Aachen - Aachener Unternehmen findet und versendet Antikörper

Aachener Unternehmen findet und versendet Antikörper

Von: Axel Borrenkott
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„Nicht trivial”: Dank raffin
„Nicht trivial”: Dank raffinierter Internet-Technologie spürt Antibodies-Online - im Bild die Biologin Peggy Heine - aus einer Million Antikörpern exakt das für das jeweilige Experiment taugliche Protein. Foto: Antibodies

Aachen. „Eine nette Erfolgsgeschichte”, antwortet der Firmensprecher Patrik von Glasow auf die Frage, was es denn über das Unternehmen zu berichten gebe. Wie spannend mag wohl ein Versandhandel von Produkten für hochspezialisierte Experten sein?

„Suchen, Bestellen, Anwenden”, heißt das Motto der Antibodies-Online GmbH. Das ist nur scheinbar trivial. Und im Moment kann das anscheinend niemand auf der Welt besser als dieses regionale Unternehmen.

Schloss Rahe im schönen Aachener Stadtteil Laurensberg war nie ein Schloss, nur ein ehemals feines Landgut. Seit fast 15 Jahren ist es nun als „Business-Center” ein präsentabler Firmensitz für rund ein Dutzend Unternehmen. Antibodies-Online nimmt dort einen Flügel ein, in dem derzeit 50 Mitarbeiter beschäftigt sind. Im vergangenen Jahr waren es noch 15 weniger, vor drei Jahren waren es insgesamt ganze zwölf, nachdem man 2006 zu zweit angefangen hatte, als Untermieter beim Fraunhofer Institut IME. Eine nette Erfolgsgeschichte.

Angefangen hat sie vor etwa acht Jahren, als sich die heutigen Geschäftsführer Andreas Kessell (35) und Tim Hiddemann (36) als Doktoranden der Betriebswirtschaftslehre an der RWTH zusammenfanden. Ein Unternehmen zu gründen hatten beide ohnehin vor und auch schon einige Erfahrung. Den Unternehmenszweck lieferte dann recht bald Professor Peter Mertens, damals Oberarzt am Aachener Uniklinikum. Der Nierenspezialist hatte über zwölf Jahre Antikörper erforscht und entwickelt und wollte sie nun vermarkten.

Antikörper sind wesentliche Bestandteile des Immunsystems, sie bilden sich bekanntlich nach einer Impfung gegen bestimmte Krankheiten. Für die Forschung und die Medizin sind Antikörper wichtig, weil man mit ihrer Hilfe Proteine identifizieren oder auch ihr Fehlen nachweisen kann. Alle Pharmafirmen brauchen sie und unzählige Forscher auf der ganzen Welt, um Medikamente gegen Krankheiten wie Krebs oder Rheuma zu entwickeln. Es gibt mindestens eine Million Antikörper auf dem Markt. Doch jeder Forscher braucht nur ganz bestimmte, die für sein jeweiliges Experiment genau passen.

Die Antibodies-Online GmbH findet diese Nadeln im Heuhaufen für den Forscher und schickt sie ihm zu. Das ist ihr Geschäft, in dem sie bis auf Weiteres die Größten sind. 700.000 Produkte von 130 Anbietern vermitteln die Aachener rund um den Globus. Sie leben davon, dass dieser Markt „wahnsinnig intransparent ist”. Die gleichen Antikörper haben oft verschiedene Benennungen je nach Hersteller, die Beschreibungen ihrer Eigenschaften sind uneinheitlich, Daten passen nicht zueinander.

Das Richtige zu finden ist für den Wissenschaftler eine der schwierigsten Aufgaben. Ein Antikörper kostet ein paar hundert Euro, die falsche Wahl kann aber ein Forschungsprojekt von mehreren hunderttausend Euro zunichte machen. Ein und der gleiche HIV-Antikörper, zum Beispiel, hat zehn verschiedene Namen. Ein Großteil der Krebsforschung, sagt Andreas Kessel, „ist gar nicht mehr nachvollziehbar, weil man nicht weiß, welche Antikörper verwendet wurden”.

„Der Wissenschaftler will weder ein Problem mit der Suche noch mit der Lieferung haben. Wir organisieren das für ihn.” Und das „ist nicht trivial”, sagt Andreas Kessell gleich hinterher. Sondern vor allem etwas für Computer-Spezialisten, um nicht zu sagen Nerds. Ein Drittel der Belegschaft besteht aus Software-Entwicklern. Sie entwerfen ständig neue Programme, um das kaum fassbare Angebot von hunderttausenden Antikörpern in tausenden von Katalogen und Websites der über den Globus verstreuten Lieferanten transparent und vergleichbar zu machen: so dass am Ende so automatisiert und damit so schnell wie möglich exakt die Produkte identifiziert werden können, die von den Forschern nachgefragt wurden.

Eine riesige Verwaltung und permanente Strukturierung von Daten also, mittlerweile schafft man zehntausende fehlerfreie Updates pro Woche, erzählt Software-Entwickler und Ausbildungsleiter Michael Stasius. Sechs Auszubildende betreut er derzeit, die Hälfte davon im dualen Studiengang mit der FH Aachen „Scientific Programming”. Und man sucht sogar noch weitere Auszubildende - und überhaupt „ständig qualifizierte und motivierte Leute in allen Bereichen”.

„Wir wollen uns noch breiter machen”, sagt Andreas Kessell. Die 2000 Forschungsinstitute in 53 Ländern und alle bekannten Pharmakonzerne, die man bislang bedient, decken gerade einmal ein Prozent des Marktes ab. Filialen in Atlanta und Shanghai sind bereits gegründet. Der Forschungsmarkt wächst und der Internethandel erst recht.

Antibodies-Online gründet und gipfelt in ihrer Internet-Technologie. „Eine Kunst, die uns erfolgreich macht”, so Kessel, ist auch, sich in den Internet-Suchmaschinen ganz oben zu platzieren. Hinzu kommt die Expertise von Biologen, die die Kunden intensiv betreuen, sowie Spezialisten für die Online-Vermarktung.

Angaben zu Umsatz und Gewinn macht man nicht. Nur, dass der Umsatz pro Jahr um mehr als hundert Prozent gesteigert werden konnte. Eine nette Erfolgsgeschichte.

Entwicklung einer Plattform mit der FH Aachen

Die Antibodies-Online GmbH ist ein 2006 als Spin-Off der RWTH von Dr. Andreas Kessell (links im Bild) und Dr. Tim Hiddemann gegründetes Aachener Unternehmen, das mit seiner innovativen Internet-Technologie den „weltweit größten Marktplatz für Forschungsantikörper” betreibt.

Infolge einer längeren Zusammenarbeit mit der FH Aachen - im dualen Bachelorstudiengang Scientific Programming - entwickeln die FH und das Unternehmen, sowie die regionale Energiefirma Enet GmbH, gemeinsam eine neue Plattform-Technologie. Mit dieser ETL Quadrat genannten Technologie soll es in Zukunft möglich sein, unstrukturierte Datenmengen schneller und einfacher in ein einheitliches Format zu bringen. Solche Unternehmen müssen täglich aus extremen Datenmengen strukturierte, automatisierte Information machen.

Die Entwicklung der Plattform wird vom Bundesforschungsministerium mit über 600.000 Euro gefördert.

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