Aachener Firma sucht die typische Stimme der Region

Von: André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
12496747.jpg
„Was gefällt dir an der Region besonders gut?“: Das ist eine von drei Fragen, die Menschen aus der Region in der Stimmenbox beantworten können. Im Moment steht sie auf dem CHIO-Gelände. Foto: Bernd Born
12496526.jpg
180.000 Merkmale werden analysiert: Das Programm stammt von Dirk Gratzels Firma Precire Technologies. Foto: André Schaefer

Aachen. Es sind bloß drei simple Fragen. Und ebenso simpel dürfte es sein, sie zu beantworten. „Was gefällt dir an der Region besonders gut?“, „Wenn du einen Tag Kaiserin oder Kaiser von Aachen wärst – was würdest du ändern?“ Und: „Bitte beschreibe die Menschen in der Region – was macht sie so besonders?“ Jede dieser Fragen zu beantworten dauert vielleicht 30 Sekunden, höchstens eine Minute.

Nicht viel also für das wohl größte Sprach-Experiment, das es je in der Region gegeben hat. Noch dazu ist es ein überschaubarer Aufwand, um einen ebenso einzigartigen Titel zu vergeben: die Stimme der Region.

Dirk Gratzel weiß genau, wen er sucht. Was er aber nicht weiß: wie das Ergebnis ausfallen wird. Gratzel ist Geschäftsführer und Gründer des Aachener Unternehmens Precire Technologies. Die 2013 gegründete Firma ist auf die Analyse von Sprache spezialisiert, bis vor drei Wochen hieß das 35 Mitarbeiter große Unternehmen noch Psyware.

Ihren neuen Namen hat die Firma ihrem Analysetool Precire zu verdanken – ein Modell, das anhand der gesprochenen Sprache eines Menschen ziemlich genau Aufschlüsse über die Persönlichkeit des Sprechers gewinnt. Nur steht dieses Mal – ausnahmsweise – nicht die Persönlichkeit im Vordergrund, sondern vielmehr die Stimme an sich. „Wir suchen die Stimme der Region“, sagt Gratzel. Bis zum 25. September soll sie gefunden werden.

Gemeinsam mit NetAachen geben Gratzel und seine Mitarbeiter der Region im Rahmen der Initiative „Aachen 2025“ unter anderem einen Überblick darüber, wie Kommunikation sich in den kommenden Jahren entwickelt. Ein großes Event zu „Aachen 2025“, das am Wochenende vom 23. bis 25. September in Aachen stattfinden wird, soll mit einem vielseitigen Programm Einblicke in die digitale Zukunft geben. Und genau diese Gelegenheit haben beide Unternehmen nun genutzt, eine Stimmenbox zu entwerfen, die zum Mitmachen anregen soll.

Bei der Box handelt es sich um einen Apparat, der stark an eine Telefonzelle erinnert. Und tatsächlich kann man auch dabei zum Hörer greifen und drauf lossprechen. Drei Fragen, drei Antworten. Mehr nicht. Gesucht wird kein Aachener, Dürener oder Heinsberger Urgestein, das mit besonders ausgeprägtem Dialekt überzeugt; kein Rhetorik-Genie; und auch kein Sprachexperte: „Was wir suchen, ist eine Person, die einfach die typischste regionsspezifische Art zu sprechen besitzt“, sagt Gratzel. Wichtig dabei: Es sollte frei gesprochen werden. Die Box erkennt, wer seinen vorgefertigten Text abliest.

Der Durchschnitt gewinnt

Jetzt könnte man sich an dieser Stelle die Frage stellen, wie er sich denn anhören mag, der Mann mit der typischen Regionsstimme; oder eben die Frau, die wie die typische Bürgerin aus der Region klingt. „Wie solch eine Person klingen wird oder klingen muss, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht“, sagt Gratzel. „Je mehr Leute wir zum Mitmachen animieren können, desto aussagekräftiger wird das Ergebnis. Wir errechnen sozusagen einen Mittelwert. Und wer am meisten diesem Durchschnitt entspricht, gewinnt.“

Was sich ganz einfach anhört, ist sehr kompliziert. Precire gelingt es, mehr als 180.000 Merkmale einer Stimme zu analysieren: Es geht um das Sprechtempo, den Klang, die Lautstärke oder die gewählten Wörter in ihrer Zusammensetzung. „Wenn wir eine Stimme analysieren, dann analysieren wir eine richtige Datenwolke“, sagt Gratzel.

Und genau diese Datenwolke mit all den Stimmen der teilnehmenden Menschen soll noch einen weiteren Mehrwert bieten: „Wir nutzen diese Aktion auch, um genaue Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwieweit sich die Menschen aus der Region in ihrer Art zu sprechen beispielsweise von einem Menschen aus Süddeutschland unterscheiden“, sagt Gratzel. „Ein größeres Sprach-Experiment hat es hier in der Region noch nicht gegeben.“

Seit drei Jahren spezialisiert sich das Aachener Unternehmen auf die automatisierte Sprachanalyse. Precire Technologies beschäftigt Psychologen, Mathematiker, IT-Spezialisten und Wirtschaftswissenschaftler unter einem Dach. Ihr Modell kommt bereits in unterschiedlichsten Branchen zum Einsatz: Krankenkassen etwa nutzen die psycholinguistische Software, um mittels eines Telefonats das Befinden eines Menschen zu untersuchen.

„Leidet ein Mensch unter besonderem Stress oder gesundheitsgefährdeten Belastungen, so erkennt unsere Software das frühzeitig“, erklärt Gratzel. Auch im Recruiting greifen namhafte Unternehmen zu dem Aachener Modell, um neues Personal zu finden, das einem bestimmten Profil entsprechen soll. „Bei einem Bewerbungsgespräch kann sich ein Bewerber verstellen, um dem Unternehmen zu gefallen. Unsere Software durchdringt aber den wahren Charakter eines Menschen“, sagt Gratzel.

Verstellen sollen sich die interessierten Teilnehmer beim Betreten der Stimmenbox in den kommenden Wochen nicht, im Gegenteil. Gratzel sagt: „Wir wollen, dass die Menschen frei von der Leber weg reden.“

Ausgezeichnet wird die Stimme der Region am 25. September im Kasino des Zeitungsverlags Aachen im Rahmen des Events „Aachen 2025“. Und die Teilnahme lohnt sich: Auf den Sieger wartet ein Einkaufsbummel im Wert von 2025 Euro.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert