Aachener Sturzpass: Ein leichter Selbsttest gegen fatale Stürze

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Entwickelte den Sturzgefahr-Selbsttest mit: Professor Hans-Christoph Pape, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie im Uniklinikum Aachen. Foto: Roeger
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Zu spät: So wie diese Gliederpuppe sollte niemand stürzen. Zur Selbstkontrolle, wie gefährdet man ist, wurde jetzt der Aachener Sturzpass entwickelt. Foto: stock/imagebroker

Aachen. Der Stolperer über die Teppichkante, die verpasste Treppenstufe, Schwindelgefühl, ein zufälliges Anrempeln auf dem Fußgängerüberweg, und es kommt zum plötzlichen Sturz. Mit dem Lebensalter erhöht sich das Risiko eines Unfalls. Und nicht immer bleibt es bei blauen Flecken, im Gegenteil.

Becken-, Arm und Schenkelhalsbrüche gehören zu den häufigsten akuten Sturzverletzungen (Traumata), die Professor Hans-Christoph Pape, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie im Universitätsklinikum Aachen, sieht. „Vieles könnte man allerdings vermeiden“, betont er. „Und am besten, man wird dabei selbst aktiv.“ Damit war die Idee geboren, den „Aachener Sturzpass“ zu entwickeln.

Gemeinsam mit den Physiotherapeuten der Klinik, der Gesellschaft für Geriatrie und Unfallchirurgie sowie mitfinanziert von der AOK in Aachen wurde ein Heft im Pass-Format erstellt, das jedermann kostenfrei nutzen kann. Unsere Redakteurin Sabine Rother sprach mit Hans-Christoph Pape über die Hintergründe.

Was sollte man grundsätzlich beachten, um einem Sturz und den Folgen vorzubeugen?

Pape: Ja, es gibt verschiedene Segmente, die man überwachen kann um sein Gleichgewicht zu stabilisieren. Vor 20 Jahren ist man davon ausgegangen, dass zunehmende Unsicherheit altersbedingt und unausweichlich ist, doch das stimmt nicht. Heutzutage weiß man, dass sich durch gezieltes Training selbst bei Menschen, die bereits sturzanfällig sind, die Situation verbessern lässt und das bis ins hohe Alter.

Was ist das Besondere beim Aachener Sturzpass?

Pape: Der Nutzer wird auf sehr unkomplizierte Weise in die Verantwortung genommen, und wir vermitteln ihm, wie das geht. Es gibt zwei Selbsttests und eine Selbsteinschätzung. Die Entscheidung, den Arzt aufzusuchen und ihm sogar den Pass zu zeigen, liegt dann beim Passinhaber, der sein Testergebnis ja sieht.

Sind Menschen, die Angst vor dem Stürzen haben, besonders gefährdet?

Pape: Nicht nur die Beweglichkeit des Körpers wirkt sich aus, selbstverständlich auch das Bewusstsein davon. Gerade diejenigen, die gefährdet sind, haben Angst, trauen sich immer weniger zu und stürzen dann erst richtig schlimm. Das ist ein echter Teufelskreis.

Die Angst vor dem Sturz führt also oft sogar zum Sturz?

Pape: Genau. Die Fachgesellschaften für Geriatrie und Unfallchirurgie haben zu dieser Problematik eine umfangreiche Liste von Risikofaktoren erstellt, dazu gehören Herzerkrankungen und Krankheiten des Ohres, die das Gleichgewicht beeinträchtigen.

Wie wirkt sich das auf den Inhalt des Sturzpasses aus?

Pape: Beim Selbsttest gibt es zunächst zehn überschaubare Fragen, in denen wir zum Beispiel nach dem Hören und Sehen fragen, nach Ängsten, Unsicherheiten, Gehhilfen, bereits erlittenen Stürzen und Begleiterkrankungen wie Parkinson, Osteoporose, Arthrose und Rheuma. Wer da häufig das „Ja“ ankreuzt, weiß selbst schnell, dass er gefährdet ist.

Wie sieht die ideale und von Ihnen beabsichtigte Reaktion aus?

Pape: Wir wollen ein Bewusstsein für Sturzprophylaxe bei denen schaffen, die es unmittelbar betrifft. Ich denke, Sturzprophylaxe ist eine selbstbestimmte Angelegenheit. Und wir haben bewusst eine Form von Eigenuntersuchung ermöglicht. Wer ehrlich zu sich selbst ist, kann noch vor dem Arzt sein Risiko einschätzen, sollte dann allerdings zum Hausarzt gehen.

Nennen Sie doch einmal ein Beispiel für diese Selbstkontrolle.

Pape: Man stellt etwa fest, dass man vielleicht im August drei Mal fast gestürzt ist, dass es vielleicht sogar zu einem Sturz gekommen ist, der aber keine ernsthafte Verletzung nach sich zog. Es gibt Übungen der Physiotherapie, die die Stabilität trainieren. Der Betroffene wird aktiv. Nach sechs bis acht Wochen kann er sich wieder besser kontrollieren, den neuen Test machen und das im Sturzpass dokumentieren.

So ein Pass funktioniert also nur, wenn die Benutzer ehrlich mit sich sind?

Pape: Wer ehrlich zu sich selbst ist, kann noch vor dem Arzt sein Risiko einschätzen. Das ist aber kein Problem, denke ich, denn man zeigt den Pass ja normalerweise nicht allen Leuten. Man kann damit zu Hause feststellen, ob man sich verändert hat. Und wenn sich etwas verschlechtert hat, geht man zum Arzt, der nach Ursachen sucht und seine Untersuchungen vornimmt, bevor etwas passiert.

