Region - Aachens „Quartier Latin“: Ein Rundgang durchs Pontviertel

Aachens „Quartier Latin“: Ein Rundgang durchs Pontviertel

Von: Sabine Mathieu
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Blick in die Pontstraße mit dem Internationalen Zeitungsmuseum IZM und der Aula Carolina: Im Hintergrund ist auch das Rathaus zu sehen. Foto: Sabine Mathieu
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Das Ponttor.

Region. Dieser Rundgang wendet sich an alle, die das Aachener „Quartier Latin“, das Pontviertel, kennenlernen möchten. Dabei kommen Sie an zahlreichen Instituten der RWTH, der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, vorbei. Sie lernen aber auch die Orte kennen, an denen in Aachen selbst Historiker und Germanisten „Wirtschaft“ studieren.

Der Rundgang startet am Markt. Zwischen Haus Löwenstein und der Karls-Apotheke beginnt die Pontstraße. Die Herkunft des Namens ist nicht ganz klar. Möglicherweise kommt er von Pons, dem lateinischen Wort für Brücke. Eine solche gab es einst in einer Senke. Dort querte der Johannisbach die Straße. Der Name könnte aber auch auf den Familiennamen Punt zurückgehen. Johan van Punt gehörte neben Ritter Chorus zu den Initiatoren des Rathausbaus im 14. Jahrhundert. Die Familie besaß ein Haus an der heutigen Pontstraße.

Folgen Sie der Pontstraße. Nach etwa 100 Metern kommen sie links zur Aula Carolina. Die ehemalige Kirche St. Katharina (1697 geweiht) gehörte bis zur Auflösung aller Klöster unter Napoleon zum Augustinerkloster. Sie dient heute als Veranstaltungsraum und Sporthalle des benachbarten Kaiser-Karls-Gymnasiums.

„Ejeng Vijjeling“

Das „Große Haus von Aachen“, oder im Volksmund „Ejeng Vijjeling“ genannt, steht gleich nebenan. Es ist nach dem Haus Löwenstein eines der wenigen mittelalterlichen Privathäuser aus Stein in Aachen. Die reiche Schöffenfamilie Dollart ließ das Haus, das 1460 bereits erwähnt ist, 1493 umbauen. Der Name „Vijjeling“ kommt von Violence, dem französischen Wort für Gewalt. Während der napoleonischen Zeit, zwischen 1794 und 1814, war hier die Douane, das Zollamt.

Ab 1854 benutzte die „Königlich-Preußische-Polizei-Direktion“ das Große Haus. Ein Anbau diente als Polizeigefängnis. Heute ist das Große Haus eine Station auf der Route Charlemagne. Darin ist das IZM, das Internationale Zeitungsmuseum, beheimatet. Das Museum geht auf die umfangreiche Sammlung internationaler Zeitungen von Oskar von Forckenbeck zurück. Der passionierte Zeitungsleser und Privatgelehrte hinterließ bei seinem Tod 1898 der Stadt Aachen 80.000 Zeitungen. Die Sammlung ist einzigartig in Europa.

Die „Nova Platea“

Folgen Sie der Pontstraße weiter. In der Senke kreuzen Sie die Straßen Annuntiatenbach und Neupforte. Die Neupforte ist bereits als „Nova Platea“ im 12. Jahrhundert erwähnt. Etwa 50 Meter weiter die Straße hoch erreichen Sie links die Theresienkirche. Leider ist sie nur für Sonderveranstaltungen geöffnet. Gegenüber, in einem besonders hässlichen Gebäude aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, befinden sich die Räumlichkeiten der Katholischen Hochschulgemeinde. Das Humboldt-Haus, links neben der Kirche, ist eine beliebte Begegnungsstätte für die rund 5500 ausländischen Studierenden der RWTH. Neben der Theresienkirche schließen sich die Institute für Schweißund Fügetechnik und für Kunststoffverarbeitung in Industrie und Handwerk der RWTH an.

