Abfall-Experte Martin Faulstich: Mit Müll lässt sich gut Geld verdienen

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Das Problem, Müll zu vermeiden: Zu wenig Anreize für die Industrie, sagt Martin Faulstich

Aachen. Was nicht produziert wird, bringt auch kein Geld. Mit dieser Aussage beschreibt der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates für Umweltfragen, Martin Faulstich, anschaulich, warum die Müllmengen in Deutschland auf hohem Niveau bleiben.

Wenn der regionalen Abfallentsorger AWA ab dem Wochenende zur Europäischen Woche der Abfallvermeidung aufruft, ist das vor allem ein Appell an die Verbraucher. Denn der Industrie fehlen die Anreize, um tatsächlich Müll einzusparen. Im Interview mit René Benden beschreibt Faulstich, dass die Abfallentsorgung in Deutschland beinahe zu gut funktioniert und warum er auf Handys in Zukunft Pfand erheben würde.

Wenn es hierzulande um Müll geht, sind gewöhnlich immer die Müllgebühren der Aufreger. Wie sind denn nun die deutschen Müllgebühren? Generell zu hoch?

Faulstich: Wenn Sie tausend Leute fragen, ob die Müllgebühren zu hoch sind, werden 900 sagen: ja. Wenn Sie die 900 dann fragen, was sie für den Müll zahlen, werden das nur die wenigsten beantworten können. Tatsächlich ist es so, dass die Entsorgungskosten in Deutschland erstaunlich günstig sind. Auf stabilem Niveau machen sie nur wenige Prozent der Nebenkosten in der Miete aus, bei nahezu perfekter Qualität. Oder können Sie sich daran erinnern, dass bei Ihnen die Mülltonnen in den vergangenen 25 Jahren über längere Zeiträume nicht geleert worden sind?

Und warum wird trotzdem immer über die Gebühren gemeckert?

Faulstich: Wenn neue Abfallgesetze eingeführt werden, wenn über die Zukunft von Müllverbrennungsanlagen geredet wird, dann steht natürlich immer die Frage im Raum: Was kostet uns das? Objektiv betrachtet sind die Müllgebühren gering, wenn man sie mit Kosten für das Auto oder Unterhaltungselektronik vergleicht. Nicht zuletzt, weil bei der Müllentsorgung die Kommunen kostengünstig arbeiten müssen und es zudem einen Wettbewerb mit den Privaten gibt.

Neapolitanische Verhältnisse hat es hier tatsächlich noch nicht gegeben. Also ist gesellschaftlich betrachtet das Müllproblem technisch gelöst und nur noch bei den Gebühren spürbar?

Faulstich: Ja. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Bürger sieht nur, wie seine Tonne abgeholt wird. Doch dann geht der aufwendige Teil der Entsorgung erst los. Deutschland hat sich in den vergangenen 25 Jahren von den Hausmülldeponien getrennt. Es gibt hier Müllverbrennungsanlagen, die wohl weltweit zu den umweltverträglichsten zählen. Wertstoffe werden zu neuen Rohstoffen, Biomüll wird in Vergärungsanlagen in Energie umgewandelt und, und, und. Da existiert im Hintergrund eine riesige Infrastruktur, von der normalerweise niemand etwas mitbekommt.

Das funktioniert mit der Entsorgung alles so gut, dass es kaum Anreize gibt, Müll zu vermeiden. In Deutschland ist das Abfallvolumen seit Jahren auf gleichem Niveau.

Faulstich: Tatsächlich gibt es bei der Abfallvermeidung kaum Fortschritte. Das hat einerseits gesellschaftliche Gründe, beispielsweise nehmen die Singlehaushalte zu, die pro Kopf mehr Müll produzieren als Familien. Andererseits lässt sich mit echter Müllvermeidung auch kaum Geld verdienen. Etwas, das nicht produziert wird, bringt kein Geld. Weder beim Produzenten, noch beim Entsorger. Da fehlen zumindest beim Hausmüll die Anreize. Allerdings lässt sich beim Hausmüll auch feststellen, dass es da nicht mehr allzu viele Möglichkeiten der Vermeidung gibt.

Gibt es denn Alternativen zur Müllvermeidung?

Faulstich: Ein Stichwort ist die Kreislaufwirtschaft. Das bedeutet, ein Produkt lässt sich bei der Verwertung so weit aufbereiten, dass ein hochwertiger Sekundärrohstoff entstehen kann.

Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel: Mobiltelefone. Alle zwei Jahre muss ein neues her. Bislang habe ich nicht den Eindruck, dass es da einen Kreislauf gibt. Alte Handys sind Wegwerfobjekte oder sie liegen in irgendwelchen Schubladen. Das ist keine Kreislaufwirtschaft.

