Aachen/Bonn - Adenauer: Schlitzohr und Erfinder der Kanzlerdemokratie

Adenauer: Schlitzohr und Erfinder der Kanzlerdemokratie

Von: Stephan Voßen
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Politik als Lebenselixier: Konrad Adenauer im Jahr 1966, rund ein Jahr vor seinem Tod.

Aachen/Bonn. Als das ZDF im Jahr 2003 für die Show „Unsere Besten“ über den größten Deutschen aller Zeiten abstimmen ließ, ergab sich ein ebenso klares wie überraschendes Ergebnis. Überlegener Gewinner wurde Konrad Adenauer, während Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Albert Einstein und Otto von Bismarck auf Plätzen unter „ferner liefen“ landeten.

Diese posthume Verehrung des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland steht in auffälligem Widerspruch zu vielen zeitgenössischen Bewertungen – zumal aus der letzten Phase seiner Amtszeit. Damals überwogen negative Attribute wie machthungrig, verschlagen, boshaft oder unbarmherzig. Unstrittig war allerdings auch damals schon, dass Adenauer die prägende Gestalt der frühen Bonner Republik war.

Bei der Rückkehr in die Politik 1945 erschien eine solche Karriere noch abwegig. Zwar hatte der langjährige Kölner Oberbürgermeister (1917 – 1933) und Präsident des Preußischen Staatsrates (1921–1933) zu den namhaften Politikern der Weimarer Republik gehört und war außerdem in der NS-Zeit unbelastet geblieben. Doch befand sich der 1876 Geborene bei Kriegsende schon im Pensionsalter, so dass er politischen Beobachtern als Figur des Übergangs galt.

Damit unterschätzen sie freilich Adenauers Zähigkeit gewaltig – vor allem wohl deshalb, weil niemand so recht nachvollziehen konnte, wie sehr ihn gerade die politische Arbeit vital hielt. Die Präsidentschaft im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz erarbeiten sollte, hielten die meisten für ein bloßes Repräsentationsamt. Der Irrtum hätte größer nicht sein können, denn Adenauer nutzte diese Funktion zielstrebig als Sprungbrett für die Führung des sich anbahnenden westdeutschen Staates. Am 15. September 1949 wählte ihn der Bundestag mit exakt der benötigten Stimmenzahl zum Bundeskanzler. Der ausgewiesene Machtmensch machte keinen Hehl daraus, dass eine dieser 202 Stimmen von ihm höchstpersönlich stammte.

Rückblickend werden die 50er Jahre oft als die Ära der „Kanzlerdemokratie“ bezeichnet. Adenauers Partei, die CDU, konstituierte sich auf Bundesebene erst mehr als ein Jahr nach der Regierungsbildung. Wenn nicht gerade Wahlen anstanden, spielten ihre überregionalen Gremien kaum eine Rolle; es entstand das Wort vom „Kanzlerwahlverein“. Alle wichtigen Entscheidungen traf der Regierungschef allein, beraten ließ er sich von nur ganz wenigen engen Vertrauten.

Unter diesen ragten der Kanzleramtschef Hans Globke (während der Nazizeit unter anderem mitverantwortlich für die Nürnberger Rassegesetze) und der Bankier Robert Pferdmenges („graue Eminenz“) heraus. Die Kabinettssitzungen leitete Adenauer mit harter Hand, seine Richtlinienkompetenz legte der Kanzler außerordentlich weit aus. In unzähligen Briefen an Minister, Abgeordnete und Parteifunktionäre pflegte er zu fordern und zu tadeln. Dank oder Lob gab es hingegen nur spärlich.

Die alles überragende Streitfrage der frühen Jahre entschied er mit virtuoser Herrschaftstechnik in seinem Sinne. Gegen erbitterten Widerstand der Opposition – aber auch aus dem eigenen Lager – blockierte der gewiefte Strippenzieher alle Bemühungen um eine deutsche Wiedervereinigung; denn die wäre nur um den Preis der Neutralität zu erreichen gewesen. Tief im Rheinland verwurzelt, setzte Adenauer stattdessen von Anfang an auf einen Teilstaat, der in eine westeuropäische Gemeinschaft sowie das westliche Sicherheitssystem eingebunden ist und in diesem Rahmen auch einen eigenen Wehrbeitrag leistet. Die Gegenleistung, die er von den USA, Großbritannien und Frankreich dafür verlangte und erhielt, war die Aufhebung des Besatzungsstatuts und damit die weitgehende Wiederherstellung der staatlichen Souveränität.

