Ärzte fordern: Jodtabletten für die Region

Von: Madeleine Gullert und Margot Gasper
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Jodtabletten für alle: Das fordern die Aachener Ärzte Wilfried Duisberg, Benno Peters und Prof. Alfred Böcking (v.l.). Heute verteilen sie bei der Ratssitzung Jodtabletten an die Anwesenden. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Es ist nur ein symbolischer Akt, wenn Ärzte am Mittwoch Jodtabletten an den Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) und die übrigen Mitglieder des Stadtrats verteilen. Der Hintergrund aber ist ein ernster. Die Angst vor einem Atomunfall im belgischen Atomkraftwerk Tihange, das nur 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt.

Reaktor 2 ist seit März 2014 abgeschaltet, weil sich Tausende Risse im Druckbehälter befinden. Die Angst vor dem Pannenreaktor ist groß, zumal Betreiber Electrabel plant, Tihange 2 ab 2016 wieder in Betrieb zu nehmen.

Von Heinsberg bis Jülich

Der Allgemeinmediziner Wilfried Duisberg, der Pathologe Alfred Böcking und der Psychiater und Psychotherapeut Benno Peters wollen die Tabletten in Aachen verteilen. Die Ärzte fordern, dass alle Haushalte, Kindergärten, Schulen und Universitäten mit Jodtabletten ausgestattet werden. Den Aachener Stadtrat fordern sie exemplarisch auf, alle Haushalte zu versorgen. Die Tabletten können im Falle eines Atomunfalls vor Schilddrüsenkrebs schützen.

Die drei gehören zur Aachener Abteilung der „Internationalen Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW). Die Organisation kämpft gegen Atomenergie, kritisiert aber beispielsweise auch das Freihandelsabkommen TTIP. Für ihre Aufklärungsarbeit bekam die Organisation 1985 den Friedensnobelpreis.

Und wer sollte alles mit Jodtabletten versorgt werden? Studien belegten, dass Radioaktivität je nach Wetterlage in einem Umkreis von 170 Kilometern verteilt strahlt, erklärt Henrik Paulitz, Referent für Energiepolitik bei IPPNW, auf Anfrage unserer Zeitung. In unserer Region müssten also auch Haushalte in Jülich, Düren der gesamten Städteregion Aachen und auch im Kreis Heinsberg versorgt werden. In Frankreich ist es längst üblich, dass Haushalte mit Jodtabletten ausgestattet sind. Auch die Grünen im Bundestag hatten dies im März dieses Jahres vorgeschlagen.

Im Falle eines Atomunfalls in Tihange würde es nach Berechnungen von Experten bei Westwind etwa drei Stunden dauern, bis eine radioaktive Wolke Aachen erreicht. Drei Stunden seien im Ernstfall viel zu wenig Zeit, um die Aachener dann erst mit Jodtabletten zu versorgen, ist die Position der Ärztevereinigung. Ein Verteilung müsse deshalb dringend im Voraus stattfinden.

Durch die Einnahme von Jod soll in der Schilddrüse eine Jodblockade aufgebaut werden, die die Aufnahme des gefährlichen radioaktiven Jods verhindert. „Die Jodtabletten müssen vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden. Das ist mit den derzeitigen Regelungen nicht zu schaffen“, sagt Böcking.

Die Katastrophenschutzpläne in Nordrhein-Westfalen sehen vor, dass erst nach Eintreten eines kerntechnischen Unfalls Jodtabletten verteilt werden. Die Bezirksregierung Köln erklärt, die Tabletten seien an die kreisfreien Städte und die Kreise verteilt und würden dort gelagert. Nach dem Unglück in Fukushima wurde allerdings die Zahl der Tabletten erhöht, die bereitgehalten werden müssen.

Doch noch immer seien diese neuen Anforderungen nicht vollständig erfüllt, erklärt Marlis Cremer, Leiter des Amtes für Bevölkerungsschutz bei der Städteregion. Auch der Chef der Aachener Feuerwehr, Jürgen Wolff, bestätigt, dass nicht für jeden Bürger Tabletten vorrätig sind. Das gilt bundesweit. An der Beschaffung der zusätzlichen Ta­bletten wird wohl derzeit gearbeitet. Und auch wie die Verteilung genau zu laufen habe, ist in den meisten Kommunen noch nicht geklärt. Ein Vorschlag des Alsdorfer Ordnungsamtes sieht eine Verteilung analog zu den Wahllokalen vor.

Tabletten nur bis 45 Jahren

Besonders schnell müssen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren und Schwangere damit versorgt werden, so die Anweisung des Landes. Die Notfallpläne der Landesregierung sehen vor, dass nur Menschen bis einschließlich 45 Jahre Tabletten erhalten sollen. „Das ist völlig überholt und unvernünftig“, sagt Paulitz. Alle Haushalte sollten versorgt werden. Dass dies nicht geschieht, habe vermutlich finanzielle Gründe, glaubt der Atomenergieexperte der Ärzteorganisation.

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