Am Ende der Straße erreichen Sie den Templergraben. Dort steht an der Kreuzung rechts ein gut erhaltener Rest der Barbarossamauer. Diese erste Aachener Stadtmauer wurde auf Befehl Kaiser Friedrichs I. Barbarossa ab 1171 erbaut. Es war die erste Mauer der noch jungen Stadt. Die Mauer war an ihrer höchsten Stelle etwa acht Meter hoch und 2,50 Meter breit. Sie war von einem Graben von bis zu 25 Metern Breite umgeben. Deshalb heißt der innere Aachener Straßenring „Grabenring“. Die Mauer umschloss auf einer Gesamtlänge von etwa 2,4 Kilometern den heutigen Altstadtkern.

Überqueren Sie den Templergraben. Links finden Sie die Räumlichkeiten der Zentralen Studienberatung. In der oberen Pontstraße nimmt die Dichte an Lokalen zu. Dieser Teil wird in Anlehnung an das Pariser Studentenviertel das Aachener „Quartier Latin“ genannt. Bei schönem Wetter könnte dieser Teil der Straße auch in Südeuropa zu finden sein. Kurz bevor sich die Straße verbreitert, sehen Sie an Haus Nr. 117 eine Keramiktafel. Die darauf abgebildete Brieftaube erinnert an Paul Julius Reuter.Er hat in diesem Haus 1850 die Nachrichtenagentur Reuter gegründet. Die Anfänge waren relativ bescheiden. Mithilfe von Brieftauben füllte er eine Lücke in der Telegrafenverbindung. So konnten Börsennotierungen schneller von Brüssel nach Berlin gelangen. Die Agentur hat heute ihren Sitz in London und ist weltweit tätig.

An Heilig Kreuz

Gegenüber sehen Sie die Kirche Heilig Kreuz. Sie steht an der Stelle der ehemaligen Kreuzherrenkirche. Der damalige Dombaumeister Joseph Buchkremer hat sie 1902 im neogotischen Stil aus Blaustein, einem regionalen Kalkstein, erbaut. Das Pfarrhaus links neben der Kirche ist ebenfalls aus Blaustein. Das spätbarocke Haus wurde schon 1738 als Privathaus für den Prior der Kreuzherren errichtet. Der Stil erinnert an Johann Joseph Couven oder an seinen Zeitgenossen Laurenz Mefferdatis.

Sie laufen jetzt direkt auf das Ponttor zu. Dieses Doppeltor ist das einzige Stadttor aus der zweiten Aachener Stadtmauer, das noch eine Vorburg und eine Hauptburg hat. Die zweite Aachener Stadtmauer ist zwischen 1257 und 1350 entstanden. Auch ihren Verlauf kann man im Stadtplan noch erkennen. Sie folgt dem Alleenring. Die Mauer hatte närrische 22 Türme und elf Tore. Das Ponttor wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Steinen aus der geschliffenen Stadtmauer repariert. Die gotische Madonna über dem Torbogen der Hauptburg erinnert an Maria als Schutzpatronin der Stadt.

Gehen Sie links am Ponttor vorbei. Der Weg führt weiter an den Wohnhäusern des Pontwalls, einer stark befahrenen Straße des Alleenrings, vorbei. Sie kommen nun zur Wüllner- straße. An der Ecke steht das Audimax. Richtig heißt es Auditorium Maximum (1952). Es war lange Zeit das größte Hörsaalgebäude der RWTH Aachen. Gehen Sie rechts die Wüllnerstraße hinunter. Adolf Wüllner war 1869 einer der ersten Professoren für Physik an der neuen Aachener Hochschule. Rechts liegen zahlreiche Institute, darunter das für Luft- und Raumfahrt.

Am Templergraben

Linker Hand passieren Sie die Lehrstühle für Bergbau und den für Statistik. Am Ende der Straße erreichen Sie wieder den Templergraben. Links steht die Hochschulbibliothek. Davor sehen Sie Menschen im Gespräch, eine Skulpturengruppe des Aachener Künstlers Heinz Tobolla. Gegenüber können Sie durch ein archäologisches Fenster Reste einer Stützmauer des Wassergrabens sehen, der die Barbarossamauer umgab.