Dass CDU und CSU in den 50er Jahren stetig an Wählerstimmen zulegten und bei der Bundestagswahl 1957 sogar die absolute Mehrheit erringen konnten, lag freilich in erster Linie am sogenannten Wirtschaftswunder. Die Meriten für den angesichts der gewaltigen Kriegszerstörungen kaum für möglich gehaltenen rasanten Aufschwung gebührten – so die öffentliche Meinung – allerdings weniger Adenauer als vielmehr Ludwig Erhard, dem damaligen Bundeswirtschaftsminister.

Das barg beträchtlichen Konfliktstoff, denn Erhard betrachtete sich bald als eine Art Kronprinz der Republik, während der 21 Jahre ältere Kanzler den Ökonomen als ganz und gar ungeeignet für seine Nachfolge betrachtete. Es mangele Erhard an außenpolitischen Kenntnissen, an Machtinstinkt, und – das Allerschlimmste – er sei viel zu weich, meinte Adenauer. „Nageln Sie mal ’nen Pudding an die Wand“, charakterisierte er abschätzig Erhards Stehvermögen. Nicht zuletzt deshalb hielt der alte Herr sich selbst für unverzichtbar.

Die zunehmende Selbstüberschätzung mächtiger Menschen führt nicht selten geradewegs zum Machtverfall. Der von Adenauer begann im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl 1959. Amtsinhaber Theodor Heuss stand nach zwei Amtsperioden nicht mehr zur Verfügung, und die SPD setzte die Union mit der Nominierung des über alle Parteigrenzen hinaus geschätzten Carlo Schmid unter Druck.

Der sonst so gerissene Taktiker im Kanzleramt propagierte zunächst die Kandidatur Erhards. Zwei Fliegen mit einer Klappe, so schien es ihm. Als Erhard sich indes verweigerte, spielte Adenauer seine vermeintliche Trumpfkarte aus und erklärte, er selbst wolle Bundespräsident werden. Verfassungsrechtler belehrten ihn jedoch, dass den Kompetenzen dieses Amtes enge Grenzen gesetzt seien. Letzten Endes entschied sich der Kanzler für eine schiere Verlegenheitslösung, den dann später als Staatsoberhaupt überforderten Agrarminister Heinrich Lübke.

Der einstmals starke Mann war jetzt angeschlagen. Sein wenig einfühlsames Auftreten nach dem Bau der Berliner Mauer, der mitten in den Bundestagswahlkampf 1961 fiel, beschädigte das Ansehen zusätzlich.

Am Wahltag verlor die Union die absolute Mehrheit. Obwohl der auserkorene Koalitionspartner FDP zuvor vehement Adenauers sofortiges Ausscheiden gefordert hatte, wurde aufgrund dessen heftiger Gegenwehr die Wiederwahl vereinbart. Immerhin verpflichtete sich der Kanzler nun, zur Hälfte der Legislaturperiode im Herbst 1963 zurückzutreten.

Davor sollte mit der „Spiegel-Affäre“ allerdings noch der Tiefpunkt von Adenauers Kanzlerschaft erreicht werden. Das Nachrichtenmagazin hatte im Oktober 1962 in einer Titelgeschichte das Verteidigungskonzept der Bundeswehr scharf kritisiert. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß veranlasste daraufhin die Verhaftung eines „Spiegel“-Redakteurs, der sich gerade in Spanien aufhielt. Der Kanzler verteidigte im Bundestag Strauß‘ rechtswidriges Vorgehen und verstieg sich dabei zu der Behauptung, es gebe im Land einen „Abgrund von Landesverrat“. Strauß musste schließlich zurücktreten.

Die „Spiegel-Affäre“ war Adenauers vorletztes großes Gefecht. Das letzte verlor er im Frühjahr 1963, als die CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ludwig Erhard als neuen Regierungschef nominierte. Bevor er zum 15. Oktober 1963 widerwillig den Rücktritt einreichte, blieb Adenauer noch ein halbes Jahr Gnadenfrist. Später war ihm noch die Genugtuung vergönnt, den verachteten Nachfolger bereits 1966 stürzen zu sehen. Voller Hohn und im gewohnten rheinischen Singsang bemerkte der 90-Jährige zu Erhards schnellem Scheitern: „Hauptsache, et is einer wäch.“

Viereinhalb Monate später war dann auch Konrad Adenauer selbst „wäch“, und das im allerwörtlichsten Sinne. Am 19. April 1967 – unterdessen 91 Jahre alt – starb der Zyniker. Als Abschiedswort ist „Do jitt et nix zo kriesche“ überliefert. Für Nicht-Rheinländer: Da gibt es nichts zu weinen.

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