Aachen - Ärzte werden mit Geld aufs Land gelockt

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Ärzte werden mit Geld aufs Land gelockt

Von: Thomas Vogel
Letzte Aktualisierung:
Ärzte
Weil sich der Altersdurchschnitt von Medizinern außerhalb der Städte weiter Richtung Rente verschiebt, steuert der Staat nun gegen. Foto: dpa

Aachen. Ob Schnupfen, Husten, Heiserkeit – für einen Besuch beim Hausarzt müssen Patienten in etlichen Kommunen auch in der hiesigen Region künftig längere Wartezeiten und Anfahrtswege einplanen. Der Grund: Die Dichte von Allgemeinmedizinern, die auf dem Land praktizieren, nimmt ab – viele Landärzte gehen in Rente.

„Gut ein Drittel der Hausärzte in Nordrhein-Westfalen werden in den kommenden zehn Jahren ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben“, prognostiziert das NRW-Gesundheitsministerium und hat eine Karte erstellt, auf der Gebiete eingezeichnet sind, in denen die hausärztliche Versorgung mittelfristig oder akut gefährdet ist. 13 Gemeinden alleine in unserer Region sind gelb oder sogar rot markiert. Das heißt: Achtung. Das große Problem: Die Suche nach einem jungen Arzt, der die Praxis übernimmt, hat wenig Aussicht auf Erfolg.

Der Monschauer Hausarzt Hajo Peters ist Arzt aus Berufung: „Ich habe das Rentenalter mit 68 längst erreicht, habe aber vor, noch weiter zu arbeiten – weil es mir Spaß macht.“ Wenn er sich entscheidet in Rente zu gehen, würde er gerne seine Praxis übergeben. Peters weiß aber, dass die Aussichten schlecht sind: „Die Suche nach einem Nachfolger wird mir so schwer fallen wie allen anderen auch. Es sind ja keine Ärzte da. Man hat verdrängt, dass ein Mangel auf uns zu kommt.“

Bis zu 50.000 Euro Förderung

Die Einordnung der Entwicklung hausärztlicher Versorgung in den Kommunen erfolgt aufgrund einer einfachen Rechnung: In jeder Gemeinde wurden – auf dem Papier – alle Hausärzte über 60 Jahre ohne Nachfolger in Rente geschickt. Wo in diesem Szenario der Versorgungsgrad unter 75 Prozent fällt, der Arzt also nur noch drei von vier Patienten behandeln kann, ist die hausärztliche Versorgung nun auf mittlere Sicht gefährdet. Unter 50 Prozent herrscht akute Gefahr.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, setzt das Land NRW auf finanzielle Anreize. 2,5 Millionen Euro werden jährlich in das Aktionsprogramm „Hausärztliche Versorgung“ (siehe Info-Kasten)gepumpt, damit sich Ärzte auf dem Land niederlassen. Nicht ganz einfach ist die Frage nach dem Erfolg des Fördermodells zu beantworten. Offiziell heißt es aus Düsseldorf, es habe im Vorfeld keine Erwartungen gegeben. Die Zahl der Mediziner, die einen Förderantrag gestellt haben, sieht man im Ministerium differenziert: Landesweit waren es seit Oktober 2009 144 Anträge, von denen 91 bewilligt worden sind. „52 Anträge auf Niederlassungsförderung sprechen für deutliche Verbesserungen in 40 bis 50 Gemeinden, wenn auch punktuell“, sagt eine Ministeriumssprecherin. Besonders viele Förderanträge seien aus dem Münsteraner und Arnsberger Raum gekommen, mit jeweils mehr als 20 Anträgen.

In den 13 förderfähigen Gemeinden in der Städteregion Aachen und den Kreisen Düren und Heinsberg sind gerade einmal sieben Anträge bewilligt worden: zwei Ärzte haben sich in Simmerath, zwei in Heimbach und jeweils einer in Wassenberg, Kreuzau und Vettweiß angesiedelt. Die Lage in Simmerath und Heimbach hat sich so entspannt. Beide Kommunen sind auf der Karte derzeit nicht als von Unterversorgung bedroht oder gefährdet verzeichnet.

