckwelle. Wie die vier Erwachsenen und ein Kind, die in einem Geschäft zu Mittag ein Sandwich aßen. Was er sah, aber verständlicherweise nie veröffentlicht wurde, beschreibt Ahmad mit drastischen Worten: „Die Überreste der Menschen sahen aus wie Suppe.“

Reuters wählte eine andere Szene, die Ahmad fotografierte, als eines der besten Fotos des Tages aus. Es zeigt einen Mann, der die Blutflecken und sterblichen Überreste nach der Gräueltat von einer weißen Wand wischt. Für detaillierte Beschreibungen fehlt Ahmad das richtige Vokabular. Sehr schlimm, sehr hässlich, viel Stress – das sind seine Superlative. Aber was er gesehen hat, wird er nicht mehr vergessen.

„Wenn ich im Medienbereich arbeite, dann muss ich mir das anschauen, ich muss alles dokumentieren“, sagt Ahmad, der dennoch offen über die Erlebnisse redet – und er will es auch, selbst wenn er danach nicht schlafen kann.

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