Advents-Philosophie: Macht kaufen glücklich?

Von: Andrea Zuleger
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Einkaufen
Einkaufsbummel durch Aachen. Foto: Archiv/Steindl
 Jürgen Kippenhan.
Der Aachener Philosoph Jürgen Kippenhan.

Region. Und? Auch schon die Tüten voll? Wie viele Tage brauchen Sie, bis Sie alles haben, was an Weihnachten wichtig ist? Und was sagt der Philosoph zur Geschenkeschlacht im Schatten des Weihnachtsbaums? Im zweiten Teil unserer Reihe Advents-Philosophie mit dem Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan geht es um den Kaufrausch.

Macht kaufen glücklich?

Kippenhan: Ich habe mir gerade ein iPad gekauft. In den Tagen, als ich darauf gewartet habe, dass es ankommt, habe ich schon anders auf die Post gewartet, als ich es sonst tue. Jeder kennt wahrscheinlich diese kleinen Stimmungsaufhellungen, die mit dem Kauf eines Dings verbunden sind. Ein bisschen so, als könnte etwas vom Glanz des Produktes für eine kleine Weile auf uns überspringen. Auch wenn es kurz ist: Hier zählen der Augenblick und die vergnügliche Hingabe.

Aber Sie als Philosoph müssten doch dem Konsum kritisch gegenüberstehen. Das ist doch alles Tand im Gegensatz zur großen Welt des Geistes.

Kippenhan: Es ist nicht leicht, nicht sofort die Vernunftkeule zu schwingen. Offiziell ist Kaufrausch ja verpönt. Es sind eher die anderen, die zu schwach sind, den Verführungen des Konsums zu widerstehen. Sich einem Rausch hinzugeben, gilt als unvernünftig.

Aber Sie wollen nicht vernünftig sein?

Kippenhan: Bei Hegel heißt es: „Verein-seitigung ist eine der bedrohlichsten Gefahren der modernen Zeit.“ Als Beispiel nennt er dann, wenn man die Religiosität gegen die Rationalität ausspielt. Man kann Dinge nicht nur nach dem Gefühl oder nach dem Verstand beurteilen. Eine Gesellschaft muss ein freies Spiel zwischen Gegensätzen zulassen.

Also ein freies Spiel zwischen Verzicht und Verführung, zwischen Vernunft und Unvernunft.

Kippenhan: Jemand, der ständig auf unangenehme Weise den Zeigefinger hebt, ist genauso unvernünftig wie jemand, der sich jedem Rausch hingibt. Denn er hat das Leben nicht verstanden. Auch die Entscheidung, Körperimpulsen wie „Ich würde jetzt gerne einen Wein trinken“ oder „Ich gehe jetzt in die Stadt und kaufe mir etwas Schönes“ zu folgen, muss immer wieder neu vermittelt werden. Jede Vereinseitigung wird zum Problem werden. Und nach Freud äußert sich jedes Problem in zwanghaftem Verhalten.

Aber im Wort Kaufrausch ist ja eigentlich der Zwang schon ein bisschen mit drin.

Kippenhan: Wenn der Rausch zu einem Zwang wird, dann wird er so dominant, dass man in diesem Rausch nicht mehr selbstbestimmt handelt. Und auch das ist menschlich. Jeder kennt das. Man rechtfertigt sich mit dem Satz: „Ich musste das haben“ oder „Ich musste das tun“. Wenn man aber merkt, dass so etwas zu lebensdominierendem Verhalten wird, dann verliert man das Wesentliche, nämlich sich selbst als Subjekt seines Lebens zu fühlen. Man wird zum Spielball der inneren Mächte.

Ist das ein Problem moderner Zeiten?

Kippenhan: Das gehört zum Menschsein dazu. Bei Shakespeares „Hamlet“ tauchen Passagen auf, in denen er sagt, dass er auch nicht weiß, warum er handelt, wie er handelt. Es laufen da Verhaltensweisen nach inneren Impulsen ab, die wir weder verstehen noch lenken können.

