Nordeifel - Aachener Polizei nimmt Motorradraser ins Visier

Aachener Polizei nimmt Motorradraser ins Visier

Von: ag
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Ein Paradies für Motorradfahrer: Die kurvenreichen Strecken rund um den Rursee locken besonders an Sommerwochenenden viele Motorradfahrer an. Nicht alle halten sich dabei an die Verkehrsregeln. Die Polizei ist deshalb regelmäßig auf zivilen Motorrädern mit Kameraeinrichtung unterwegs, um Verstöße zu ahnden. Foto: Andreas Gabbert
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Ein Bild aus der Kamera eines Provida-Krades der Aachener Polizei: Mehr als 200 km/h erreicht der Raser in einer langen Kurve vor dem Ortseingang Kesternich.
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Tod auf der Straße: Eine Kreidezeichnung markiert die Stelle eines Motorradunfalls. Foto: stock/ blickwinkel

Nordeifel. Schon von weitem ist das Jaulen des Motors zu hören, das ist das Signal für Michael Legorski. Er schließt das Visier und startet seine Maschine. Schon kommt der Raser angeflogen. Der Polizist Legorski nimmt die Verfolgung auf. Von einem Parkplatz in der Nähe von Einruhr geht es hinauf nach Kesternich.

Der Verfolgte hat offensichtlich bemerkt, dass ihm die Polizei in Zivil auf den Fersen ist und erhöht sein Tempo weiter. Die Fußrasten berühren den Boden, Funken schlagen. 100, 120, 150 Kilometer pro Stunde und mehr, die Tachonadel klettert immer wieder steil nach oben. Mit über 200 km/h geht es in die langgezogenen Kurven vor dem Ortseingang. Die Kamera des zivilen Polizeimotorrades zeichnet alles auf. Als die Manöver des Rasers immer waghalsiger werden, bricht Legorski die Verfolgung ab.

24 Schwerverletzte im Jahr 2011

„Wenn ich dahinter bleibe, wird möglicherweise noch jemand verletzt. Man selbst will ja auch gesund nach Hause kommen. Außerdem möchte man sich nicht vorwerfen lassen, jemanden zu jagen und zu treiben“, erklärt der Fahrer des Provida-Krads: So nennt die Polizei ihre zivilen Motorräder mit Kameraeinrichtung.

Die Polizei setzt verstärkt auf solche Kontrollen. Mit Erfolg, sagt sie. In den Jahren 2010, 2011 und 2012 waren jeweils zwei Tote Motorradfahrer rund um den Rursee zu beklagen. In diesem Jahr gab es noch keinen tödlichen Motorradunfall in der Nordeifel. 24 Schwerverletzte wurden im Jahr 2011 gezählt, 2012 waren es zwölf. In den Jahren 2009 bis 2012 wurden durch die Provida-Kradfahrer der Aachener Polizei insgesamt 2221 Verstöße festgestellt, die häufigsten bei der Geschwindigkeit und beim Überholen. In 226 Fällen war der Verstoß so gravierend, dass mit einem Fahrverbot zu rechnen war.

Dass die Eifel bei Motorradfahrern beliebt ist, hat für die Region positive wie negative Auswirkungen. Welchen Wirtschaftsfaktor die Biker darstellen, lässt sich bei schönem Wetter an der Bikerranch in Strauch gut beobachten. Dort befindet sich eine Art zentrale Anlaufstelle für Motorradfreunde. Hunderte Maschinen stehen dann dort auf den Parkplätzen und an der Straße, während ihre Fahrer auf der Terrasse ausspannen. Auf der anderen Seite sorgen die zahlreichen Motorräder für eine entsprechende Klangkulisse, auch im Nationalpark Eifel. Touristisch gesehen seien die Motorradfahrer aber attraktive Gäste, sagt Astrid Joraschky, Geschäftsführerin der Rurseetouristik. Bislang hätten sich auch noch keine Touristen über den Motorradlärm beklagt.

Die Parkplätze rund um den Rursee sind ebenso beliebte Treffpunkte der Motorradfahrer. Gerne werden sie auch als Start und Ziel für Wettrennen genutzt. Während die Gruppe wartet und die Zeit stoppt, versucht einer der ihren auf der sogenannten Rurbergrunde einen neuen Rekord aufzustellen. Später ist diese Kamikaze-Fahrt auch im Internet auf Youtube zu sehen, wo sich stolz damit gebrüstet wird. „Die Fahrer beherrschen ihre Maschinen oft recht gut, sie fahren aber eine Geschwindigkeit, die für Landstraßen überhaupt nicht geeignet ist. Die fahren die Strecke dann sechs bis sieben Mal. Immer waghalsiger und schließlich gibt es wieder einen Toten“, sagt der Leiter des Verkehrsdienstes der Aachener Polizei, Horst Peters. Was in den Youtube-Videos zu sehen ist, ist im Vergleich zu den Aufnahmen, die mit dem Provida-Krad gemacht werden, aber oft noch harmlos.

Vielen Anwohnern gehen die Motorradfahrer gehörig auf die Nerven. Dieter Palm, Herbert Steffen und Christoph Keischgens aus Kesternich haben die Nase voll. Schon lange fordern sie eine Ortsumgehung für ihr Dorf. „Das ist doch kaum noch auszuhalten, wenn am Wochenende die Höllenmaschinen bei uns einfliegen. Das ist der totale Wahnsinn“, sagt Herbert Steffen. „Im Garten ist es an solchen Tagen oft einfach nicht auszuhalten. Dann flüchte ich lieber“, sagt Dieter Palm.

