Advents-Philosophie: „Sie berühren uns im Kern“

Von: Andrea Zuleger
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Dr. Jürgen Kippenhan (rechts) diskutiert in der philosophischen Adventsreihe

Region. Engelchen, Glitter und Goldspray, Weihnachtsmusik. Wir fahren – teils kitschiges – Repertoire auf, um uns in die richtige Gefühlslage für Weihnachten zu bringen. Doch nicht jeder hat immer nur freudige Regungen, wenn es aufs Jahresende zugeht. Doch wohin mit Gefühlen, mit den guten wie den negativen? Wie weit sollten wir unseren Emotionen Raum geben und ihnen trauen? Ein Gespräch mit dem Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan.

„Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt“, schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal im 17. Jahrhundert. Trifft heute die Vorstellung noch zu, dass der Verstand der Gegenspieler des Gefühls ist?

Kippenhan: Es stimmt in bestimmten Fällen. Wenn man etwas unbedingt will, aber die Vorstellung der Konsequenzen oder die der eigenen Haltungen einen davon abhalten würden. Also man ist zum Beispiel furchtbar wütend und will eigentlich zuschlagen, aber die Vernunft stellt sich diesem Impuls entgegen, weil sie sagt: „Ich verstehe mich gar nicht als jemand, der sich prügelt.“ Handlungshemmungen werden dadurch angeregt.

Ein drastisches Beispiel! In diesen Tagen gibt es ebenfalls gefühlsbeladene Themen wie Familienfeste. Da ist doch auch viel emotionaler Sprengstoff drin, oder?

Kippenhan: Klar. Manche fragen sich schon vorher: „Gehe ich zu dem Weihnachtsfest, wenn ich weiß, dass ein bestimmter Onkel da ist?“ Und daran kann man sehen, dass Gefühle nicht nur etwas Aktuelles, Unmittelbares sind, sondern dass sie auch viel mit Projektionen, Vorstellungen und Erfahrungen zu tun haben. Denn ich stelle mir den Onkel vor, die Situation, unsere Gespräche und bringe mich schon im Vorhinein in eine bestimmte Stimmung, die mich daran zweifeln lässt, ob ich zu der Feier hingehe.

Und was wäre eine richtige Entscheidung?

Kippenhan: Das ist ein Abgleichen zwischen verschiedenen Instanzen. Vielleicht kann ich für ein paar Stunden bestimmte Erfahrungen ausblenden. Oder ich stelle mir die Enttäuschung anderer Teilnehmer der Feier vor und stelle sie über mein Unbehagen. Oder ich nehme mir vor, mich auf bestimmte Diskussionen nicht einzulassen. Oder ich merke, dass mein Widerwillen so groß ist, dass es nicht beherrschbar wird. Und bei diesen Vorstellungen entstehen Gefühle. Sie können ein Signal dafür sein, ob ich hingehen sollte oder lieber nicht.

Gefühle sind also gar nicht so klar vom Verstand zu trennen, wie wir glauben?

Kippenhan: Ein Gefühl ist unmittelbar und dominant: wie die Vorfreude, wenn Sie am Abend eine schöne Verabredung haben, oder die Angst, mit der wir auf eine bevorstehende Prüfung reagieren. Dann kommen rationale Momente dazu, die als Korrektiv eingreifen. Die Ratio bringt die Konsequenzen ins Spiel: „Ich hasse es zwar, etwas zu tun, aber ich entscheide mich trotzdem dafür.“

Ist es möglich, korrigierend auf Gefühle einzuwirken? Etwa aufgrund einer Überlegung, sich in eine andere Stimmung zu bringen, ein Gefühl wegzudenken?