Unsere Gesellschaft ist ja eigentlich sehr vernunftorientiert. Wir treiben Sport, rauchen weniger, kaufen Unmengen an Mineralstoffen und Vitaminpräparaten.

Kippenhan: Wir überlegen permanent, ob etwas vernünftig ist. Wir gehen joggen, gehen ins Fitnesscenter, machen unendlich viele Diäten. Das alles vermittelt dem Menschen das Gefühl, wenigstens über diese Schiene Kontrolle über das Leben zu haben. Fühlt man sich körperlich unwohl, geht man in einen Yogakurs. Diese Strategien haben natürlich den Vorteil, dass man sich den Phänomenen nicht hilflos überlässt. Trotzdem geht es bei allem wieder um die Vereinseitigung. Ich habe das persönlich mal erlebt, als ich eine Zeit lang Marathon gelaufen bin. Ich bin jeden Tag gelaufen und hatte das Gefühl, immer noch schneller laufen zu müssen. Bis ich irgendwann fast umgefallen bin, weil der Puls bei 200 war.

Braucht der Mensch den Kick? Ist das auch ein Motiv fürs Kaufen?

Kippenhan: Unsere Gesellschaft ist sehr stark auf Sicherheit angelegt. Man kann auch sagen, es gibt einen Mangel an plastischen Lebenssituationen, da wo wir ein bisschen härter am Wind sind, wo wir in Gefahr geraten. Die negative Umkehrung der Sicherheit führt zur Langeweile. Es herrscht quasi ein unentrinnbarer Friede. Wenn die Dinge zu kontrollierbar werden, empfinden wir das als festgebacken und vorhersehbar. Gefahr bringt einen ja auch in Schwung.

Ist der Kaufrausch dann eine vermeintliche Möglichkeit, sich lebendig zu fühlen?

Kippenhan: Das kann ein Motiv sein. Einkaufen ist aber auch ein bisschen Kampf, bei dem die Entscheidung mit Zweifeln verbunden ist: Ist der Preis gerechtfertigt? Soll oder kann ich es mir leisten? Und beim Schenken wird es richtig schwierig. Es muss den Geschmack des Beschenkten treffen, muss mir selbst aber auch gefallen, sonst würde ich es ja nicht verschenken. Es darf weder zu protzig, noch zu knickerig wirken. Es muss zu der Beziehung, die mich mit dem Beschenkten verbindet, passen.

Auch dabei geht es ums Austarieren, Maß halten, Balance halten. Ist das ein großes Thema in der Philosophie?

Kippenhan: Für Aristoteles bestand der Gewinn der Philosophie darin, dass sie sich nicht auf eine Perspektive verengen lässt. Dass sie das Wissen miteinander zu vermitteln sucht. Schon damals gab es ein Expertentum mit einzelnen Fachwissenschaften wie Astrologie, Astronomie, Physik. Die Philosophie bringt die Fachwissenschaften zusammen. Als Beispiel Galileo Galilei: Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, führt zu einer Veränderung des Weltbildes. Informationen von Fachwissenschaften vermittelt der Philosoph zu Erkenntnissen über das Menschsein. Dieses ewig Vermittelnde der Philosophie ist natürlich auch anstrengend. Aber dann kann man sich auch mal sagen: „An diesem Abend zählt nur Fußball.“ Oder man geht shoppen. Das hat eine entlastende Funktion. Sie darf nur nicht zur generellen Strategie werden.

Wofür steht denn der Konsum, der solch eine entlastende Funktion hat?

Kippenhan: Für eine einfache Lösung. Wenn man ein großes Problem hat und zu Hause grübelt, ist es im Moment befreiend, wenn man das Grübeln unterbrechen kann und sich in der Stadt schöne Dinge anschaut. Wenn man aber zwanghaft die Komplexität des Lebens ausklammert, kehrt das Problem sehr schnell wieder.

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