Faulstich: Da liegt gewiss noch viel Potenzial brach. Zumal man feststellen muss, dass die letzten zwei oder drei Generationen Smartphones nur noch marginale Verbesserungen bringen. Die Hersteller gehen davon aus, dass sie ohnehin nach zwei Jahren ersetzt werden. Kombiniert mit den Angeboten der Netzbetreiber, die ein neues Handy in ihren Tarifen so einpreisen, dass es für einen Euro zu haben ist, erliegt man sehr leicht der Versuchung, alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen. Auch bei mir in der Schublade liegen noch zwei oder drei.

Wenn selbst Sie alte Handys zu Hause haben, stellt sich die Frage, warum ist der Verwertungskreislauf noch nicht in Gang, und was sind die Lösungen?

Faulstich: Beim Handy hat das natürlich auch mit Bequemlichkeit zu tun. Vier Handys in der Schublade nehmen keinen Raum weg. Vier Waschmaschinen würden Sie im Gegensatz dazu gewiss nicht zu Hause stehen lassen. Solange die Handys noch in der Schublade liegen, ist aber ja noch nichts verloren. Sie sind nur dezentral gelagert. Jetzt müssen wir überlegen, wie wir sie einsammeln. Pfandsysteme sind da eine ernstzunehmende Option.

Sie wollen ein Handypfand?

Faulstich: Wir haben Pfand auf Getränkeflaschen, ein Produkt, das nicht sonderlich wertvoll ist. Natürlich wollen wir damit auch verhindern, dass Flaschen auf der Straße liegen. Bei elektronischen Produkten, nicht nur Handys, die erheblich wertvollere Rohstoffe enthalten, haben wir kein Pfand. Mit dem Sachverständigenrat haben wir schon vor ein paar Jahren darum geworben, wenigstens mal über ein Pfandsystem nachzudenken.

Und welche Reaktion haben Sie darauf erhalten?

Faulstich: Heute nennt man das Shitstorm. Die einen haben gesagt, das Handy würde dann so teuer, dass es sich kein Arbeitsloser mehr leisten könnte. Andere wiederum fürchteten ein bürokratisches Monster. In der Tat ist so ein Pfandsystem aufwendig.

Wir haben da mal unter anderem mit der AWA ein Pilotprojekt gemacht und festgestellt, dass ein Handypfand vor-aussetzt, dass das Handy immer identifizierbar sein muss. Das Pfand müsste übertragbar sein, wenn ein Handy verschenkt wird. Wenn Pfand konsequent bei allen elektronischen Geräten erhoben würde, ergibt sich ein Pfandsystem mit einem Volumen von zig Milliarden Euro. Das muss verwaltet werden. Einfach ausgedrückt: Der Aufwand ist immens.

Das Pfandsystem ist aussichtslos?

Faulstich: Nein, nicht unbedingt. Zwar sind am Anfang alle skeptisch gewesen, ein Netzbetreiber beispielsweise hat gesagt, er setzt auf Freiwilligkeit bei der Rückgabe von Geräten. Doch dort hat man jetzt auch gemerkt, dass die Rücklaufquoten nicht so sind, wie man sich das wünscht. Das gilt aber nicht nur bei Handys, es geht auch um Lampen, Föhne, Bohrmaschinen usw. Das neue Elektrogesetz sieht da nun erweiterte Rücknahmepflichten vor. Jetzt gilt es zu schauen, wie sich das entwickelt.

Wie groß ist denn das Interesse der Hersteller, sich an solchen Pfand-Kreisläufen zu beteiligen?

Faulstich: Das Interesse wächst. Viele Hersteller müssen heute mehr Produktverantwortung übernehmen. Das bedeutet, dass ihre Verantwortung für das Produkt nicht an der Ladentheke endet, sondern eine Verwertungsstrategie mitgedacht wird. Mittelfristig ist das zunächst einmal gut für das Image eines Herstellers. Langfristig ist vielen inzwischen aber auch klar, dass sie sich nur am Markt halten können, wenn es die Rohstoffe, die heute verbaut werden, auch in 50 Jahren noch zu erschwinglichen Preisen gibt. Recyc-ling ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Klingt sehr kompliziert. Am Ende entscheidend ist aber doch, ob der Verbraucher bei so einem Pfandsystem mitmacht. Wenn nicht, gibt es keinen Kreislauf.

Faulstich: Das Pfandsystem ist ja nur eine mögliche Lösung. Ungeachtet davon, wie die Lösung am Ende aussieht, wird es immer wichtig sein, dem Verbraucher die Entsorgung so einfach und komfortabel wie möglich zu machen. Und da kommen auch die kommunalen Entsorger wieder ins Spiel. Deren Ziel wird es in Zukunft sein, nicht nur den klassischen Abfall wie Hausmüll oder Biomüll zu entsorgen.

Auch dort wird man verstärkt versuchen, hochwertige Rohstoffe einzusammeln. Ob das nun unter Beteiligung an Pfandsystemen funktioniert oder indem an vielen öffentlichen Orten Sammelstationen für elektronische Geräte aufgestellt werden, muss die Praxis zeigen. Im Sinne der Umwelt, aber auch im Sinne der Ökonomie ist es sinnvoll, alle Wertstoffe im Verwertungskreislauf zu behalten.

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