Aachen - Abgrenzung und Verfolgungen gehören der Vergangenheit an

Abgrenzung und Verfolgungen gehören der Vergangenheit an

Von: ik/se
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Aachen. Aachen ist ungefähr so evangelisch wie Köln oder der Papst: nämlich (fast) gar nicht. Diese Annahme stimmt nicht ganz. Neben dem Dom, den Heiligtümern und allerlei Feierlichkeiten rund um den Aachener Katholizismus gibt es nämlich einen Teil der Stadtgeschichte, in dem Protestanten großen Einfluss hatten – zum Teil sogar die Mehrheit des Stadtrates bildeten.

Diese „Aachener Wirren“, wie sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts genannt wurden, waren durchaus eine Sensation, zumal sich die Menschen viel stärker als heute über ihre Konfession identifizierten. Diesen spannenden Teil der Stadtgeschichte hat Pfarrer Jens-Peter Bentzin aufgearbeitet.

Luther selbst war nie in Aachen, soll jedoch den Besuch Kölns nicht als bereichernd empfunden haben. Und doch sind seine Ideen in die Region übergeschwappt. Allerdings war der „Rheinische Protestantismus von Anfang an eine Minderheitskonfession“, erklärt Bentzin. Zwar nahmen nicht viele Menschen die neue Glaubensrichtung an, umso interessanter ist, von welchem Teil der Bevölkerung deren Ausbreitung im Rheinland angetrieben wurde. Die neue Konfession wurde nämlich nicht von Fürsten, Kaisern oder Gelehrten ans Volk gebracht, sondern entwickelte sich von unten: Damals noch versteckt, lasen sich Bauern und Handwerker – also das einfache Volk – gegenseitig vor und verbreiteten so die Lehren Martin Luthers.

Dass sich die protestantische Konfession etablieren konnte, lag nicht zuletzt an Herzog Wilhelm V. von Jülich: „Der verbot zwar die religiöse Neuordnung, ließ aber Reformen zu, solange es nicht zum Konflikt kam“, sagt Bentzin. Und so wuchs die protestantische Gemeinde. Vor allem deshalb, weil viele religiöse Flüchtlinge aus Deutschland, den Niederlanden und anderen Teilen Europas in Aachen und Umgebung Unterschlupf fanden.

„Aachener Petition“

Bis 1559 war es den neu formierten Protestanten jedoch noch nicht gestattet, offizielle Gemeinden zu gründen. Erst die „Aachener Petition“ an Kaiser Matthias machte dies möglich und führte dazu, dass auch evangelische Schulen und Kirchen eröffnet wurden.

Der Alltag in der Kaiserstadt wurde durch die Vielfalt der Religionen kaum beeinflusst. Zum späten 16. und frühen 17. Jahrhundert lebte eine Mischung aus Katholiken, Lutheranern und Reformierten in der Stadt – eine besondere Situation der Koexistenz, die Geschichtsschreiber auch als „Causa Aquensis“ bezeichnen. „Es war ein Hot-Spot konfessioneller Spannungen“, sagt Bentzin. Schließlich bedeutete damals konfessionelle Macht auch politische Macht. Und um die zu erhalten, bekämpften und behinderten sich die einzelnen Konfessionsmitglieder gegenseitig, versuchten insgesamt aber friedlich miteinander auszukommen.

Wirklichen Zugang zur Macht erhielten die Aachener Protestanten dann im Jahr 1574, als der Stadtrat sie zu Zünften und dem Rat zulassen musste –weil sie durch die vielen Flüchtlinge zu einer einflussreichen Masse herangewachsen waren. Tatsächlich waren die Stadträte von 1581 bis 1598 mehrheitlich evangelisch; zwischen 1611 bis 1614 ein weiteres Mal.

Und welchen Stellenwert haben die Protestanten heute in der Kaiserstadt? Auch wenn heute in der Region „nur“ rund 30000 Protestanten knapp 124000 Katholiken gegenüberstehen, ist die „Causa Aquensis“ nicht mehr von Spannungen geprägt, sondern von gemeinsamen Bemühungen. Und so sprechen Bentzin und seine Kollegen der Evangelischen Kirche in Aachen auch nicht vom Feiern des „Lutherjahres“, sondern vom „Reformationsjahr“. Schließlich soll dieses Jubiläum zum ersten Mal nicht als Abgrenzung, sondern mit allen Religionen und Konfessionen gemeinsam zelebriert werden.

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