Aachener Region vor dem Bahninfarkt

Von: Udo Kals
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„Güter gehören auf die Bahn”, warb die Bundesbahn vor Jahrzehnten. Doch was passiert, wenn die Kapazitäten der Bahn nicht mehr ausreichen? Foto: dapd

Aachen. Nach Ergebnissen einer aktuellen Verkehrsstudie nähert sich die Aachener Region in Riesenzügen dem Bahninfarkt. Demnach wird die Zahl der Güterzüge auf der Strecke zwischen Aachen und Köln von derzeit täglich 87 auf 232 im Jahr 2025 steigen - fast eine Verdreifachung des Verkehrsaufkommens.

Wachsende Warenströme, die vor allem von den Nordseehäfen Antwerpen und Rotterdam quer durch NRW nach ganz Europa transportiert werden, sowie fehlende beziehungsweise nur eingeschränkt nutzbare Alternativrouten für Güterzüge seien wichtige Gründe für den dramatischen Anstieg in der Aachener Region, der deutlich über bisherige Prognosen hinausgeht.

Insgesamt rechnen die Experten vom Aachener Büro IVV vor, dass im Jahr 2025 täglich 400 Güter- und Personenzüge zwischen Aachen und Köln rollen werden, momentan sind es auf der zweigleisigen Strecke „nur” 255. Und damit ist eigentlich die Kapazitätsgrenze fast schon erreicht. So verweist die IVV-Studie auf Richtwerte, nach denen auf bestehenden Doppelspuren wie zwischen Aachen und Köln täglich maximal rund 280 Züge verkehren können; bei drei Gleisen sind dies demnach 460.

Für die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bettina Herlitzius, die mit der Grünen-Fraktion im Kölner Regionalrat das Gutachten beauftragt hatte, sind die vorgelegten Zahlen äußerst alarmierend. „Nach der Studie ist es für ein drittes Gleis vor allem zwischen Aachen und Düren eigentlich jetzt schon zu spät”, sagt die Politikerin aus Herzogenrath, die vehement ein Umlenken der Bundesmittel fordert.

„Nachdem in den vergangenen Jahren Gelder vor allem in Ost- und Süddeutschland investiert wurden, muss diese Bevorzugung nun ein Ende haben. Wir brauchen unbedingt ein Konjunkturpaket III für Investitionen in die Schiene an Rhein und Ruhr. Hier haben wir genügend Baustellen, die beispielsweise über eine Erhöhung der Lkw-Maut mitfinanziert werden könnten”, meint Herlitzius auch mit Blick auf den derzeit ebenfalls schon völlig überlasteten Knoten rund um den Kölner Hauptbahnhof sowie auf die nur zweigleisige Strecke zwischen Aachen und Düsseldorf.

Auch für diese Verbindung hat das Büro IVV im vergangenen Monat frische Daten erhoben - Ergebnis: Die Wissenschaftler haben nördlich des Bahnhofs Aachen-West täglich 233 Züge (166 Personen- und 67 Güterzüge) gezählt. Herlitzius: „Diese Zahl hat nicht nur mich überrascht. Diskutieren wir seit langem schon über ein drittes Gleis in Richtung Köln, naht auch in Richtung Düsseldorf beziehungsweise Mönchengladbach ein Infarkt.” Doch beide Projekte sind im Bundesverkehrswegeplan derzeit nicht vorgesehen.

Damit sich dies ändert, fordern die Grünen ein konzertiertes Vorgehen. „Es kann nicht sein, dass jede Region im Berliner Verkehrsministerium vorstellig wird und eine Resolution abgibt”, kritisiert Rolf Beu, Chef der Grünen-Fraktion im Regionalrat, den jüngsten Besuch einer Aachener Delegation in der Hauptstadt.

Vielmehr fordert er ein landesweites Vorgehen. „Wir verkaufen uns zurzeit suboptimal, wir müssen unsere Kräfte viel stärker bündeln.” Das sieht auch Herlitzius so: „Wir müssen uns in NRW auf einen Prioritätenkatalog einigen, um dann gemeinschaftlich und über Parteigrenzen hinweg bei Verkehrsminister Peter Ramsauer vorstellig zu werden.”

So schnell wie möglich soll ein runder Tisch gebildet werden, erste Gespräche liefen schon, sagt die Bundestagsabgeordnete und betont: „Die Zeit drängt.” Dabei kommt es ihr wie anderen Experten darauf an, dass möglichst kurzfristig schon kleinere Maßnahmen umgesetzt werden können, um den Flaschenhals rund um den Aachener Hauptbahnhof durchlässiger zu gestalten. „Es muss etwas geschehen.”

Denn der mögliche Ausbau der sogenannten Betuwe-Linie auf deutscher Seite, über die Güter von Rotterdam über Emmerich nach Duisburg gebracht werden sollen, helfe Aachen nicht, sagt Beu.

Und eine Reaktivierung des „Eisernen Rheins” - diese Linie soll Güter vom belgischen Antwerpen über die Niederlande und Wegberg im Kreis Heinsberg ins Ruhrgebiet bringen - stellen die Grünen gänzlich in Frage. Herlitzius: „Und so droht, dass immer mehr Güterzüge aus Antwerpen über die sogenannte Montzen-Linie und somit auch Aachen in Richtung Köln beziehungsweise Düsseldorf rollen werden.” Dabei rechnet allein der Antwerpener Hafen mit einer Verdoppelung des Güterumschlags zwischen 2010 und 2025...
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