Aachens Bischof Helmut Dieser und die Kirche von morgen

Von: Claudia Schweda
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Fordert einen Perspektivwechsel: Aachens Bischof Helmut Dieser will Forderungen, kleine Pfarreien zu retten, nicht nachkommen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Aachener Bischof Helmut Dieser kritisiert den Bundestagswahlkampf und einen Umgang mit der AfD, der eine Teilung der Gesellschaft verstärke. „Einen solchen Schlafwagen-Wahlkampf mit solchen Polarisierungen an einem Rand dürfen wir uns nicht mehr erlauben“, sagte er am Mittwoch vor Journalisten in Aachen.

Der Bischof sprach von „Dialogunfähigkeiten“ auf Seiten der AfD, kritisierte aber auch eine mangelhafte Auseinandersetzung mit den Themen, die von der Partei besetzt worden sind. Das Verlassen einer Talkshow und Brüllaktionen seien ebenso abzulehnen wie die Behandlung der Partei als Schmuddelkind. „Der moralisch-oberlehrerhafte Ton gegenüber Menschen, die bei der AfD etwas finden, ist nicht geeignet, der Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken – im Gegenteil“, sagte Dieser.

Dieser bekannte sich zu dem Grundsatz, dass die katholische Kirche keine Urteile über Parteien, sondern nur über politische Inhalte abgebe. Die christliche Haltung zum Thema Flüchtlinge sei ohnehin klar und deutlich gezeigt worden. „Die Kirche war einer der Hauptplayer in der Bewältigung der Flüchtlingskrise“, sagte Dieser, „damit können wir wuchern, und da gibt es auch keinen Rückzieher.“

Wann ist ein Gemeinwesen überfordert?

Zugleich forderte der Aachener Bischof seine eigene Kirche dazu auf, eine differenziertere Position einzunehmen. Es müsse auch über die Frage diskutiert werden dürfen, wann ein Gemeinwesen überfordert ist und wie sich die Aufnahme von Flüchtlingen auf den sozialen Frieden auswirkt. „Trotz des Gebots der Nächstenliebe können wir nicht die Erlöserposition für die ganze Welt einnehmen“, sagte er. Ein Blankoscheck nach dem Motto „Wir schaffen alles“ dürfe nicht blind ausgestellt werden. „Auch der soziale Friede muss unser Anliegen sein.“

Durchaus selbstkritisch merkte Dieser an, dass die Kirche bei diesem Thema im öffentlichen Diskurs möglicherweise „deutlicher mitmischen“ müsse. Den Begriff Obergrenze lehnte der Bischof als nicht biblischen Wert ab. Aber von einer Gesellschaft dürfe nur das erwartet werden, was in ihrer Kraft stehe. „Sie kann nichts Übermenschliches leisten.“

Wie rettet man die Kirche? Und: Soll man das überhaupt?

Seit einem Jahr ist Aachens Bischof Helmut Dieser im Amt. Er ist viel herumgereist, hat zugehört, Gespräche geführt. Bei seinem ersten Medienempfang erinnert er in seiner Rede an seinen Vorsatz, im ersten Dienstjahr keine Grundsatzrede halten zu wollen. Nun, das Jahr ist um. Und am Mittwoch wurde deutlich, dass er recht konkrete Vorstellungen davon hat, wie für ihn eine Kirche aussehen muss, die eine Chance hat, die Menschen auch künftig zu erreichen.

In seinen Besuchen vor Ort sei immer wieder die Bitte an ihn herangetragen worden: „Retten Sie die Kirche! Retten Sie die kleinen Pfarreien!“ Doch Dieser ließ am Mittwoch keinen Zweifel daran, dass er das für den falschen Weg und den falschen Blick hält, weil er rückwärtsgewandt sei. Würde man diesem Impuls folgen, argumentiert der Bischof, würde man damit nur eine Generation erreichen: „die Älteren, die dem verhaftet sind, was sie kennen, und nicht wollen, dass sich etwas verändert.“

Der Bischof beobachtet bei den Hauptamtlichen vor Ort, dass sie mit aller Kraft versuchen, diesen Wunsch zu erfüllen und unter den heutigen Bedingungen das früher gewohnte Gemeindeleben aufrechtzuerhalten. Doch Dieser sieht eben auch die Konsequenz: „In dieser Mühle werden sehr viele müde.“ Seine Forderung lautet: „Wir brauchen einen Perspektivwechsel.“

Früher sei die Kirche, die Gemeinschaft vor Ort geprägt gewesen durch Zugehörigkeit. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch war selbstverständlicher Teil des Lebens. „Es war undenkbar, nicht dort zu sein.“ Wer dort nicht war, gehörte nicht dazu. Doch dieses Dach der Zugehörigkeit gebe es nicht mehr. „Die Logik, die heute greift, basiert auf Zustimmung.“

Der  moderne Mensch: ein Pilger, der kommt und geht

Heute bestimme jeder selbst, ob er ein kirchliches Angebot wahrnehme oder nicht. Das ist für den Bischof die neue Perspektive: Kirche nicht mehr von den Strukturen her zu denken, sondern den einzelnen Menschen in den Blick zu nehmen und mit ihm über das zu sprechen, was ihn beschäftigt, was er vom Leben will, wo er im Leben steht und was ihm Angst macht oder Freude bereitet. Das sei die Basis, auf der man ins Gespräch kommen könne. Dieser geht es um einen Austausch, auf dessen Basis Entscheidungen reifen können – für oder gegen den Glauben, für oder gegen die Kirche.

Moderne Menschen erscheinen dem Bischof wie Pilger, die unterwegs sind, auf der Suche. Sie nehmen Angebote wahr, die Kommunionsfeier, das Hochzeitssakrament, die Weihnachtsmesse. Doch ein Pilger sage auch: „Tschüss, danke!“ Und das sei völlig normal. „Ich muss sie ziehen lassen. Sie wissen noch nicht, wo sie hingehören“, sagte Dieser. Die Hoffnung, dass es am Ende die gibt, die sich zur Kirche bekennen, treibt Dieser an. „Einen anderen Weg des Evangeliums kann ich nicht erkennen.“

Wie nötig eine Umorientierung für die Kirche ist, zeigt für Dieser ein Blick auf junge Menschen. „Wir verlieren die Jugendlichen nicht“, sagte er. „Wir gewinnen sie erst gar nicht. Wo hab‘ ich sie denn bislang? Im langweiligen Religionsunterricht?“ Diejenigen, für die die ältere Generation die alten Strukturen erhalten wolle, wollten nicht in sie hineinwachsen. Der Aachener Bischof ist sich sicher: „Wenn wir jetzt nicht beginnen, neu zu evangelisieren, dann wird es bald keine Kirche mehr geben.“

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