Aachener Softwareunternehmen Inform optimiert Betriebsabläufe

Von: Thorsten Karbach
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Ausgebucht: Das 42. Unternehmerforum von IHK und „Aachener Zeitung“ fand wieder viele interessierte Besucher (oben). Inform-Geschäftsführer Adrian Weiler (rechtes Bild, links) stellte sich den Fragen von Moderator und AZ-Redakteur Thorsten Karbach. Auf dem Inform-Campus in Aachen-Oberforstbach arbeiten mehr als 550 Mitarbeiter. Foto: Andreas Herrmann (2), Andreas Steindl
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Präsentiert sein Unternehmen beim 42. AZ-IHK-Forum: Adrian Weiler, Geschäftsführer der Aachener Inform GmbH. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Adrian Weiler liebt Störungen. Das sagt er selbst und lacht dabei. Störungen sind seine Welt, mit Störungen rechnet seine Firma. Buchstäblich, denn die Aachener Inform GmbH steht für Software, die sofort reagiert, wenn der Lastwagen eines Kunden eine staureiche Route vor sich hat oder bei einem Maschinenbauer ein Bauteil defekt ist und – eigentlich –die ganze Produktion gestoppt werden würde.

Inform-Software zeigt hier ganz automatisch alternative Wege auf. Adrian Weiler ist der Geschäftsführer der Firma, die er am 15. Juni in unserem IHK-Forum vorstellt – es ist das 42. seiner Art.

Es ist nicht vermessen zu behaupten, in Deutschland gebe es kein Unternehmen wie die Inform GmbH. In einzelnen Segmenten mag es Konkurrenten geben, aber derart allumfassend steht keine zweite Firma in Deutschland für „Advanced Optimization“. Übersetzt heißt das so viel wie fortschrittliches Optimieren. Das bedeutet: Eine Software gibt Arbeitsabläufe beispielsweise bei einem Maschinenbauer oder auf einem Flughafen vor. Sie folgt einer Optimierungslogik, die letztlich die Produktivität steigert und Betriebsabläufe verbessert. Basis des Ganzen sind Algorithmen. 20 verschiedene Produkte vertreibt Inform.

Kurz vor Weihnachten 1968 gründete Hans-Jürgen Zimmermann die Inform GmbH. 1969 wurde diese dann ins Handelsregister eingetragen, begann die Arbeit. Bis 1985 war es noch ein kleines Team, das agierte. Die Zeit war noch nicht reif, es fehlten die Daten, um gewinnbringende Optimierungssysteme zu schaffen. Denn: je mehr Daten vorliegen, umso besser arbeitet ein solches System.

In mehr als 40 Ländern

In mehr als 40 Ländern sind mittlerweile mehr als 1000 Systeme bei ebenso vielen Kunden der Aachener installiert: bei Industrie-, Transport- und Handelsunternehmen, an Flughäfen, in Häfen, in Container und Logistikzentren. Die Mehrheit der Kunden ist groß und international unterwegs.

Ein paar Beispiele machen greifbar, was das bedeutet:

Beispiel 1: In der Meyer Werft in Papenburg werden Kreuzfahrtschiffe gebaut. Und was für welche! Riesig sind sie und bestehen aus zigtausend Teilen. Die müssen in der richtigen Reihenfolge montiert werden, dürfen den Kränen und Gabelstaplern nicht im Weg stehen. Kreuz und quer bewegen die sich über das Schiff, die Szenerie erinnert an einen Ameisenbau und doch ist jede Fahrt, jede Bewegung genau vorgegeben – vom System der Inform GmbH. Denn so viel ist klar: Effizient und schnell muss ein solche Kreuzfahrtschiff gebaut werden, jede Leerfahrt des Gabelstaplers bremst den Fortschritt. „Das System ist 20 bis 30 Prozent besser als jedes Bauchgefühl eines erfahrenen Disponenten“, erklärt Weiler. Noch dazu werden diese erfahrenen Disponenten immer seltener. Und der Clou der Technik: Sie läuft in Echtzeit. Gibt es also ein unvorhergesehenes Problem wie einen ausgefallenen Kran oder ein fehlerhaftes Bauteil, dann wird die gesamte weitere Fertigung automatisch angepasst. Alle Aufgaben werden vom System immer simultan betrachtet. Welcher Mensch soll das können bei zigtausend Arbeitsschritten?

Beispiel 2: Die Autos, die Ford in Köln produziert, gehen auf Schiffen, Zügen und Lastwagen quer durch Europa. Doch zunächst einmal stehen sie auf unfassbar großen Parkplätzen. 15 000 Autos. Hofmanagement nennt Weiler das, was in so einem Fall gefragt ist. Es müssen möglichst viele Autos abgestellt werden, die Position jedes Autos muss aber auf die Abfertigung, also die Verladung auf Schiff, Zug oder den Lastwagen, abgestimmt werden. Rangieren wäre Zeitverlust. Und auch der Transport quer durch Europa wird von einem Inform-System gesteuert. Je nach Ziel ist mal das Schiff, mal der Zug das bessere Verkehrsmittel. Welche großen Schiffe fahren wann ab welchem Hafen? Streikt die Bahn? Gibt es eine Signalstörung?

