Aachener Tanzprojekt „Jutac“: „Ich fühle mich jetzt sicherer“

Von: Katharina Gerstheimer
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Tanzpädagogin Yvonne Eibig und ihre Kompanie arbeitet an ihrem aktuellen Stück „Comfortzone“: Die Tänzer und Tänzerinnen können Teile der Choreographie selbst entwickeln. Foto: Harald Krömer
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Tanz kann neue Perpektiven eröffnen: Tanzpädagogin Yvonne Eibig mit Tanzschülerin Jana.

Region. Dimitra presst ihren Rücken fest auf den alten Turnhallenboden. Kaum sichtbar schiebt sie sich mit leichten Beinbewegungen nach hinten, weg von der Holzbank unterhalb des Hallenfensters. Ihr schwarzes Haar wischt über das mit Schlieren schmutziger Turnschuhe bedeckte Linoleum. Ihr Blick ist konzentriert, ihr Gesicht angespannt. Zwei Arme liegen fest auf ihren Schultern.

Sie gehören Leandra, die hinter ihr kniet und mit kurzen Schritten Dimitras Richtung folgt. Eine klare Frauenstimme unterbricht die stille Zweisamkeit: „Lass dich ziehen, Dimitra! Vertrau ihr! Gib die Kontrolle ab!“

Körperbeherrschung. Technik. Emotion. Vertrauen in das eigene Können und die Stärke der anderen. Was wie eine einfache Partnerübung wirkt, ist in Wirklichkeit eine komplexe Herausforderung für Körper und Geist. Dimitra (8) und Leandra (10) sind das mittlerweile gewohnt. Seit einem Jahr sind beide Teil der zeitgenössischen Jugendtanzkompanie „Junger Tanz Aachen“ (Jutac). Gemeinsam mit elf weiteren Kindern zwischen acht und zwölf Jahren stecken sie gerade mitten in den Proben für ihr neues Stück „Comfortzone“.

Es bedarf ein wenig Fantasie, um sich die Szene als Teil eines 15-minütiges Stücks über Rückzug, Gelassenheit und Freizeit vorzustellen. Doch die Gruppe versucht nicht nur auf, sondern auch neben der Bühne die Ruhe zu bewahren. „Ich kenne das alles gut genug, um zu wissen, dass bald der magische Moment kommt“, erzählt Yvonne Eibig.

Sie begleitet die jungen Tänzer bei den intensiven Proben, gibt technische Anweisungen und behält das große Ganze im Blick. Die Aachener Choreographin und Tanzpädagogin ist die künstlerische Leiterin von Jutac. Der magische Moment, das ist der Punkt, an dem alles zusammen kommt: Körperbeherrschung, Emotion, Technik und Vertrauen.

Bis dahin sind die Proben für Yvonne Eibig und ihre Kollegin Fatima Niza ein Balanceakt. Auf der einen Seite sollen sich die Kinder im Tanz frei ausleben. Sie bringen eigene Ideen ein, entwerfen einen Großteil der choreographischen Elemente selbst. So überraschen Dave und Christos, die ein wenig abseits der beiden Mädchen ihre eigene Nummer üben, Yvonne mit einem neuen Hip-Hop-Schritt, den sie selbst in ihre Choreographie eingebaut haben. „Die Kinder sind sich ihrer eigenen Kreativität oft nicht bewusst,“ sagt Yvonne Eibig, als die zwei Jungs auf die Frage, wie sie darauf gekommen sind, mit den Achseln zucken.

Die Aufgabe von Yvonne Eibig und Fatima Niza besteht also nicht nur in der Vermittlung tänzerischer Grundlagen. Sie achten darauf, dass die Kinder aus der Interaktion lernen und ein Verständnis für den Schaffensprozess entwickeln.

In der Turnhalle tanzen insgesamt sieben Kinder, die alle verschiedene soziale und kulturelle Erfahrungen mitbringen. Ein Großteil der Projektteilnehmer stammt aus der KGS Beeckstraße, einer katholischen Grundschule in Aachen, die als sozialer Brennpunkt gilt. Jutac vereint Migrationshintergründe, Lernbehinderungen und verschiedene Bildungshintergründe – ein Projekt mit hohem pädagogischen Anspruch also.

Jedes der Kinder bringt seine eigene Geschichte mit. Leandra, die bei den Proben selbstbewusst und engagiert bei der Sache ist, erzählt, dass sie an der Schule lange gemobbt wurde. „Eine Zeit lang wollte ich nicht mehr zur Schule gehen, weil ich Angst hatte. Das Tanzen hat mir gezeigt, dass ich etwas gut kann. Ich fühle mich jetzt sicherer.“ In der Gruppe hat sie ihren Platz gefunden. Am Ende der Probe kuschelt sie sich im Sitzkreis an Dimitra. Die beiden sind durch die gemeinsame Arbeit Freundinnen geworden. „Wir passen hier aufeinander auf“, erklärt Dimitra. „Bei uns sagt keiner: ‚Ey, bist du hässlich‘.“

Der vierstündige Probenmarathon verlangt nicht nur den Kindern, sondern auch ihrer Lehrerin höchste Konzentration ab. Erst als sich die Halle geleert hat, hat sie Ruhe und Distanz, um ihre Schützlinge reflektiert zu betrachten. Sie wisse, dass das Projekt, das seit fast zwei Jahren ein finanzielle Förderung vom Bundesverband „Tanz an Schulen“ erhält, schnell auf Schlagwörter wie Inklusion und Integration reduziert wird. Daher achte sie darauf, die Gruppe auch für Kinder aus höheren Bildungsschichten oder gutbürgerlichen Familien zu öffnen.

Sie erklärt, dass die jungen Tänzer und Tänzerinnen durch Begegnungen außerhalb ihres gewohnten sozialen Umfelds offener werden und neue Perspektiven entdecken. Jutac soll kein abgeschottetes Sozialprojekt sein, sondern Raum für Kreativität, Interaktion und Freude am Tanz bieten.

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