Aachener Thomas L. Kemmerich will Erfurts Oberbürgermeister ablösen

Von: Robert Esser
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Auf der Überholspur ohne FDP-
Auf der Überholspur ohne FDP-Logo die Kurve kriegen: OB-Kandidat Thomas L. Kemmerich bietet in Erfurt sechs Kontrahenten die Stirn. Foto: Thüringer Allgemeine/Marco Schmidt

Aachen/Erfurt. Wenn andere kein gutes Haar an seiner Partei lassen, glänzt der Mann mit der Glatze noch mehr. Alles bleibt Kopfsache. Schlagfertig, souverän; Thomas L. Kemmerich ist ein Selfmademan. Sympathisch, erfolgreich.

Seinen Schnitt macht er seit der Wiedervereinigung tief im Osten. Dort verwandelte der Jungakademiker von der Hochschule weg vor 20 Jahren eine Pleite-Produktionsgenossenschaft in ein profund-profitables Friseurladen-Imperium. Immens viel Arbeit, eine traumhafte Karriere. Was tatsächlich nicht seinen einzigen Scheitel, aber die Hälse hunderter Arbeitnehmer gerettet hat. Was zählt.

Kemmerich nimmt sich eben die Freiheit, mittlerweile auch als Berufspolitiker. Nun verzichtet dieser Liberale sogar auf die FDP. Zumindest auf den riesigen Wahlplakaten, mit denen besagter, ziemlich ungewöhnlicher Kandidat gerade in Erfurt für sich wirbt. Er ist Aachener. Und er will jetzt wirklich Oberbürgermeister für die 205.000 Einwohner der thüringischen Landeshauptstadt werden - am kommenden Sonntag, 22. April, wählt die größte Stadt Thüringens ihren neuen OB.

Ein echter Verkaufsschlager

Hinderlich könnte für Kemmerich nicht nur seine politische Heimat, sondern seine persönliche Herkunft sein. Sollte man meinen. Kemmerichs ganze Familie stammt aus der Kaiserstadt. Viele Verwandte agierten hier politisch; aktiv, auch erfolgreich. Allerdings nicht für die FDP. Und Thomas L.? Nach dem Abitur am Bischöflichen Pius-Gymnasium studierte er Jura in Bonn, BWL an der RWTH. Dann kam die Wende - für Ostdeutschland und für Kemmerich. Jetzt ist der 48-Jährige Aufsichtsratsvorsitzender der Friseur Masson AG mit 46 Filialen. So etwas nennt man einen mutigen Schnitt; oder Verkaufsschlager. Kemmerichs aktuelle Hitliste: Er errang ein FDP-Landtagsmandat im Freistaat, sitzt neben zwei weiteren Liberalen im Erfurter Stadtrat, steht als Fußballfan mit dem FC Rot-Weiß in der dritten Liga und verfolgt, viertens, ein äußerst ambitioniertes Ziel: weit mehr als fünf Prozent der Kreuzchen holen.

Der Vater von sechs Kindern formuliert das so: „Über sieben Prozent hatten wir bei der Kommunalwahl, das war schon Rekord. Aber da sollte bei einer Persönlichkeitswahl mehr drin sein. Ich will dem Favoriten ein Bein stellen, zumindest eine Stichwahl erzwingen.” Kemmerich will mehr als einen Achtungserfolg, sogar mehr als die neun Prozent in Thüringen bei der jüngsten Bundestagswahl. Nur in den Top Ten - das reicht ihm einfach nicht. Jetzt zählts.

Der Favorit heißt Andreas Bausewein, genießt als volksnaher OB naturgemäß Amtsbonus, versteckt sein SPD-Parteibuch im Wahlkampf ebenfalls in der Anzugstasche und setzte sich 2006 mit 60,2 Prozent der Stimmen gegen seinen CDU-Kontrahenten durch. Damals gabs eine Stichwahl. Obwohl Bausewein gebürtiger Erfurter ist. Der gebürtige Aachener Kemmerich ist 2012 einer von insgesamt sieben Bewerbern für den OB-Sessel in Erfurt. Was Fragen aufwirft: Was treibt einen erfolgreichen Unternehmer an, unter solch unvorteilhaften Vorzeichen ins Rennen zu gehen? Als „Besserwisser-Wessi” im Osten, als Profiteur der Wiedervereinigung?

„Nein, so verstehe ich mich nicht, so fühle ich nicht. Und so werde ich in Thüringen auch nicht gesehen”, stellt Kemmerich im Gespräch mit unserer Zeitung klar. „Ich bin seit 22 Jahren in Erfurt, also mein halbes Leben. Hier bin ich zu Hause, hier habe ich erst als Berater, dann selbst als Unternehmer beruflichen Erfolg für meine Mitarbeiter und mich erreicht. Und hier weiß ich - deswegen - wie man welche Sachen besser machen muss”, erklärt er. Bei Westzipflern löst das zuweilen Verwunderung aus: Fast ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit spielt die „westliche Herkunft” des Kandidaten Kemmerich offenbar im Wahlkampf nicht mal eine untergeordnete Rolle.

