Aachener Medizinstudenten kämpfen mit Glitzerstaub gegen Viren

Von: Valerie Barsig
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Die Medizinstudenten Laura Olmos, Julia Neuhaus (vorne, von links), Felix Hardt, Kristian Pruin und Patrick Schulte (hinten) haben in Aachen einen Ableger der Studentenorganisation „Global Brigades“ gegründet und fliegen bald nach Nicaragua. Foto: Valerie Barsig
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Und dort geht es hin: Das Dorf El Naranjo liegt in der Nähe der Stadt Matagalpa. Grafik: Claßen

Aachen. Mit Glitzerstaub kann man an Karneval so einige Verkleidungen aufpeppen. Glitzerstaub kann man im Februar, wenn es soweit ist, aber auch ganz anders verwenden: Zum Beispiel als Hilfsmittel in Nicaragua.

Man kann Glitzerstaub auf die Hände reiben, um zu zeigen, dass sich das glänzende Puder ganz schnell von der eigenen Hand zu der einer anderen Person verbreitet – wie Bakterien und Viren. Und man kann zeigen, dass genau das nicht passiert, wenn man sich die Hände wäscht.

Das jedenfalls erzählt Felix Hardt (22), Medizinstudent im fünften Semester an der RWTH in Aachen. Er ist einer der Mitbegründer der Studentenorganisation „Global Brigades“ in Aachen und wird im Februar – also zur Karnevalszeit – mit vier seiner Kommilitonen nach Nicaragua fliegen und dort in einem Dorf helfen, Latrinen und Wassertanks zu bauen. Die Organisation agiert weltweit. In den USA und Kanada ist sie etwa so bekannt, wie hierzulande das Rote Kreuz. In Deutschland gibt es bisher vier Hochschulgruppen der Global Brigades in Münster, Bayreuth, München und nun auch in Aachen.

Nachhaltig helfen

Als erster der fünf hat Kristian Pruin (22) von der Organisation gehört. Einer Freundin, die in Maastricht studiert und ein Global-Brigades-Mitglied aus Münster kennt, erzählte ihm von dem Konzept. Kristian war sofort begeistert und stieß die Gründung einer Hochschulgruppe in Aachen an. Um erste Erfahrungen zu sammeln, kooperieren die Aachener Medizinstudenten mit der Gruppe aus Münster. Mit zehn Leuten von dort fliegen sie im Februar nach Nicaragua, zum Hilfseinsatz.

„Dass man den Menschen dort beibringen muss, sich die Hände zu waschen, damit Krankheiten nicht übertragen werden, klingt für uns sicher trivial. Aber man kann mit so einfachen Mitteln schnell und effektiv helfen.“ Kristian wird gemeinsam mit Felix, Laura Olmos (21), Julia Neuhaus (27) und Patrick Schulte (22) zehn Tage in Nicaragua verbringen und eine sogenannte Brigade durchführen, also einen Hilfseinsatz vor Ort.

Die Einsätze der Global-Brigades-Studenten finden in Dörfern in Honduras, Nicaragua, Panama und Ghana statt. Studenten arbeiten dort mit Mitarbeitern vor Ort zusammen. Die Studenten sind in Hochschulgruppen eingeteilt, die sie selbstständig an Universitäten auf der ganzen Welt bilden.

Ziel der Hilfseinsätze ist es, ein Dorf nachhaltig in seiner Entwicklung weiterzubringen. „Es geht nicht darum, Entwicklungshilfe zu leisten, sondern Entwicklungszusammenarbeit“, sagt Laura Olmos. Denn über Global Brigades werden auch Leute vor Ort zum Beispiel zu Maurern ausgebildet, die dann wiederum bei den Brigaden dabei sind. Die Hilfseinsätze gliedern sich in einzelne Stufen; Je nachdem, wie weit ein Dorf entwickelt ist, sorgen die Studenten gemeinsam mit den Bewohnern zunächst für die Grundversorgung mit Wasser, medizinischer Hilfe und Infrastruktur. Dann wird für Kinder der Zugang zu Schulen ermöglicht und ein Mikrofinanzsystem aufgebaut – immer gemeinsam mit Partnern vor Ort.

