Aachener Physiker: 600.000 Fußballspiele und eine Frage

Von: Christopher Gerards
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„Überwiegend ist es Interesse“: Yannick Berker hat für seine Studie 600 000 Fußballspiele simuliert.
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„Wenn Tschechien ein Tor schießt, passiert etwas Wildes“ – und genau so kam es am 16. Juni 2012 während der Vorrunde der EM im Spiel gegen Polen. Das war der Zeitpunkt, an dem der Aachener Physiker Yannick Berker begann, sich mit den unterschiedlichen Spielmodi von EM und WM zu befassen und mit der Frage: Hat die Ungerechtigkeit System? Foto: sport/Ulmer, Christopher Gerards

Aachen. Berker hatte sich vor den Fernseher gesetzt, das ZDF zeigte die Fußballeuropameisterschaft, Gruppe A, der letzte Spieltag, 16. Juni 2012. Russland traf auf Griechenland und Tschechien auf Polen, jetzt kam die Halbzeit und mit ihr der Moment, in dem Berker auf die Blitztabelle sah und sich zu wundern begann. Er saß neben seiner Familie, so erzählt er es, und sagte: „Wenn Tschechien ein Tor schießt, passiert etwas Wildes.“

Etwa eine halbe Stunde später rannte ein tschechischer Spieler nach vorne, erhielt den Ball, schlug einen Haken. Schoss. Und die Dinge wurden kompliziert. Berker sagt: „Unintuitiv.“

Man könnte das seither genauso gut über ihn selbst sagen: Yannick Berker, 30, Dipl.-Ing., M.Sc., M.Sc., Physiker und Promotionsstudent. Nun auch: Fußballforscher. Der, der die Gruppenmodi von Europa- und Weltmeisterschaften verglichen hat, einfach so.

Die Kurzfassung des Abends, in dessen Folge Berker die Gruppenmodi von Europa- und Weltmeisterschaften zu vergleichen begann, geht so: Griechenland hatte zur Halbzeit 1:0 gegen Russland geführt. Zwischen Tschechien und Polen stand es 0:0. Russland, Griechenland und Tschechien hätten damit nach drei Spielen vier Punkte gehabt, Polen drei. Wäre alles so geblieben, wäre Russland vor Griechenland weitergekommen, der direkte Vergleich entscheidet bei Uefa-Europameisterschaften. Denn trotz der drohenden Niederlage gegen Griechenland war die russische Mannschaft am besten, sie hatte zuvor 4:1 gegen Tschechien gewonnen. Dann kam die 72. Spielminute, Tschechien schoss ein Tor, und alles änderte sich: Tschechien hatte sechs Punkte und war erster; und Russland lag auf einmal hinter Griechenland, wegen des direkten Vergleichs. Ein Spiel hatte das Abschneiden zweier Mannschaften beeinflusst, die nicht beteiligt waren. Berker fragte sich: „Ist das ein Riesenzufall – oder hat das System?“

Den ersten Programmcode schrieb Berker an einem einzigen Abend, darüber, „wie die Uefa die Mannschaften sortiert“. Die Kollegen haben ihn „ein bisschen schräg angeschaut, die fanden das nicht so wichtig“. Berker fand das schon. Viele Abende saß er an der Studie, „und ich habe mir jedes Mal gedacht: Du hast jetzt schon so viel Zeit investiert, da hörst Du nicht einfach auf“.

Als Berker zum Fußball kam, war er „sechs, sieben, acht“ Jahre alt, sein Vater hatte ihn mit ins Stadion genommen, Borussia Dortmund. Er geht heute noch hin, gut 15 Mal allein in dieser Saison. Berker ist ein ziemlich gutes Argument gegen jeden, der behauptet, Physiker seien in irgendeiner Weise weniger fußballaffin als andere Berufsgruppen. Wenn er im Stadion steht, dann brüllt Berker mit, „das gehört auf der Südtribüne dazu“. Er kann ein sehr emotionaler Beobachter sein, denn „wer einmal im Westfalenstadion stand, der kann nicht unemotional sein“, so sieht Berker das.

