Abenteuerreise während der Schulzeit

Von: Elke Silberer
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Abschied: Der Rest der 4. Aachener Gesamtschule winkt den Neuntklässlern zu, die am 26. August in 16 Gruppen zum Projekt „Herausforderung“ aufbrachen, nur begleitet von jeweils einem Studenten. Foto: Krömer
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Team Kanu: Diese Gruppe der Aachener Gesamtschule besteht aus dem Begleiter Volker und den Schülern Robin, Eric, Felix und Philipp (v.l.n.r.). Foto: dpa

Aachen. Die Jungs waren noch nicht ganz unterwegs, da hatten sie schon ein Problem: Ihr Campingplatz lag über zwei Kilometer von der Lenne entfernt. Falsch geplant. Wie sollten die 14 und 15 Jahre alten Schüler ihre zwei Kanus ohne Auto, mit nur wenig Geld in der Tasche zu dem Flüsschen bekommen?

„Ich denke, dass sie vielleicht noch eine Lösung gefunden haben“, sagt eine Mutter zu Hause in Aachen. Einfach mal anrufen und fragen, geht ja nicht.

Ihr Sohn Erik nimmt an einem abenteuerlichen Schulprojekt teil: 80 Schüler der Jahrgangsstufe neun gehen 17 Tage lang ihren eigenen Weg: mit 150 Euro in der Tasche, ohne Lehrer, ohne Eltern, mit Zelt und Vertrauen in sich und in die Fähigkeiten der Gruppe, begleitet von Aachener Studenten. Die dürfen sich aber nur im Notfall einmischen. Erik ist seit ein paar Tagen mit drei Schülern im Kanu unterwegs.

Jeden Tag woanders zelten

„Ich find das toll. Ich denke, dass sie eine ganze Menge hinkriegen“, sagt Eriks Mutter Bernadette Lipinski. Sie traut den Jungs der 4. Aachener Gesamtschule jede Menge zu: Jeden Tag woanders zelten, aber nicht wild, das Handy darf nur in Ausnahmen benutzt werden, das sind Regeln des Projekts „Herausforderung“, das die Aachener zum ersten Mal durchführen.

Und was sagen die anderen Eltern dazu? Nicht alle waren einverstanden, dass ihr Kind allein durch die Weltgeschichte reist. Manche hatten Angst ums Kind. Für manche war es schlicht unvorstellbar, dass knapp drei Wochen auf Tour wertvolle Lernerfolge bringen könnten. Aber 80 von 108 Kindern gehen tatsächlich auf Reisen. „Wir sind glücklich, dass so viele Eltern uns vertrauen“, sagt Projekt-Koordinatorin Margret Lensges. Und auch die restlichen Jugendlichen bekommen ihre persönliche Herausforderung. Sie leben und arbeiten zum Beispiel auf einem Bauernhof oder sie absolvieren ein Berufspraktikum.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hat mit dem Projekt „Herausforderung“ seit 2008 Erfahrung. „Kinder verbringen immer mehr Zeit in der Schule und haben immer weniger Zeit, im Leben zu lernen“, sagt der Berliner Lehrer Christian Hausner. „Herausforderung“ gebe es mittlerweile bundesweit an mehreren Schulen, aber selten wochenlang und ohne Begleitung von Lehrern wie an seiner Schule und jetzt beim Kooperationspartner in Aachen.

Die Kinder, sagt Projekt-Koordinatorin Lensges, seien in 16 Gruppen unterwegs: zu Fuß, mit dem Kajak, auf dem Rad, mit Lang- oder Skateboard. „Die ersten vier Übernachtungen mussten fest sein“, sagt Lensges, zum Beispiel auf Campingplätzen oder im Vorgarten einer Pfarre. Anrufen, E-Mails schreiben oder den Pfarrer fragen, das war Sache der Kommunikationschefs. Der Kassenwart ist für das Geld der Gruppe zuständig: Pommesbude oder Pizzeria sind bei 150 Euro pro Schüler eigentlich nicht drin.

Am letzten Abend vor dem Start kursierten in der Whatsapp-Gruppe Nachrichten wie diese: „Das letzte Grillen“, oder: „Ich bin satt, aber ich ess trotzdem weiter.“ Erik kann Spaghetti mit Tomatensoße, sagt Mutter Bernadette Lipinski. Aber zu Hause ist er eher der „Schnippler“ und weniger der Koch. So wird das wohl auch unterwegs sein, nimmt sie an.

Dann gibt‘s noch den „Dokumentationschef“, der jeden Tag um 12 Uhr ein Foto von seiner Gruppe schicken muss. Auf einem Foto der ersten Tage wirkt Erik erwartungsvoll. Ist fast immer so, sagt der Berliner Lehrer Hausner: Zuerst die Aufbruchstimmung, dann die ersten Krisen, vielleicht ein bisschen Heimweh und dann der Ehrgeiz in der letzten Woche, es zu schaffen.

Die Bezirksregierung Köln war als Schulaufsichtsbehörde in die Projektplanungen eingebunden, im Vorfeld wurden Rahmenbedingungen für das Abenteuer erarbeitet. Auch die Stadt als Schulträger ist eingebunden. „Aber die Verantwortung für das Projekt liegt letztlich beim Schulleiter“, sagt Lensges.

„Natürlich hat man Sorge“, sagt der Aachener Schulleiter Hanno Bennemann. Verantwortung sei in der Schule ein zentrales Thema, für Schüler und Lehrer: „Natürlich geben wir Verantwortung ab. Aber desto mehr wächst für uns die Verantwortung“, sagt er aus Lehrersicht.

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