Für die Studenten aus Aachen und Münster geht es zu einem „Public-Health“-Einsatz in das nicaraguanische Dorf El Naranjo im Norden des Landes. Es liegt nahe der Stadt Mantagalpa. In dem kleinen Dorf verdienen die Menschen ihren Lebensunterhalt vor allem mit dem Anbau von Bananen. Die Studenten planen, Latrinen für die Menschen im Dorf zu bauen, die vorhandenen Brunnen mit Wassertanks zu verbinden und die Menschen im Dorf über wesentliche Hygienemaßnahmen aufzuklären, damit Krankheiten wie Atemwegsinfektionen oder Durchfälle weniger werden.

Projektkosten über Spenden

Acht Jahre lang werden die Dörfer von den verschiedenen Brigaden unterstützt, bis Grundversorgung, Bildung und Kreditaufnahmen erreicht sind. Eigentlich ist das Partnerland der Brigaden aus Deutschland Ghana. Da dort aber mit einer möglichen Gefahr durch Ebola zu rechnen ist, werden im Moment keine Brigaden mehr dorthin geschickt. Deshalb fliegen die Aachener Studenten nach Nicaragua. Neben dem Flug, der etwa 800 Euro kostet, müssen sie auch noch Projektkosten von 750 Euro bezahlen. Die, so hoffen sie, bekommen sie über Spenden zurück. Wenn nicht, fliegen sie trotzdem. „Das Geld brauchen wir für Baumaterialien“, sagt Kristian.

Wenn es im Februar losgeht, ist in Nicaragua gerade Trockenzeit. Beim Bau der Latrinen müssen sich die Familien mit einem symbolischen Eigenanteil beteiligen. „Das ist deshalb gut, weil man gemerkt hat, dass es etwas anderes ist, wenn die Familien mithelfen und sich symbolisch beteiligen. Etwas eigenes zu pflegen fällt leichter, als etwas zu pflegen, was einem vor die Nase gesetzt wurde“, sagt Laura Olmos. Julia Neuhaus sagt, sie freue sich vor allem darauf, auch eine neue Kultur kennenzulernen. „Abgesehen davon, dass wir dort helfen, wollen wir auch von den Menschen dort lernen.“

Deshalb haben sie sich Zeit freigeschaufelt, trotz Medizinstudium. Eigentlich braucht eine Brigade ein Jahr Vorlaufzeit. „Weil wir uns an die Münsteraner gehängt haben, haben wir jetzt allerdings weniger Zeit“, sagt Kristian. Gerade genug, um sich noch schnell impfen zu lassen – von Studienkollegen, die gerade ein Seminar über Reisemedizin besuchen. „Es trifft sich ganz gut, dass die Studenten dort Leute suchen, an denen sie das Impfen üben können. Wir haben uns sofort freiwillig gemeldet“, sagt Laura Olmos. Gegen Tollwut, Hepatitis A und B und Typhus müssen sich die fünf seit ihrer Gründung vor rund zwei Monaten wappnen.

Eine weitere Hürde in Nicaragua wird die Sprache sein: Zwar spricht Laura fließend spanisch, die anderen allerdings nicht. Felix macht gerade einen Sprachkurs an der RWTH. Die ersten 800 Vokabeln hat er schon intus, sagt er. „Trotzdem werde ich kein perfektes Spanisch sprechen im Februar.“ Helfen wird ihnen ein Übersetzer, der mit dabei ist.

Überall Begleitung

Dass Nicaragua ein Land mit hoher Kriminalitätsrate ist, beunruhigt die Fünf nur wenig. „Wir werden überall hin gebracht, deshalb mache ich mir da keine großen Sorgen“, sagt Laura.

Bis es im Februar so weit ist, werden alle an Videotutorials im Internet teilnehmen, durch die sie lernen, wie man eine Gruppe organisiert, eine Reise in ein Land wie Nicaragua vorbereitet und auch mit wenigen Sprachkenntnissen Wissen vermittelt – zum Beispiel an Kinder. Der Glitzerstaub ist da sicherlich schon ein guter Ansatz.

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