„Die Förderung ist nicht so rege in Anspruch genommen worden, wie wir zu Beginn gehofft hatten“, sagt Karin Hamacher, Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO). Die Vereinigung beobachtet und analysiert die Problemlage, will aber ebenso gegensteuern wie das Land, wenn auch in anderer Manier. „Es sind einfach nicht genug Hausärzte vorhanden“, sagt Hamacher. Und die, die da sind, haben offenbar in der überwiegenden Mehrzahl für sich erkannt, dass die Bedingungen auf dem Land schlechter sind als in der Stadt.

Da sei zum einen die viel höhere Arbeitsbelastung der Landärzte. Auf dem Land gehe es öfter raus zum Hausbesuch, längere Fahrtstrecken seien zu bewältigen und die Arbeitszeiten länger. Die Infrastruktur stelle sich anders dar als in Ballungsgebieten. Das betreffe von der Kita bis zum Theater viele Bereiche. Alle zwei bis drei Wochen treten Landärzte im Schnitt zum Notdienst an, während die Kollegen in der Stadt vielleicht zwei bis drei Mal im Jahr ran müssen. Deshalb arbeitet die KVNO an einer neuen Notdienstverordnung, um die Mediziner in ländlichen Gebieten zu entlasten. Zu den Maßnahmen, um dem Hausärztemangel zu begegnen, gehören außerdem Stipendien für angehende Ärzte oder etwa Zuschüsse zur Weiterbildung in der Allgemeinmedizin.

Dinge, die Hajo Peters, dem Hausarzt aus Monschau, weiterhelfen könnten: Mehr junge Allgemeinmediziner bedeuten höhere Chancen auf einen Nachfolger, der seine Praxis übernimmt.

Nur mit Begeisterung

Zweimal im Jahr organisiert die KVNO zudem einen Praxisbörsentag, bei dem Interessenten, die eine Praxis oder einen Nachfolger suchen, unbürokratisch in Kontakt treten können. Vom Gedanken, den Strom junger Mediziner mit Geld steuern zu wollen, hält Hausarzt Peters nicht viel, dass hätte damals bei ihm selbst nie im Leben funktioniert: „Es geht nur mit Begeisterung.“ Ein einziges richtiges Rezept, um junge Ärzte aufs Land zu locken – daran glaubt er sowieso nicht.

Trotz des Ärztemangels vielerorts sieht der neue Bedarfsplan für Kassenärzte in Nordrhein, der seit Mitte 2013 gilt, in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln 222 Niederlassungsmöglichkeiten für Allgemeinmediziner vor. Das bedeutet: 222 Orte, an denen eine neue Praxis eröffnet werden darf. Im alten Bedarfsplan war diese Zahl mit 67 noch wesentlich geringer. Der Grund liegt in einer neuen bundeseinheitlichen Quote: Ein Hausarzt soll sich jetzt nur noch um 1671 Patienten kümmern. Die wird für die jeweilige Region an die demografischen Verhältnisse angepasst. Nur in der Stadt Aachen ist die Quote gestiegen – wurden einem Allgemeinmediziner zuvor 1585 Patienten zugewiesen, sind es nun 1727.

Keine Entspannung

Im Altkreis Aachen und in den Kreisen Düren und Heinsberg sank die Quote mit der Folge, dass nun noch mehr Ärzte zur Verfügung stehen müssen als zuvor bereits. „Die Situation hat sich nicht entspannt und ist auch nicht gleich geblieben“, sagt Hamacher. Im Klartext: Die Situation hat sich verschlimmert, aber im dicht besiedelten Nordrhein sei sie im Gegensatz zu anderen Flecken in NRW und Deutschland noch relativ gut.

Was passiert, wenn sich nicht ausreichend Nachfolger für Hausärzte auf dem Land finden lassen? „Man wird andere Formen finden“, sagt Peters. Aber die Entwicklung sieht er noch nicht am Scheitelpunkt: „Da werden noch einige Dinge kommen, von denen wir jetzt noch nichts ahnen.“

Vielleicht meint er Dinge wie die mobile Arztpraxis in Winningstedt in Niedersachsen. Weil es nicht nur in diesem kleinen Ort keinen Hausarzt mehr gibt, fährt ein Mediziner mit einem umgebauten Transporter über die Dörfer, um die Grundversorgung sicherzustellen.

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