Rechts das Super C, das Servicecenter für die Belange der Studierenden. Es wurde zwischen 2004 und August 2008 nach Plänen der Architektinnen Susanne Fritzer und Eva-Maria Pape erbaut. Seinen Namen verdankt es seiner ungewöhnlich kühnen Form, die an ein gigantisches „C“ erinnert. Hinter dem Super C sehen Sie das 2010 von Professor Peter J. Russell zum Hörsaal- und Seminargebäude umgebaute ehemalige Heizkraftwerk. Es heißt wegen seiner roten Abendbeleuchtung „der Toaster“. Die Transparenz des Super C macht einen freien Blick auf das Hauptgebäude der Technischen Hochschule möglich. Seinen Grundstein legte Wilhelm I. 1865 anlässlich des Jahrestages „50 Jahre Preußen und das Rheinland“. Der ausführende Architekt war der Aachener Landesbaumeister Robert Cremer. Die Technische Hochschule konnte 1870 mit dem Lehrbetrieb beginnen.

Am Kármán

Gegenüber von Super C und Hauptgebäude führt Sie der Weg weiter über das Gelände des Kármán-Auditoriums. Das Vorlesungszentrum mit seinen zahlreichen Sälen ist nach dem ungarischen Maschinenbauer Theodore Kármán benannt. Sie werden zunächst von einem Pegasus begrüßt. Solche Kunststoffpferde dekorierten anlässlich der World-Horse-Parade 2001 und 2005 zur Einstimmung auf das Reitturnier und die Weltreiterspiele 2006 die Stadt.

Gehen Sie an dem Pferd vorbei über den Hof des Vorlesungszentrums. Sie verlassen den Komplex links durch ein barockes Tor. Es gehörte zum Klosterrather Hof, dem Privatpalais der Nadelfabrikantenfamilie Schervier. Treten Sie durch den Bogen hinaus auf die Eilfschornsteinstraße. Hier waren im 19. Jahrhundert zahlreiche Fabriken angesiedelt. Sie sollen zusammen elf Schornsteine besessen haben. Ein Fabrikgebäude, das Backsteingebäude links am Anfang der Straße, ist erhalten. Es gehörte der Tuchfabrik Marx und Auerbach, später Grünzig und Charlier.

Das auf der gegenüberliegenden Straßenseite ausgestellte Maschinenteil gehört zu einer Dampfmaschine. Es verweist auf den Fachbereich Maschinenbau in der unmittelbaren Nachbarschaft. Gehen Sie vom Scherviertor aus rechts die Straße hinunter bis zum Augustinerbach. Im Winter verläuft er unterirdisch. Links sehen Sie das Hauptgebäude des Kaiser-Karls-Gymnasiums. Es wurde 1905 auf dem Gelände des früheren Augustinerklosters für das älteste Aachener Gymnasium errichtet. Das KKG wurde um 1601, ursprünglich als reine Jungenschule, gegründet. Das änderte sich erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Schräg rechts sehen Sie das Kehrmännchen aus Bronze. Den Aachener Straßenkehrern setzte Heinz Tobolla 1973 hier ein Denkmal. Der Weg führt geradeaus in die Kockerellstraße. Sie wurde schon im 13. Jahrhundert als „Kockerei“ erwähnt. Möglich, dass der Ausdruck auf eine Küche oder einen Fasanenhof hindeutet. Am ersten Gebäude links, es gehört zum KKG, hängen die Reste des Wespienhauses. Dieses prächtige Haus war von Johann Joseph Couven für die gleichnamige Tuchmacherfamilie an der Franzstraße erbaut worden. Leider brannte es im Zweiten Weltkrieg fast vollständig ab. Nur diese wenigen Fragmente sind erhalten.

Folgen Sie der Kockerellstraße. Nach etwa 70 Metern sehen Sie rechts in den Augustinerplatz. Blickfang auf dem Platz ist eine Sandsteinstele – eine studentische Gemeinschaftsarbeit zum Thema „Dritte Welt“. Fast am Ende der Straße hat Karl-Henning Seemann sich mit dem Thema „Reiterspiele“ auseinandergesetzt. Die Skulptur ist von 1975. Nach wenigen Metern erreichen Sie die Ecke Jakobstraße/Markt. Wenn Sie sich nach links wenden, kommen Sie zum Ausgangspunkt dieses Rundgangs durch das Aachener „Quartier Latin“ zurück.

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