Aachener Schülerinnen auf den Spuren der dunkelsten Vergangenheit

Von: Stephan Mohne
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stolpersteine
Kurz nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 mussten acht jüdische Schülerinnen auf Geheiß der Nazis das Aachener St.-Ursula-Gymnasium verlassen. Eine von ihnen war Ruth Levy, die später im KZ ermordet wurde. In Aachen erinnert ein „Stolperstein“ an sie. Heutige Schülerinnen des Gymnasiums haben es sich auf die Fahne geschrieben, den Lebensgeschichten und Schicksalen der acht Mädchen nachzuforschen. Foto: Michael Jaspers
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Forschen statt vergessen: Hannah Dudzinski, Rea Wermter, Annalena von Oesen, Smilla Comanns, Paula Hillermann, Klara Goergens, Zoe Stradal und Abinaya Prabakaran (auf dem Foto fehlen Maria Hüning und Sonja Becker) vom Aachener St.-Ursula-Gymnasium gehen mit Projektbetreuerin Josefine Marsden dem Schicksal von acht jüdischen Schülerinnen nach, die 1938 die Schule zwangsweise verlassen mussten. Foto: Michael Jaspers
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Eine Gedenktafel erinnert an die jüdischen Schülerinnen des St.-Ursula-Gymnasiums. Einige überlebten, andere wurden ermordet. Foto: Michael Jaspers
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Sie überlebte den Holocaust: Betty Adler. 1938 hieß sie Elsbeth Gottschalk. Foto: Reiner Hermanns

Aachen. Diese Geschichte beginnt kurz nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Gerade noch haben Ruth Levy, Karola Weil, Birgit Jacobsberg, Irmgard Tisch, Ruth Seelmann, Hannelore Greifenhagen, Birgit Alt und Elsbeth Gottschalk mit ihren Freundinnen auf dem Schulhof von St. Ursula gespielt. Doch nun ist damit Schluss. Aus, vorbei.

Die acht Mädchen müssen ihre Schule verlassen. Die Nazis haben es angeordnet. Die acht Mädchen sind Jüdinnen. Ihre Lebenslinien trennen sich an diesem Punkt. Zwei der Mädchen werden im Holocaust ermordet, anderen gelingt die Flucht, eine wird Widerstandskämpferin in Frankreich. Doch der Mantel der Vergessenheit breitet sich zunächst über ihnen aus.

Zeitsprung ins Jahr 2008, 70 Jahre später: Ein Brief landet auf dem Schreibtisch von Josefine Marsden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Schulleiterin am Aachener St.-Ursula-Gymnasium. Der Inhalt des Schreibens ist nicht leicht zu verdauen. Absender ist der Aachener Rolf Levy. Er ist der Cousin jener Ruth Levy, die 1938 von dieser Schule verbannt worden war. Rolf Levy selbst hatte den Holocaust überlebt. Ruth Levy nicht. Sie wurde wie ihre Eltern im KZ Theresienstadt brutal ermordet.

Und jetzt liegt da dieser Brief von Rolf Levy, der zeitlebens gegen das allgemeine Vergessen der Gräueltaten der Nazis angekämpft hat, vor Josefine Marsden. Wie sich die Schule zur Verbannung der jüdischen Mädchen 1938 stelle, will Levy wissen. Und wie es um ein Gedenken an sie bestellt sei, auf dass das Unrecht nicht in Vergessenheit gerate. Ein solches Gedenken gibt es jedoch zu diesem Zeitpunkt an der Schule nicht. Das wird sich nun ändern. Ein neues Kapitel dieser Geschichte wird geschrieben.

Denn Josefine Marsden und die Schulgemeinschaft treibt dieser Brief um. Ein Arbeitskreis wird ins Leben gerufen. Das Schicksal der acht Mädchen soll aufgearbeitet werden. Es soll eine Gedenkfeier geben. Und eine Gedenktafel. Lehrerin Uschi Lengersdorf wird sie gestalten. Sie malt mit grobem Pinselstrich einen Davidstern, in dessen noch feuchte Farbe die Namen der Mädchen geschrieben werden. Doch das Schicksal der Mädchen bleibt nicht alleine Sache des Lehrpersonals.

Es sind anfangs fünf Schülerinnen, die akribisch daran arbeiten, den weiteren Weg der Opfer von damals nachzuvollziehen und ans Tageslicht zu bringen. Die Gedenkveranstaltung findet schließlich am 26. Mai 2009 statt. Bei dieser Gedenkfeier fassen sie ihre Arbeit für sich selber unter anderem so zusammen: „Nur in dem Bewusstsein, selber aus den Geschehnissen der Vergangenheit für die Zukunft gelernt zu haben, nehmen wir als junge Generation die Verantwortung an, Menschen wie Birgit Alt, Elsbeth Gottschalk, Hannelore Greifenhagen, Birgit Jacobsberg, Ruth Levy, Ruth Seelmann, Irmgard Tisch und Karola Weil ein würdiges Andenken zu bewahren.“

Rückkehr nach Aachen

Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Arbeitskreis versucht, Biografien der acht Mädchen zu erstellen. Für Ruth Levy und ihre Eltern Heinrich und Selma sind „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig an der Heinrichsallee, ihrer Wohnanschrift vor der Deportation, verlegt worden. Auch bei Karola Weil geht man davon aus, dass sie ermordet wurde. Birgit Jacobsberg, Tochter eines Tuchfabrikanten, besuchte bei ihrer Verbannung von der Schule die Klasse 3b. Ob sie überlebt hat? Die Frage bleibt offen.