Je mehr Daten vorliegen, umso präziser kann das System arbeiten. Und es werden immer mehr Daten verarbeitet. „Wir machen aus all diesen Daten bessere Entscheidungen“, erklärt Weiler. Alle drei Minuten wird in diesem Fall europaweit ein neuer (Transport-)Plan berechnet. „Je störanfälliger die Umgebung ist, umso mehr kommt unser System zum Tragen. Wir lieben diese Störungen“, sagt Weiler. Und: „Wir sind Retter. Und ein Retter zu sein, macht Spaß.“

Beispiel 3: Der US-amerikanische Kurierdienst und Logistiker FedEx fertigt jede Nacht etwa 17 Millionen Pakete am Flughafen von Memphis ab – mit einem Inform-System. 250 Maschinen starten und landen binnen sechs Stunden. 12 000 kleine Traktoren bringen die Ladungen. Auch hier muss jeder Weg klar vorgegeben sein. jede Minuten zählt. Nein, jede Sekunde ist es, die zählt. Die Abläufe in Paketzentren werden mit Inform-Systemen auch bei der Schweizer Post und bei Hermes gesteuert.

Beispiel 4: Der Flughafen von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia ist das größte Drehkreuz der Welt. Und für die US-Fluglinie Delta, die jedes Jahr 175 Millionen Passagiere bewegt, ist es der entscheidende Ort. 15 000 Mitarbeiter umfasst das Bodenpersonal in Atlanta, und jeder Handgriff muss sitzen. Wenn nicht, kommt es schnell zu Verspätungen, werden gar Kettenreaktionen ausgelöst.

Weil Delta mit der Aachener Software vor Ort die geringsten Abflugverspätungen aller US-Airlines aufweist, setzen auch viele andere Fluglinien auf Inform-Software.

Beispiel 5: Die Autos auf den Parkplätzen der Ford-Werke stehen in dichten Reihen, eines neben dem anderen. Das ist bei den Containern im Hamburger Hafen nicht anders. Und auch hier müssen die Container in einer bestimmten Reihenfolge wieder verladen werden können. Allein: Sie stehen nicht nur nebeneinander, sie werden auch noch übereinander gestapelt – und das immer höher. „So ein Container-Zwischenlager ist wie ein gigantisches dreidimensionales Puzzle“, beschreibt es Adrian Weiler. Und es wird immer größer, sämtliche Großhäfen melden steigende Containerverladungen. Wenn dort also fünf statt zwei Container übereinander gestapelt werden, dann nimmt die Komplexität gleich um ein Vielfaches zu. Doch auch damit können die Inform-Systeme rechnen.

800 000 Arbeitsschritte

Die Liste beeindruckender Beispiele ließe sich locker fortführen. 40 Prozent aller australischen Betontransporte werden von einem Inform-Optimierungssystem gesteuert – es geht um mehr als 1000 Lastwagen am Tag. Für Maschinenbauer ist es interessant, wenn es darum geht, die Arbeitsschritte in der Produktion flexibel anzupassen. 220 mittelständische Betriebe arbeiten mit Inform-Software,

Mehr als 550 Mitarbeiter hat die Inform GmbH mit ihren sechs Geschäftsbereichen aktuell. Tendenz steigend. Sie kommen aus 35 Ländern. 70 Prozent sind Mathematiker, Informatiker und Physiker. „Menschen, die Spaß am Puzzeln haben und bei uns sozusagen ihren eigenen Flughafen bekommen“, sagt Weiler. Die meisten anderen Beschäftigten sind Betriebswirtschaftler, die die Produkte dann zu den Kunden bringen. Das Unternehmen wächst, auch räumlich. „Wir glauben an den Standort Aachen“, sagt Weiler, der aus dem Saarland nach Aachen kam. Der 59-Jährige ist seit fast 30 Jahren Geschäftsführer, Gründer Hans-Jürgen Zimmermann nun wissenschaftlicher Beirat.

Mittlerweile verteilt Inform sich auf eine Handvoll Gebäude in Oberforstbach, einem kleinen Stadtteil im Aachener Süden. 1990 ist hier das erste Haus bezogen worden. 1998 wurde erstmals angebaut. Die Gebäude bilden eine Art Campus, ein weiterer Ausbau ist geplant. Büros gibt es zudem in Frankfurt und Reutlingen. In USA, Hongkong, Australien und vielen anderen Ländern arbeitet man mit Partner zusammen.

Am Hauptsitz gibt auch zwei Kindertagesstätten für den Nachwuchs der Mitarbeiter. Mit der benachbarten Firma Gypsilon hat Inform einst die erste Betriebskita Aachens gegründet. „Das Wohlergehen unserer Mitarbeiter ist extrem wichtig. Sie brauchen Freiheiten“, sagt Weiler.

Diese Freiheiten zahlen sich aus: Die letzten 30 Jahre hat die Inform GmbH immer mit Gewinn abgeschlossen – und das ohne einen Investor. Schnellerer Wachstum wäre mit einem Investor zwar möglich, ist aber nicht erwünscht. Schritt für Schritt geht es voran. „Wir wachsen von selbst“, betont der Geschäftsführer. Retter werden immer gesucht.

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