Kippenhan: Die Ratio hat in etwa die Funktion eines Gesprächspartners mit sich selbst. Sie bringt andere Werte ins Spiel, wägt die Gefühle anderer ab, zeigt die Konsequenzen unseres Handelns auf. Das weckt natürlich neue Gefühle, die eventuell sogar stärker sein können als die ursprünglichen und dann zu einer Änderung des Verhaltens führen. Ein Beispiel: Im Gespräch sagen Sie jemandem, dass Sie vor einer Autofahrt morgen Angst haben, weil Sie keine Winterreifen drauf haben. Ihr Gesprächspartner sagt: „Du brauchst keine Angst haben, morgen wird es zehn Grad.“ Dann geht die Angst weg.

Aber Gefühle lassen sich nicht immer mit Argumenten bändigen ...

Kippenhan: Wenn wir kommunizieren, sind wir auf die Vernunft angewiesen, weil wir möchten, dass andere uns verstehen. Es muss also logisch sein, auch wenn es um Gefühle geht. Aber diese Art, miteinander zu reden, erzeugt die Täuschung, als würde sich das wirklich so abspielen. Also im Gespräch werden Gefühle so behandelt, als könnte man sie an- und ausknipsen, als könnte man frei über sie bestimmen.

Wie viel Gefühl ist denn erlaubt?

Kippenhan: Das hängt vom Kulturkreis, vom Umfeld und von der Situation ab. Das um sich greifende Verlangen nach Coolness und Gelassenheit zeigt, dass wir es mit den Gefühlen nicht so leicht haben. Gefühle berühren uns in unserem existenziellen Kern und sind mit allem, was wir denken, tun und reden, verbunden. Alles, was wir tun, hat einen direkten oder indirekten Bezug zu Gefühlen. Ein Überschwang an Gefühlen kann dabei erdrückend wirken, für sich und für andere.

Umgekehrt aber auch: Gefühlslosigkeit verweist auf nichts Gutes. Nicht nur, dass sich ohne seelische Regungen gar nichts bewegen würde, wie schon Aristoteles in seiner Schrift „Über die Seele“ feststellt, es entstünde auch der Verdacht, dass bedrängende Gefühle – wie Sigmund Freud sagen würde – „abgespalten“ würden, sich verselbstständigen und dann bedrohliche Irrwege einschlagen. Es gibt auch Amokläufe der Seele.

Wenn man von Gefühlen übermannt wird, die weder der Ratio zugänglich noch beherrschbar sind, geht das in Richtung des Amoklaufs der Seele?

Kippenhan: Es ist zumindest bedenkenswert. Jemand, der gar nicht mehr empfänglich für Argumente ist, ist auch in seiner Autonomie eingeschränkt. Er unterliegt Zwangsgefühlen, die sich nicht mehr vermitteln können. Jemand, der hasst, muss sich auch selbst nach seiner eigenen Haltung zu diesem extremen Gefühl befragen. Wenn er eigentlich nicht in einer Welt leben möchte, in der Rache oder Hass regieren, dann muss diese Person es auch schaffen, ihre eigenen zunächst unmittelbaren Gefühle wieder auf eine nötige Distanz zu bringen.

Das heißt, das erwachsene Gefühl erfordert eine Menge Nachdenken?

Kippenhan: Das Denken entfernt uns ein Stück weit von impulsiven Gefühlslagen, die uns aktuell aufwühlen. Wer im Sinne Kants beansprucht, „mündig“ zu sein, dem ist aufgegeben, den Spagat zwischen unvermittelten und sinnvermittelten Gefühlen hinzukriegen. Es entspricht der Wortbedeutung „Idiot“, wenn jemand sich nur im engen Kreis seiner akuten Regungen um sich selbst dreht.

Können wir denn sicher sein, dass unsere Gefühle tatsächlich unsere sind?

Kippenhan: Das ist mit das Schwierigste im Leben. Cäsar soll mal festgestellt haben, dass der Eroberer gar nicht merkt, wie groß der Anteil der Eroberten ist, den man übernimmt. So ist das auch mit Gefühlen: Sie speisen sich aus Vorbildern, aus Erfahrungen, aus Bindungen etwa zu den Eltern. Und daran merkt man oft, dass die Gefühle nie so privat sind, wie wir glauben.

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