Wirklich? Die örtliche Presse und die Widersacher vor Ort stimmen zu. „Etwas anderes hätte mich auch enttäuscht”, sagt der FDP-Mann. „Hier geht es um Personen und vor allem um Sachthemen. Das wissen die Leute; und sie wissen genau, dass ich Erfurt kenne, liebe und genau weiß, was wo zu tun wäre.” Er war hier Prinz Karneval, aber jetzt ist Schluss mit lustig: Nicht nur beim Stichwort „Stadionneubau” fallen erstaunlich kritische Parallelen zu seiner um kaum 45.000 Bürger größeren Geburtsstadt Aachen auf.

Kemmerich gilt als glühender Verfechter der geplanten neuen, zig Millionen teuren Arena anstelle des verstaubten Steigerwaldstadions für den aufstrebenden FC Rot-Weiß Erfurt. Dennoch: „Ich beobachte als Alemannia-Anhänger mit großen Schmerzen, was sich in meiner alten Heimatstadt abspielt”, sagt er. Zwischen Hoffen und Bangen: „ Ich bete dafür, dass es keine Relegationsspiele zwischen Erfurt und Aachen um einen Platz in der 2. Liga gibt”, sagt Kemmerich. Und stellt dann ganz nüchtern fest, was im Westzipfel versäumt wurde. „Was in Aachen in Sachen Stadionneubau fahrlässig falsch kalkuliert wurde, darf Erfurt nicht passieren. Das ist uns ein lehrhaftes Beispiel. Man darf nicht durchdrehen, nicht größenwahnsinnig werden. Aber unser neues Stadion ermöglicht Erfurt wichtige Wachstumsimpulse - ganz ohne Frage. Dazu stehe ich.”

Der smarte Liberale spricht Klartext. Kemmerich kritisiert die überalterte technische Verwaltungsstruktur seiner östlichen Wahlheimat: „Das Grünflächenamt katalogisiert, wie dick Baumstämme in Erfurt sind. Andere Außendienstler malträtieren hier mit dem Zollstock Außenterrassen unserer Wirte. Da gibt es sicher sinnvollere Betätigungen für das Verwaltungspersonal”, betont der OB-Kandidat. „Der Investitionsstau ist abenteuerlich. Das muss hier alles viel moderner werden.”

Apropos: „Unsere verwaltungsinterne Computervernetzung ist nicht besser als vor 20 Jahren”, klagt der OB-Kandidat. „Das ist für die Bürger schrecklich und immer mit höherem Zeitaufwand verbunden.” Kemmerichs Fazit: „Wir könnten mit einer moderneren Verwaltungsstruktur hunderte der über 3000 Verwaltungsstellen einsparen. Das spart tatsächlich Geld für den Steuerzahler, ohne irgendwen vor seiner Zeit entlassen zu müssen.” Verschlankung der Verwaltung sei oberstes Gebot. Mehr als ein Viertel ihres Budgets investiere die Stadt in administrative Aufgaben, bei 650 Millionen Euro Haushaltsvolumen.

Höhepunkt der Misswirtschaft

„Seit Jahren werden im Zwölf-Monats-Rhythmus Grund- und Gewerbesteuern erhöht, um das Budget irgendwie halten zu können”, kritisiert Kemmerich. Und er betont: „Die zuletzt eingeführte Bettensteuer für die Hotellerie zeigt auf dem Höhepunkt dieser Misswirtschaft, dass man nur hilflos an Symptomen der Haushaltsprobleme herumdoktert.” Ähnlich prekär sei die Lage auf dem Wohnungsmarkt.

„Auch hier gibt es in Erfurt eine ähnliche Entwicklung zu Aachen, obwohl wir nicht mit fast 50.000, sondern rund 9000 Studierenden rechnen: Wir benötigen dringend preiswerte Wohnraumkonzepte.” Zumal man zuletzt 2000 Zuzügler pro Jahr zählte. „Das ist natürlich klasse!” Aber: Dies habe die Mieten in der Erfurter Innenstadt in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 25 Prozent in die Höhe getrieben.

„OB Bausewein ist nett; aber er lässt einfach zu viel liegen”, sagt OB-Kandidat Kemmerich. So wie die FDP Stimmen liegen lässt. Jedenfalls außerhalb Erfurts. Schuld trage vor allem die Berliner Parteispitze. „Da sind zu viele Menschen entgegen ihrer Überzeugung unterwegs”, moniert Kemmerich Berliner Profilierungsversuche und selbstsüchtige Attitüden. Der Ex-Aachener und Neu-Erfurter tickt einfach anders. Vielleicht gelingt dem berufspolitischen Frisur-Spezialisten noch eine Wende, ein Christian-Lindner-Effekt, womöglich wegweisend auch für die bundespolitische FDP-Prominenz. Man kennt sich. Man weiß, was Appetit macht. Und was nicht.

Was frisst der Wähler? Hilft Westerwelle, helfen Rösler, Bahr oder Lindner im Wahlkampf-Endspurt? Kaum. Kemmerich bremst die Parteifreunde. Er verlässt sich lieber auf den eigenen Kopf. Und wer bei ihm ein Haar in der Suppe gefunden haben will, dem bietet der gebürtige Aachener die Stirn. Als Unternehmer, Landtagsabgeordneter, glücklich verheirateter sechsfacher Vater von Kindern zwischen vier und 15 Jahren. Dazwischen spielt sich Wachstum ab, vielleicht auch am 22. April.
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