Ruth Seelmann schaffte es, bis nach Chile zu kommen, sie überlebte den Holocaust. Auch bei Irmgard Tisch wird davon ausgegangen, dass sie überlebte. Birgit Alt lebte nach dem Krieg in den USA, heiratete und hieß dann Birgit Alt-Rogers. 1992 besuchte sie Aachen auf Einladung der Stadt. Nach einem Brief an die Schule 2004 brach der Kontakt ab.

Die Familie von Elsbeth Gottschalk flieht nach Belgien und von dort aus nach Guatemala, um sich schließlich in Rhode Island/USA niederzulassen. Sie heiratet dort Carl Adler, heißt fortan Betty Adler. Auch sie besucht 1992 Aachen – und ihre alte Schule. Seitdem verbindet sie eine Freundschaft mit Josefine Marsden. Auf deren Einladung hin kommt sie tatsächlich zur Gedenkfeier an St. Ursula anno 2009.

Dort kommt es zu einem bewegenden Moment. Betty Adler und ihre einstige Mitschülerin Waltraud Kruse, frühere Bürgermeisterin Aachens, schließen sich nach all der Zeit in die Arme. Eine Art Happy End. Doch diese Geschichte ist damit nicht beendet. Die Arbeit gegen das Vergessen geht weiter. Da wäre zum Beispiel noch Hannelore Greifenhagen, deren Spur sich zunächst 1956 in Brüssel verliert. Nur sechs Wochen war sie, aus Berlin kommend, an St. Ursula.

Später lebte sie zunächst während des Krieges in Amsterdam. Ihr Vater wurde während einer Dienstreise verhaftet und 1943 in Dachau ermordet. Ebenfalls 1943 schloss sich Hannelore Greifenhagen der Widerstandsorganisation „Jüdische Armee“ in Südfrankreich an. Mitte der 1950er Jahre heiratete sie einen US-Bürger aus Texas und hieß nun Hannelore Wittner. Durch einen Zufall macht Lehrerin Judith Kemmann sie nun ausfindig. Ein Kontakt wird hergestellt.

Zeitsprung, Herbst 2017, 79 Jahre später: In einem Klassenraum des St.-Ursula-Gymnasiums haben sich an diesem Nachmittag Hannah Dudzinski, Rea Wermter, Annalena von Oesen, Smilla Comanns, Paula Hillermann, Klara Goergens, Zoe Stradal und Abinaya Prabakaran sowie Geschichtslehrer Karsten Breuer und Josefine Marsden – heute nicht mehr Schulleiterin, aber in vielerlei Hinsicht an St. Ursula weiter aktiv – versammelt.

Just acht Schülerinnen. Wie damals. Das allerdings ist Zufall. Denn eigentlich sind noch mehr an dem Projekt beteiligt. Sie sind die nächste Schülerinnengeneration, die an dieser Geschichte mit Hilfe von Lehrer Breuer und Projektbetreuerin Marsden weiterschreibt. Vor ihnen liegen Namenslisten, alte Klassenbücher, haufenweise Archivmaterial.

Es ist fast schon eine detektivische Arbeit. Sie alle leben in einer völlig anderen Zeit. Ja, sagen sie, es sei durchaus nicht leicht, sich in die Situation der Mädchen damals hineinzuversetzen. Die Angst vor Hunger, die Angst vor Verfolgung. Es ist eine völlig andere Art von Geschichtsunterricht. Eine, die jedoch auch die Schülerinnen von heute alles andere als kaltlässt.

Dass das Projekt von damals jetzt wieder richtig Drive bekommen hat, hängt damit zusammen, dass die Schicksale jener acht Schülerinnen anno 1938 als Teil der zentralen Gedenkfeier zur Pogromnacht heute im Aachener Rathaus thematisiert werden. Josefine Marsden ist selbst ein wenig überrascht: „Dass sich spontan so viele Schülerinnen dafür begeistern konnten, finde ich sehr bemerkenswert.“

Ein Zeichen dafür, dass die dunkelste deutsche Vergangenheit nicht auf Gleichgültigkeit trifft. „Das ist vor allem vor dem Hintergrund wichtig, dass es aktuell wieder politische Strömungen gibt, die die Aufarbeitung dieses Kapitels am liebsten ad acta legen wollen“, sagt Lehrer Karsten Breuer. Unter anderem entsprechende Äußerungen von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke mögen dafür nur ein Beleg sein.

Bei ihrer Arbeit haben die Schülerinnen auch ein Video auf Youtube gefunden. Es ist Hannelore Wittner, die dort über die Vergangenheit spricht. Und sie, die dem Teufel gerade noch von der Schippe gesprungen ist, sagt den Satz: „Wer hasst, ist kein guter Mensch.“

Die Schülerinnen werden diesen Satz wie vieles andere im Zusammenhang mit dem Schicksal der acht jüdischen Mädchen nicht vergessen. Und sie forschen weiter. Denn diese Geschichte, die im November 1938 auch am Aachener St.-Ursula-Gymnasium ihren Anfang nahm, darf im Sinne des Mahnens und Gedenkens niemals enden. Nirgendwo.

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