Diese Problematik steht bei den Kontrollen der Polizei mit dem Provida-Krad aber nicht im Vordergrund. „Hauptsächlich geht es uns dabei um die Raser. Damit haben wir meist genug zu tun“, sagt Peters.

Michael Legorski ist einer von drei Beamten der Aachener Polizei, die eine spezielle Ausbildung für das Provida-Krad besitzen. Die neunte Saison ist er jetzt am Rursee unterwegs, längst hat er ein Gespür für seine Klientel entwickelt. Die üblichen Kandidaten würden keine Tourenmaschinen fahren. Oft erkenne man schon an der Art zu sitzen und an der Kleidung, welchen Fahrertyp man vor sich habe. „Und dann hängt man sich einfach mal dran“, sagt der Beamte.

„In 99,5 Prozent der Fälle kommen die Raser nicht davon, wenn wir sie im Visier haben. Es gibt auch Suizidkandidaten, die an Stellen überholen, an denen man nicht mehr folgt“, sagt Horst Peters. Die Fahrer des Provida-Krades entschieden selbst, wo ihre Grenze liegen. „Die Wahnsinnigen hätte man natürlich besonders gerne, das ist die Gefahr aber nicht wert“, sagt Peters.

Dinge, die man nicht vergisst

Die Polizisten, die rund um den Rursee die Geschwindigkeit und Fahrweise der Motorradfahrer kontrollieren, sind allesamt erfahrene Polizisten und haben während ihrer Laufbahn viel Elend gesehen. „In 40 Jahren Polizeidienst habe ich Angehörigen schon viel zu oft erklären müssen, dass ein Bruder, Kind oder Partner tödlich verunglückt ist. Das sind Dinge, die man nicht vergisst“, sagt Peters.

Inzwischen hat der Fahrer des Provida-Krades einen anderen Verkehrssünder gestellt und führt ihm in Rurberg am Rurseezentrum die Aufnahmen vor, die die Kamera gemacht hat. „Ich war wohl zu schnell“, sagt Hartmut Döhmen aus Hückelhoven, der mit seiner BMW R1200 auf dem Heimweg von der Mosel ist und zuckt mit den Achseln. Als typischen Raser würde sich Döhmen nicht bezeichnen. Zügig und sportlich fahre er schon, dazu steht der 57-Jährige. „Der Weg ist das Ziel, und Kurven fahren macht Spaß. Das ist der Grund, warum ich Motorrad fahre“, sagt er. Die Kontrollen der Polizei findet er „eigentlich schon richtig, weil es viele gibt, die wirklich übertreiben“. Über diese „besonderen Schwachmaten“ ärgert er sich auch, „denn die sorgen dafür, dass wir Motorradfahrer so einen schlechten Ruf haben“. Wahrscheinlich war er an diesem Tag mehr als 21 km/h zu schnell. Er muss nun mit einem Verwarnungsgeld rechnen. Das lässt sich aber erst nach der Analyse des Videos genau sagen. Sollten die Bilder nicht verwertbar sein, wird er nie wieder etwas von der Sache hören.

Wir wissen, dass sich bei einer Tour oft nicht genau an die Geschwindigkeit gehalten wird, meist ist das auch im Rahmen. Dann gibt es aber noch die Wahnsinnigen, die es wirklich übertreiben und oft die Ursache für schwere Unfälle sind“, sagt Peters.

Um die Zahl der Motorradunfälle in der Eifel zu senken, arbeitet die Aachener Polizei auch mit anderen Behörden im sogenannten Rheinischen Qualitätszirkel zusammen. Dabei handelt es sich um eine Kooperation der Polizeipräsidien Aachen, Düren und Euskirchen. Gemeinsam kontrollieren sie rund um den Rursee den Verkehr. Bei der letzten gemeinsamen Aktion stellte die Polizei 240 Verstöße fest, 168 gingen auf das Konto von Kradfahrern. „Es ist zwingend erforderlich, dass man etwas tut“, sagt Peters. Denn von einem ist er überzeugt: Bitten, warnen, und erklären bringt nichts. „Es nutzt nichts, die Fahrer schon in Strauch an der Bikerranch zu warnen. 100 Meter weiter drehen die wieder auf. Spätestens wenn man an einer Unfallstelle vorbei kommt, sollte man doch über seinen Fahrstil nachdenken. Offenbar geht das aber nur über das Portemonnaie“, sagt Peters. Die Unfallstatistik gibt ihm Recht. Die „Dummheit der Leute“ ärgert den Leiter des Verkehrsdienstes am meisten. Denn oft sind es nicht nur junge Menschen, die sich und andere um Kopf und Kragen fahren, sondern auch die Wiedereinsteiger, „die sich mit 45 ein dickes Ding kaufen und die Gesetze der Physik unterschätzen“.

Doppelte Leitplanken und gepolsterte Leitpfosten dienen der Sicherheit der Motorradfahrer und haben in der Vergangenheit schon manches Mal Schlimmeres verhindert. „Diese Maßnahmen gibt es nicht umsonst. Man könnte sich aber auch auf den Standpunkt stellen, wenn nicht so schnell gefahren wird, passiert auch nichts“, sagt Peters. Nach acht Stunden am Rursee ist die Schicht für Michael Ligorski vorbei. 15 Ordnungswidrigkeitsanzeigen sind an solchen Tagen für ihn eine gute Bilanz. Er hat schon schlimmere Tage erlebt.

(Name von der Redaktion geändert)

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