Aachen - Aachener JVA-Leiterin Reina Blikslager hört auf

Aachener JVA-Leiterin Reina Blikslager hört auf

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
15795683.jpg
Nach neun turbulenten Jahren als Leiterin der Aachener JVA ist am 8. Dezember Schluss: Reina Blikslager geht in den Ruhestand. Nach dem Ausbruch zweier Schwerverbrecher stand sie 2009 wochenlang in den Schlagzeilen. „Das war schon heftig“, sagt sie im Rückblick. Foto: Andreas Steindl
15795685.jpg
Vorübergehendes Zuhause von rund 700 Häftlingen, um die sich 380 Beschäftigte kümmern: die Aachener Justizvollzugsanstalt aus der Vogelperspektive. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Am 11. Dezember wird wohl jemand hier sitzen.“ Reina Blikslager lächelt. „Alles andere wäre ja auch schlecht“, fügt die langjährige Leiterin der Justizvollzugsanstalt Aachen hinzu. In der Tat. Denn am kommenden Freitag – also dem 8. Dezember – wird die gebürtige Norddeutsche zum letzten Mal in ihrem Büro in dem riesigen Gefängniskomplex am Rande der Aachener Innenstadt sitzen.

Allerdings hat die JVA mit ihren rund 700 Gefangenen – zum großen Teil Schwerverbrecher – und etwa 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern derzeit auch keine stellvertretende Leitung. Blikslagers „Vize“ Charlotte Adams-Dolfen übernahm Anfang November die Leitung der JVA Willich II.

Es müssen also gleich zwei neue Führungskräfte her. Zumindest eine davon steht jetzt fest. Laut Peter Marchlewski, Sprecher des NRW-Justizministeriums, tritt just an diesem 11. Dezember erneut eine Frau die Leitung der Aachener JVA an. Und zwar Elke Krüger (siehe Zusatzinfo). Sie leitet bisher die ähnlich große Justizvollzugsanstalt in Düsseldorf.

Unfreiwillig im Rampenlicht

Reina Blikslager hat indes in ihrem rund zehn Jahren als Leiterin des Aachener Knasts – sie trat ihren Posten 2008 an – stürmische Zeiten erlebt. Und manchen Alptraum. Immer wieder rückte die Juristin, die vorher sechseinhalb Jahre in Dortmund tätig war, unfreiwillig ins öffentliche Rampenlicht. Vor allem natürlich beim spektakulären – und bislang einzigen – Ausbruch aus dem noch recht jungen Gefängnis, das 1995 eröffnet wurde.

Am 26. November 2009 konnten die Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Paul Michalski fliehen, nachdem sie einen JVA-Beamten überwältigt hatten. Später kam heraus, dass sie bei ihrer Flucht tatkräftige Hilfe durch einen anderen Beamten hatten. Fast fünf Tage waren sie – der eine unter anderem ein Geiselnehmer, der andere ein Mörder – auf der Flucht und nahmen auch dabei mehrfach Geiseln, bevor sie gestellt werden konnten.

Dieser Ausbruch – Reina Blikslager benutzt lieber den offiziellen Begriff „Entweichung“ – sorgte bis in den Landtag hinein für Zündstoff. Die damalige Opposition ging auf Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) los. Die JVA-Leiterin geriet mit ins Kreuzfeuer – auch der Medien. „Die Ministerin wurde damals gejagt. Ich war der Kollateralschaden“, erinnert sie sich naturgemäß nur ungerne an diese Zeit und fügt hinzu: „Wenn Beamte kriminell werden, dann ist man machtlos.“ Trotzdem ließ sie der Wirbel nicht kalt: „Das war schon heftig“, meint Blikslager, „aber ich habe es gut durchgestanden. Ich bin robust strukturiert. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn ich mir persönlich etwas vorzuwerfen gehabt hätte, was aber nicht der Fall war.“

Geändert hat die Leiterin anschließend trotzdem etwas im Arbeitsablauf, nämlich bei den Ablösungen an der Pforte. Heute bekennt Blikslager, dass das eigentlich eher eine Art „Showmaßnahme“ war: „Ich habe das gar nicht für nötig gehalten, das wollte aber niemand hören. Es ist dann aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit gemacht worden. Es wurde halt auf Veränderungen gedrängt.“

Politik und Wirklichkeit

Das sollte jedoch nicht das einzige Mal bleiben, dass Reina Blikslager in die Kritik geriet. 2011 war es zum Beispiel wieder soweit, als ein „Hafturlauber“ aus der JVA an einer Schlägerei beteiligt gewesen sein sollte. Dabei wurde in Aachen ein Mann so schwer verletzt, dass er starb. Und wieder ging es in Düsseldorf zur Sache, nun mit der CDU in der Opposition. Deren Justizexperte Peter Biesenbach forderte damals die Abberufung Blikslagers wegen angeblich schwerer Beurteilungsfehler. In einigen Medien war vom „Skandalknast Aachen“ die Rede. Justizminister war zu diesem Zeitpunkt Thomas Kutschaty (SPD), der sich aber voll hinter die JVA-Chefin stellte. Der vermeintliche Täter wurde vor Gericht später freigesprochen.