Er kann aber auch ein sehr analytischer Beobachter sein. Er fragt, warum die Dinge sind, wie sie sind, und ob sie nicht anders werden können. Er hat das DFB-Pokalfinale gesehen, das Dortmunder Tor, das nicht anerkannt wurde, da haben natürlich alle diskutiert. Berker sagt: „Ich war schon vorher für die Torlinientechnik.“ In den USA hat er Eishockey angeschaut, und so wie er es sieht, rauben Videoentscheide dem Spiel ganz sicher nicht die Seele, auch wenn die Technikpessimisten das behaupten mögen. Ihn überzeugen Argumente und Erfahrungen, keine Stimmungen.

Keine Südtribünenprosa

Er nimmt den Aufzug auf dem Weg in sein Büro, den Tag hat er im Flugzeug und in der Bahn verbracht, eine Konferenz in Athen. Er arbeitet im Medizintechnischen Zentrum, wenige hundert Meter neben der Aachener Uniklinik gelegen, zweites Obergeschoss, vom Gang aus links. Mehrere Rechner, ein Whiteboard, Pflanzen; ein heller, funktionaler Raum.

Berker promoviert an der RWTH Aachen zum Thema medizinische Bildgebung. Grob gesagt: Früher gab es nur separate Verfahren, entweder über Radiowellen (MRT) oder über Strahlung (PET). Mittlerweile gibt es Kombigeräte, Berker untersucht sie. Mit seinen Studienfächern könnte er eine halbe Fußballmannschaft versorgen, Berker hat mehr Titel gesammelt als Deutschland bei Europameisterschaften: Zuerst hat er an der RWTH Elektrotechnik studiert, nach sieben Jahren erhielt er sein Diplom. Weil ihm nach einem Jahr langweilig wurde, begann er parallel mit Medizin, brach aber ab – das Fach war für seinen Geschmack zu sehr auf den Beruf des Arztes ausgerichtet. Es folgten zwei Abschlüsse in Physik in Frankreich und in Deutschland, jetzt promoviert Berker und studiert daneben Mathe an der Fernuni. Es gehe ihm nicht so sehr um die Karriere, sagt er, „überwiegend ist es Interesse. Und ein bisschen die Herausforderung“. Bei seiner Fußballforschung war das nicht anders.

In seiner Studie hat Berker historische Ergebnisse ausgewertet und 600 000 Spiele simuliert. Er fand heraus, dass Fälle, wie sie zwischen Griechenland, Russland und Tschechien bei der EM 2012 auftraten, bei Europameisterschaften deutlich wahrscheinlicher sind als bei Weltmeisterschaften. Denn wenn zwei Mannschaften gleich viele Punkte haben, entscheidet bei der EM der direkte Vergleich; bei der WM ist es das Torverhältnis. Er meidet das Wort „Gerechtigkeit“, es ist ihm zu wertend. „Gerechter?“, sagt er, „hach, das ist schwierig.“ Er sagt: „Nicht ungerecht. Ungewöhnlich. Unintuitiv.“ Den Effekt nennt Berker „nicht-autonomes relatives Ranking“, alles andere als Südtribünenprosa. Er sagt: „In zehn Prozent der EM-Gruppen wäre durch ein einziges Tor rückwirkend nicht-autonomes relatives Ranking möglich.“

Die Dialektik des Fußballs

Er kann solche Sätze aussprechen und wenig später von der Atmosphäre im Dortmunder Stadion schwärmen. „Wer einmal auf der Südtribüne stand, der will nicht mehr sitzen“, sagt er dann. Manchmal wirkt er wie die personifizierte Dialektik des Fußballs, er ist ein Beobachter zwischen Emotionalität und Rationalität, einer, der das Spiel genießen und bestmöglich verstehen möchte zugleich.

Seine Studie ist seit April in der Welt, und ehrlich gesagt: Es läuft gar nicht schlecht. Mittlerweile haben sie rund 100 Menschen aufgerufen, das Hochschulradio hat sich gemeldet, unsere Zeitung und auch zwei überregionale. Von der Uefa hat Berker nichts gehört, er glaubt, dass seine Studie keine öffentliche Debatte entfachen wird. Die Wissenschaft hält sich auch zurück, Kontroversen entstehen langsam, und seine Arbeit ist noch jung. Berker hat zudem keine Konferenzen besucht, auf denen er die Studie hätte bekannt machen können. Schließlich, sagt er, sei es ja nur eine Nebenbeschäftigung gewesen.

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