Die Zahl von Risikofaktoren ist hoch und normalerweise unübersichtlich. Wie haben Sie Fragen und Ratschläge entwickelt?

Pape: Wir haben im Sturzpass eine Liste dieser Faktoren aufgenommen, da kann jeder schauen, was ihn betrifft. Die Fragen sind standardisiert. Sie stammen unter anderem von den Gesellschaften für Geriatrie und Unfallchirurgie. Es gibt rund zehn, fünfzehn verschiedene Fragebögen, die wir gemeinsam mit unseren Physiotherapeuten ausgewertet haben. Wir haben schließlich diejenigen Fragen ausgewählt, die am leichtesten zu beantworten waren und mit denen sich die Problematik gut einschätzen lässt.

Zehn Fragen, die leicht zu bewältigen sind. Was führte dazu, dass genau sie ausgewählt wurden? Sie klingen eher harmlos.

Pape: Sie decken aber alle Teilaspekte der Problematik ab, das ist wichtig, zum Beispiel Fragen nach Problemen mit Hören und Sehen, dem Gleichgewicht und dem Gedächtnis, das betrifft das Gehirn, also könnte eine allgemeine Leistungsstörung vorliegen.

Spielen Medikamente eine Rolle?

Pape: Wir fragen nach Beruhigungs- und Schlafmitteln. Da kann man schon auf den Gedanken kommen, dass deren Einnahme zu Unsicherheit führt. Und dabei kann man sich selbst sehr gut und ehrlich kontrollieren.

Wie ist der „Test mit Partner“ entstanden?

Pape: Wir haben relativ lange überlegt, welchen Test wir zusätzlich zu den zehn Fragen wählen. Es gibt verschiedene Testungen, die nur mit ärztlicher Begleitung und mit Fachleuten funktionieren. Hier hat man nach zehn Sekunden eine Aussage. Man braucht nur jemanden, der ein bisschen aufpasst und einen Moment bei einem steht. Der Test stammt aus einer Alterstrauma-Evaluation, also einem Beurteilungsschema der Fachgesellschaft.

Was genau muss man tun und warum sollte das mit Partner ausprobiert werden?

Pape: Es geht darum, mit den Füßen dicht beieinander zu stehen, nicht zu schwanken. Wichtig ist ein geringes Sturzrisiko während des Tests, ein Partner gibt Sicherheit. Es ist andererseits nicht so, dass man etwas sehr Schwieriges machen muss, dass man vielleicht plötzlich mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen soll. Aussagekräftig ist aber dieser Test schon.

Was sagt dieser Selbsttest II noch aus, was erkennen Sie daraus.

Pape: Er sagt zunächst lediglich aus, dass jemand grundsätzlich sicher oder unsicher ist. Er sagt nicht aus, warum, doch er signalisiert im Ernstfall, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Es kann sein, dass das Gespür in den Füßen schlecht geworden ist, weil eine schwere Zucker-Erkrankung vorliegt und Nerven in den Füßen abgestorben sind, oder dass das Gleichgewichtsorgan nicht in Ordnung ist.

Was tun, wenn dieser schlichte Test nicht funktioniert?

Pape: Das ist ein klares Alarmsignal. Dann sollte man zum Arzt gehen, dringend, und sich gründlich durchchecken lassen.

Sie appellieren an den mündigen Patienten, der auf dieses Warnsignal reagiert?

Pape: Wir gehen davon aus, dass derjenige, der sich die Mühe macht, die Fragen mehrfach im Abstand von einigen Wochen zu beantworten, auch Interesse an seiner Gesundheit hat und Stürze aktiv vermeiden will. Zunehmend haben wir Patienten, die im Internet ihre Krankheit gegoogelt und dabei gesehen haben, dass man selbstständig Prophylaxe betreiben muss und kann.

Was wäre für Sie der ideale Effekt des Sturzpasses?

Pape: Der Nutzer sollte bemerken, wenn sich bei ihm etwas verändert, seine Sturzgefahr zunimmt und die Werte nicht mehr unbedenklich sind. Dann geht er zu seinem Hausarzt. Hierzu muss er die Tests, wie angegeben, mehrfach wiederholen.

In welchen Abständen sollte man sich selbst testen?

Pape: Jeweils nach sechs bis acht Wochen ist der Test zu wiederholen. Das ergibt ein gutes Bild, ob sich der Zustand verschlechtert.

Muss man das für längere Zeit tun, eventuell auch weiterhin durch Kopien von den Sturzpassseiten?

Pape: Nein. Man kann jedoch den Pass Hausarzt geben, der ihn auswertet. Bei Herzerkrankungen übernimmt das der Kardiologe.

Im Pass werden sogar Name und Anschrift des Benutzers eingetragen, gleichfalls Hausarzt und nächster Angehöriger.

Pape: Ja, falls doch einmal etwas passiert. Der Pass kann im Jackett und in der Damenhandtasche untergebracht werden, das ist ganz wichtig, eine zusätzliche Unterstützung. Und das Heft hat ja wirklich die Größe eines Passes.

Wie geht es weiter?

Pape: Wir werden alles in Kooperation mit den Physiotherapeuten nach eineinhalb Jahre auswerten. Wir laden zusätzlich Patienten ein, die uns ihre Erfahrungen schildern. Wir erreichen diese Patienten über die Ambulanz oder die Physiotherapie. Wir haben ja Fallmanagerinnen, die die Entlassung aus der Klinik und die Reha planen. Es wurden drei Masterarbeiten an Studierende im Bereich der Physiotherapie ausgeben, die den Sturzpass wissenschaftlich auswerten.

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