Den nächsten Vorfall gab es im Januar 2016, als die Aachener JVA abermals mit einer Flucht konfrontiert war. Diesmal allerdings keine aus dem Gefängnis selber heraus. Vielmehr entkam ein Vergewaltiger bei einer Ausführung zwei JVA-Beamten in einem Kölner Brauhaus, wo er unbewacht einen Toilettengang zur Flucht nutzte. Drei Tage lang wurde fieberhaft nach ihm gefahndet, bevor man ihn fand. Als Reina Blikslager von der Flucht hörte, war ihre Reaktion nach eigener Aussage: „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“ Auch im Rückblick ist sie noch sauer: „Das hat mich mächtig geärgert. Das war nicht nötig.“ Strafrechtlich gesehen wurden die beiden Beamten letztlich vom Vorwurf der Gefangenenbefreiung in zwei Instanzen freigesprochen.

Doch das mit den Ausführungen ist eben so eine Sache. Womit man bei einem Thema wäre, das Reina Blikslager über die Jahre hinweg weit mehr – nämlich täglich – beschäftigt hat als die öffentlichkeitswirksamen Vorfälle: Personal. Etwa in Zeiten des Heckhoff/Michalski-Ausbruchs meldeten sich etliche JVA-Beamte bei unserer Zeitung und klagten über extreme Personalknappheit und machten dadurch auch erhebliche Gefahren für die Sicherheit aus. Damals gab es einen enormen Krankenstand und Überstundenberg.

Und heute? „Das hat sich positiv entwickelt“, sagt Blikslager. Bei den Überstunden liege man unter dem Durchschnitt der NRW-Haftanstalten. Trotzdem bleibt die Personaldecke dünn. Auch deshalb, weil sich die Gesetzeslage dergestalt geändert hat, dass in bestimmten Bereichen deutlich mehr und zeitintensiver bürokratischer Aufwand betrieben werden muss. So etwa, wenn es um Anträge auf Haftlockerungen geht. „Wenn wir meinen, dass in einem bestimmten Fall Haftlockerungen nicht angeraten sind, müssen wir das der Strafvollstreckungskammer beim Landgericht viel umfangreicher als früher begründen.“ Auch mehr „Ausführungen zum Erhalt der Lebenstüchtigkeit“ der Gefangenen sind festgelegt. Nach zehn Jahren Haft steht dem Gefangenen demnach eine Aufführung pro Jahr zu. Es gibt aber auch Anträge auf frühere Ausführung.

Mehr Bürokratie, kein Personal

Blikslager sagt ganz klar: „Wir erfüllen unsere gesetzlichen Aufgaben. Aber Zückerchen darüber hinaus sind nicht drin, denn sonst könnten wir bei 700 Gefangenen nichts anderes mehr machen.“ Vor diesem Hintergrund war sie in gewisser Weise froh, dass die Abteilung für Sicherungsverwahrte vor einiger Zeit in die JVA Werl ausgelagert wurde, denn dieser Klientel stehen sogar vier Ausführungen pro Jahr zu – mit dem entsprechend riesigen Personalaufwand. Auf die Frage, ob es denn für den massiv gestiegenen Aufwand auch mehr Stellen gebe, lächelt Reina Blikslager vielsagend, um dann zu sagen: „Nein.“ Nur im Rahmen eines Integrationsprogramms habe es einen Zuschlag gegeben.

Aber selbst wenn es das Plus an Stellen geben würde: Schon die vorhandenen können kaum besetzt werden. Es mangele nicht an Bewerbern im Vollzugsdienst, aber viele hätten die Eignung nicht. Erst gar nicht besetzt bekommt die JVA ihre beiden Stellen für Ärzte. Für Blikslager kaum verständlich: „Es gibt keinen Schichtdienst, keine Bereitschaft, und am Verdienst kann es auch nicht liegen.“

Ewige Baustellen sind Dinge wie Drogen und Handys, die in den Knast geschmuggelt werden. Regelmäßig wird das eine oder andere bei Gefangenen gefunden. Auch das könne man nicht gänzlich verhindern. Man könne nicht jeden, der ein- und ausgeht, einer Leibesvisitation unterziehen. Und das seien einige – Besucher, Rechtsanwälte oder auch die Mitarbeiter selber, wie Blikslager sagt, ohne dabei einen konkreten Verdacht zu äußern. Und wie steht es mit der Gewalt hinter den Mauern? Da sagt die JVA-Leiterin überraschend, dass diese eher abgenommen habe – anders, als man es über Gewaltdelikte „draußen“ etwa von der Polizei hört. „Die meisten der Gefangenen wollen einfach in Ruhe gelassen werden“, so Blikslager. Klar gebe es auch immer Mal Querulanten. Und zugenommen hätten psychologische Auffälligkeiten. „Aber unser Personal ist sehr gut ausgebildet.“

Unter dem Strich habe sie viel Herzblut in ihren Job und auch die Aachener JVA gesteckt, die ihr ans Herz gewachsen sei, sagt Reina Blikslager. Am Herzen hat ihr etwa die Kultur gelegen. Viele Angebote wurden in diesem Bereich aufgebaut. Trotzdem ist sie nicht unglücklich, dass nun Schluss ist: „Ich freue mich. Jetzt ist es gut.“

Übrigens: Besagter Peter Biesenbach, der einst quasi ihren Kopf forderte, ist jetzt Justizminister. Und jetzt darf er Reina Blikslager tatsächlich doch noch verabschieden – allerdings in den Ruhestand. Und vermutlich mit vielen lobenden Worten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert